Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier-und Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen . Besondere Anziehung aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche , auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war ; so seltsam wilde Gesichter , wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte , welche in ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten , bekam man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen ; tröstlich damit kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria ; ja , sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken können , wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte . Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes , eines schönen , etwa fünfjährigen Knaben , der , auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend , eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt . Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes , wie hülfeflehend , noch eine letzte holde Spur des Lebens ; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich , wenn ich vor diesem Bilde stand . Aber es hing nicht allein hier ; dicht daneben schaute aus dunklem Holzrahmen ein finsterer , schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und Sammar . Mein Freund sagte mir , es sei der Vater jenes schönen Knaben ; dieser selbst , so gehe noch heute die Sage , solle einst in der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben . Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666 ; das war lange her . Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern ; ein phantastisches Verlangen ergriff mich , von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere , wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten ; selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters , das trotz des Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte , suchte ich sie herauszulesen . – – Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher . Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren , und der Vater meines Freundes hoffte , so lange ich denken konnte , auf einen Neubau ; da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt , so wurde weder hier noch dort gebaut . – Und doch , wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten Hauses ; im Winter die kleine Stube rechts , im Sommer die größere links vom Hausflur , wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen , wo man aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle , außerdem aber den ganzen weiten Himmel vor sich hatte , der sich abends in rosenrotem Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte ! Die lieben Pastorsleute , die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen , das alte tiefe Sofa , auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel – es war alles helle , freundliche Gegenwart . Nur eines Abends – wir waren derzeit schon Sekundaner – kam mir der Gedanke , welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte , ob nicht gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei , dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte . Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben , daß ich am Nachmittage , wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht hatten , unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte , die mir bis jetzt entgangen waren . » Sie lauten C.P.A.S. « , sagte ich zu dem Vater meines Freundes ; » aber wir können sie nicht enträtseln . « » Nun « , erwiderte dieser , » die Inschrift ist mir wohl bekannt ; und nimmt man das Gerücht zu Hülfe , so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl mit Aquis submersus , also mit › Ertrunken ‹ oder wörtlich › Im Wasser versunken ‹ zu deuten sein ; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit ! Der junge Adjunktus unseres Küsters , der einmal die Quarta passiert ist , meint zwar , es könne Casu periculoso – › Durch gefährlichen Zufall ‹ – heißen ; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer ; wenn der Knabe dabei ertrank , so war der Zufall nicht nur bloß gefährlich . « Ich hatte begierig zugehört . » Casu « , sagte ich ; » es könnte auch wohl › Culpa ‹ heißen ? « » Culpa ? « wiederholte der Pastor . » Durch Schuld ? – aber durch wessen Schuld ? « Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele , und ohne viel Besinnen rief ich : » Warum nicht : Culpa patris ? « Der gute Pastor war fast erschrocken . » Ei , ei , mein junger Freund « , sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich . » Durch Schuld des Vaters ? – So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen . Auch würde er dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen . « Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten ; und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein Geheimnis der Vergangenheit . Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten , welche gleich daneben hingen , war mir selbst schon klargeworden ; daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen wollten , erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines Freundes . Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und wie er geheißen habe , darüber wußte auch er mir nichts zu sagen . Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein Malerzeichen . Die Jahre