den Flaschen , Waagschalen und Reibeschalen wenig , wir erinnern uns nur , wie wir damals dem ruhiggemessenen , geheimnisvollen Wirken des Mannes hinter dem Arbeitstische wild und dumm zusahen . In der Offizin befand sich augenblicklich niemand ; aber es fiel noch ein Lichtschein aus einem anstoßenden Zimmerchen , dessen Tür halb geöffnet stand . Und mit dem Scheine drang ein anderer Duft ein , der die apothekarische Atmosphäre einer auffälligen Veränderung und Entmischung unterwarf ; herba nicotiana gehört freilich ebenfalls zu den offizinellen Gewächsen . Wir folgen diesem Geruch und treten in das Nebengemach . Das Ding in dem engen Raume ließ sich ganz gemütlich an . Aus der einen Ecke versendete ein eiserner Ofen eine behagliche Wärme , in der anderen war gegen einen mächtigen gepolsterten Lehnstuhl , der leer stand und von dem später noch die Rede sein wird , ein runder Tisch gezogen , an welchem auf gleichfalls gepolsterten , hochlehnigen Stühlen sich die jedesmaligen Gäste , mit der Pfeife im Munde und ein offizinelles oder nicht offizinelles warmes oder kaltes Getränk vor sich , den Aufenthalt sicherlich recht bequem und behaglich machen konnten . Gegenwärtig jedoch hatte nur der Herr des Hauses , der Besitzer der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ , allein auf seinem Stuhle Posto gefaßt , und ob er an diesem stürmischen Abend wirklich noch jemand zum Besuch erwartete , und ob wirklich jemand der Erwartung entsprach , können wir augenblicklich noch nicht angeben . Wir sind mit der Schilderung unserer Bühne noch nicht zustande und fahren vorerst darin fort . Das Kabinettchen hinter der Offizin war mit einer gelblichgrauen , grauschwarz geblümten Tapete , soweit sich das überblicken ließ , ausgeklebt . Auf der Fensterbank stand neben einigen Blumentöpfen ein Käfig mit einem schlafenden Zeisig , der jedesmal , wenn ein Baumzweig im Garten , vom Winde gepackt und geschleudert , schärfer an der Glasscheibe herkratzte , oder wenn ein Regenstoß heftiger an der Scheibe trommelte , fester und behaglicher im Gefühle seiner Sicherheit sich in eine Federkugel zusammenzog . Eine Eckschenke mit allerlei Tassen , bunten Töpfen und Gläsern und auf ihr eine ausgestopfte Wildkatze in einem Glaskasten dürften in der Inventaraufnahme nicht zu vergessen sein . Ein vordem recht blumiger , aber nunmehr längst verblaßter und abgetretener Teppich bedeckte den Boden ; von der Decke hing eine künstlich geflochtene Graskrone , ein Staub- und Fliegenfänger herab ; und wenn wir nun noch den Bildern an den Wänden einige Worte gewidmet haben werden , so hindert uns weiter nichts , fürderzugehen und interessanter zu werden . Die Bilder an den Wänden freilich waren schon an sich interessant . Ihre Anzahl allein mußte jeden eintretenden Betrachter höchlichst in Erstaunen setzen und für eine geraume Zeit in ein mundoffenes Umherstarren an allen vier Wänden , nach allen vier Himmelsgegenden . Hatte er sich von seiner Überraschung erholt , so konnte er anfangen zu zählen oder die Zahl wenigstens annähernd zu schätzen . Beides war aber schwer , denn die Bilder und Bildchen unter Glas und Rahmen bedeckten in kaum zu berechnender Menge die Wände von oben bis unten , das heißt so weit nach unten , als es nur irgend möglich war . Alle Arten und Formate in Kupferstich , Stahlstich , Lithographie und Holzschnitt , alle Gegenstände und Situationen im Himmel und in der Hölle , auf Erden , im Wasser , im Feuer und in der Luft , schwarz oder koloriert . Viele Rambergsche und Chodowieckische Kunstschöpfungen , unzählige Szenen aus dem Leben Friedrichs des Zweiten und Napoleons des Ersten , die drei alliierten Monarchen in drei verschiedenen Auffassungen auf dem Leipziger Schlachtfelde , die am Palmbaum hängende Riesenschlange , an welcher der bekannte Neger hinaufklettert , um ihr die Haut abzuziehen , Szenen aus dem Korsar , » ein Gedicht von Lord Byron « , Modebilder , ein Porträt von Washington , ein Porträt der Königin Mathilde von Dänemark und des Grafen Struensee und , verloren unter all der bunten , kuriosen Nichtsnutzigkeit , zwischen zwei Straßenszenen aus dem Jahre 1848 , ein echter alter Dürerscher Kupferstich : Melancholia ! Wir beendigen die Katalogisierung . Dreißig Jahre hatte der während dieser dreißig Jahre fest an seine Offizin gebundene Apotheker Philipp Kristeller gebraucht , um seine Bildergalerie zusammenzubringen ; es war ihm also gar nicht zu verdenken , wenn er auf seine Galerie hielt , auf seine Kunstliebhaberei und seinen Geschmack sich etwas zugute tat . Sein Hinterstübchen war wohlgeziert , und er hatte außerdem noch einiges andere , worauf er sich etwas zugute tun durfte . Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Mann am Tische . Er mochte ein Alter zwischen den fünfziger und sechziger Jahren erreicht haben , war von Leibesbeschaffenheit mehr hager als dick , von Farbe mehr gelb und grau als rot und braun und von Statur mittlerer Größe . Er trug einen grauen Schlafrock , niedergetretene , dunkelrote Pantoffel und auf dem silbergrauen , schlichten Haar eine dunkelgrüne Hauskappe mit abgegriffener Goldstickerei , einen Kranz von Eicheln und Eichenblättern darstellend . Er rauchte aus einer langen Pfeife , auf deren Kopf ein Maikäfer gemalt war , und stützte nachdenklich die Stirn mit der Hand , den Blick auf den großen , leeren , bequemen Lehnstuhl ihm gegenüber gerichtet . Zum ersten Male blickte er empor , als die Tür , welche aus dem Hinterzimmer nicht in die Offizin , sondern auf die Hausflur führte , leise geöffnet wurde und ein alter Frauenzimmerkopf sich hineinschob : » Aber Bruder , welch ein Wetter ! « » Freilich ein bewegtes Wetter , liebe Schwester . « Ob die alte Dame die Antwort noch vernommen hatte , muß zweifelhaft bleiben , denn sie hatte die Tür ebenso rasch und leise , wie sie dieselbe geöffnet hatte , wieder zugezogen . » Ein vernehmbar bewegtes Wetter , in der Tat « , murmelte der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ lächelnd und nach dem bestürmten Fenster horchend . In demselben Moment klang die Glocke der Haustür