Trotz der geringeren Schußfläche , die er zu bieten hatte , wurde der Maler in der linken Schulter verwundet , und da die übrigens ungefährliche Verletzung eine sorgfältige ärztliche Behandlung nötig machte , so wurden wir dadurch näher miteinander bekannt und bald befreundet . Noch während seiner Genesung , wo ich darauf denken mußte , seinen ungeduldigen Arbeitstrieb zu zügeln , hatte ich ihn in das Haus meines Onkels eingeführt , mit dessen einziger Tochter Gertrud ich vetterlich und kameradschaftlich aufgewachsen war . Der Onkel , der es liebte , sich mit jungen Leuten zu umgeben , lernte bald den Menschen wie den Künstler in meinem Freunde schätzen , und es dauerte nicht lange , so saß Gertrud vor seiner Staffelei und ließ ihr blondes Köpfchen von ihm auf die Leinewand bringen . Sie war eine heitere Natur , dazu nur eben über die Kinderschuhe hinaus , und so kamen die beiden in den wiederholten Sitzungen bald auf einen Neckfuß , der für das Mädchen zwar nur eine harmlose Unterhaltung , für das reizbare Temperament meines Freun des aber , wie ich bald bemerkte , nicht ohne tiefere Folgen war . Ich sagte ihr wohl einmal : » Laß unseren Künstler nur nicht zu tief in deine leichtfertigen Augen gucken ! « Dann lachte sie mich aus , oder sie sagte : » Aber du bist äußerst komisch ! « und begann eins ihrer Schelmenlieder zu trällern , mit denen sie im Hause treppab und -auf zu fliegen liebte . So stand die Sache , als mein Onkel eines Tags in der schönen Junizeit auf Getruds Antrieb eine Wald-und Bergpartie veranstaltete , zu der ich außer andern auch unsern Maler einzuladen hatte . – Als ich am Tage vorher in sein Zimmer trat , fand ich ihn arbeitend vor seiner Staffelei ; aber sie war vor den Spiegel gerückt , wo des einfallenden Lichtes wegen augenscheinlich ein schlechter Platz zum Malen war und wo ich sie nie zuvor gesehen hatte . » Laß dich nicht stören ! « rief ich ihm zu . » Nur – ein paar Striche noch ! « erwiderte er , und sein Atem ging keuchend aus der Brust hervor , wie es in Aufregung oder Anstrengung bei ihm zu geschehen pflegte . Unter dem Malen bog er den Kopf zur Seite und blickte eine Weile gegenüber in den Spiegel und gleich danach auf eine Statuette der Venus von Milo , die seitwärts auf einem Tischchen stand . Dann , mit einem kurzen scharfen Lachen , das wie ein Hohn aus der Tiefe des gebrechlichen Leibes hervorbrach , ließ er wiederum den Pinsel eifrig auf der Leinwand arbeiten . Ich sah eine Weile zu , dann aber fragte ich : » Was zum Henker treibst denn du da ? « » Ich , Verehrtester ? – Ich arbeite in Kontrasten . « » Das ist eine schlechte Kunst . « » Es ist gar keine Kunst « , erwiderte er , indem er den Malstock auf den Boden stützte und den Körper wie erschlafft in sich zusammensinken ließ . » Keine Spur von Kunst , Arnold , eitel nichtswürdige Abschrift der Natur . Das kleine borstige Ungeheuer dort im Spiegel ist in seiner Art ebenso vollkommen wie die Göttliche ohne Arme neben ihm . Mein Gehirn vermag weder hier noch dort etwas hinzuzutun . « Ich war aufgestanden und hinter seinen Stuhl getreten . Ein kleines , aber fast vollendetes Bild in kräftigen Farben stand auf der Staffelei . Es war eine sonnige Parkpartie in altfranzösischem Gartenstil ; auf dem freien Platze im Vordergrunde erhob sich aus einem blühenden Rosengebüsch die Statue der Venus ; ihr zu Füßen , zu ihr emporschauend , stand in zierlicher Rokokokleidung die Gestalt eines verkrüppelten Mannes , in der ich , unerachtet der struppige Vollbart hier rasiert und das Haar des unbedeckten Hauptes mit Puder bestreut war , sogleich den Maler selbst erkannte . Die langen Finger der beiden Hände , welche aus breiten Spitzenmanschetten hervorsahen , hatten sich um die goldene Krücke eines Bambusrohrs gelegt , auf welche der kleine Mann im veilchenfarbenen Wams sich mühselig zu stützen schien . Er hatte augenscheinlich zuvor auf der Bank geruht , welche im Schatten der hohen Buchenhecke der Statue gegenüberstand , denn das dreieckige Hütchen lag noch dort . Weshalb er aber jetzt in die heiße Sonne hinausgetreten war und so finster zu dem Antlitz der Liebesgöttin emporblickte , wurde erst verständlich , wenn man im Mittelgrunde des Bildes den sonnigen Laubgang hinabsah , durch den sich im traulichsten Behagen ein Liebespaar entfernte . Der Kavalier zeigte nur den Rücken und die eine lebhaft gestikulierende Hand , das zierliche Puderköpfchen des Dämchens aber , das an seinem Arme hing , war zurückgewandt und schaute übermütig lachend nach dem Krüppel , an dem sie soeben vorübergegangen sein mochten . Ich hätte fast den Namen meines Mühmchens ausgerufen , aber die Ähnlichkeit , ob absichtlich oder zufällig , war doch nur eine flüchtige . Mein kleiner Freund hatte mich gespannten Blickes angesehen , während ich dies seltsame Bild betrachtete . » Du hast ihr Arme gegeben « , bemerkte ich endlich , um nur etwas zu sagen , indem ich auf die Gestalt der Venus zeigte . » Freilich « , versetzte er hastig , » schöne , hülfreiche Arme , und sie hilft auch jedem , nur nicht solchen Kreaturen , deren eine dort zu ihren Füßen kriecht . « » Für wen « , unterbrach ich ihn , » hast du denn eigentlich dieses Bild gemalt ? « » Nur eine Studie zur Selbsterkenntnis , Verehrtester . « » Freilich « , sagte ich , » einige Selbstkenntnis ist darin . Du hast sehr wohl gewußt , daß du etwas besitzest , das selbst der Königin der Schönheit fehlt , zu der du dort so mißvergnügt hinaufschaust . « Er sah mich fragend an . » Du hast in der Tat « , fuhr ich fort , » unerachtet du dir