Daß ich darüber den Schlaf verlor , das glaubest du mir , Cosmus , der du meine Begeisterung für die Trümmer einer niedergegangenen größeren Welt teilst und begünstigst ! Hätte ich nur alles im Stiche gelassen und wäre auf die Stätte geeilt , wo ein Unsterblicher , statt die Welt zu ergötzen , in unwürdigem Dunkel moderte ! Doch es waren die Tage , da die Wahl des neuen Papstes alle Gemüter beschäftigte und der Heilige Geist die versammelten Väter auf die Verdienste und Tugenden des Otto Colonna aufmerksam zu machen begann , ohne daß darum das tägliche und stündliche Laufen und Rennen seiner Anhänger und Diener , unter welche ich zählte , im geringsten entbehrlich geworden wäre . So geschah es , daß mir ein untergeordneter und unredlicher Sucher , leider ein Landsmann , in dessen Gegenwart ich in meiner Herzensfreude ein unbesonnenes Wort über die Möglichkeit eines so großen Fundes hatte fallen lassen , zuvorkam und – der Ungeschickte ! – ohne den Klassiker per fas oder nefas zu gewinnen , die Äbtissin des Klosters , wo er von Staub bedeckt lag , mißtrauisch und auf den Schatz , den sie unwissend besaß , aufmerksam machte . Endlich bekam ich freie Hand und setzte mich – trotz der bevorstehenden Papstwahl – auf ein rüstig schreitendes Maultier , den Auftrag hinterlassend , mir nach Eintritt des Weltereignisses einen Boten nachzusenden . Der Treiber meines Tieres war ein von dem Bischofe zu Chur unter seinem Gesinde nach Konstanz gebrachter Rhäter und nannte sich Anselino de Spiuga . Er hatte ohne Zögern in mein niedriges erstes Angebot gewilligt und wir waren um einen unglaublich billigen Preis übereingekommen . Tausend Possen gingen mir durch den Kopf . Die Bläue des Äthers , die mit einem frischen , fast kalten Hauch aus Norden zu gleichen Teilen gemischte Sommerluft , der wohlfeile Ritt , die überwundenen Schwierigkeiten der Papstwahl , der mir bevorstehende höchste Genuß eines entdeckten Klassikers , diese himmlischen Wohltaten stimmten mich unendlich heiter und ich hörte die Musen und die Englein singen . Mein Begleiter dagegen , Anselino de Spiuga , ergab sich – so schien mir – den schwermütigsten Betrachtungen . Selbst glücklich , suchte ich aus Menschenliebe auch ihn glücklich zu machen , oder wenigstens zu erheitern , und gab ihm allerhand Rätsel auf . Meist aus der Biblischen Geschichte , die dem Volke geläufig ist . › Kennst du ‹ fragte ich , › den Hergang der Befreiung des Apostelfürsten aus den Ketten ? ‹ und erhielt die Antwort , er habe denselben abgebildet gesehen in der Apostelkirche von Tosana . › Gib acht , Hänschen ! ‹ fuhr ich fort . › Der Engel sprach zu Petrus : » Zeuch deine Schuhe an und folge mir ! « Und sie gingen , ohne daß Petrus den Engel erkannt hätte , durch die erste und andere Hut , durch das Tor und eine Gasse lang . Jetzt schied der Begleiter , und alsbald sprach Petrus : » Nun weiß ich wahrhaftig , daß mich ein Engel geführt hat . « Woher , Hänschen , kam ihm dieses plötzliche Wissen , diese unumstößliche Überzeugung ? Das sage mir , wenn du es erraten kannst . ‹ Anselino sann eine Weile und schüttelte dann den eigensinnigen Krauskopf . › Gib acht , Hänschen ‹ , sagte ich , › ich löse die Frage . Daran erkannte Petrus den Engel , daß er für seinen Dienst kein Trinkgeld verlangte ! Solches ist nicht irdisch . So handelt nur ein Himmlischer ! ‹ Man soll mit dem Volke nicht scherzen . Hänschen suchte in dem Spaße , welcher mir aus dem Nichts zugezogen war , eine Absicht oder Anspielung . › Es ist wahr , Herr ‹ , sagte er , › ich führe Euch fast umsonst , und ohne daß ich ein Engel wäre , werde ich auch kein Trinkgeld fordern . Wisset , mich zieht es auch meinesteils nach Monasterlingen ‹ – er nannte das Nonnenkloster , das Ziel unserer Fahrt – › wo morgen die Gertrude ihre Hüften mit dem Strick umgürtet und ihre Blondhaare unter der Schere fallen . ‹ Dem kräftigen Jüngling , der übrigens in Gebärde und Rede – es mochte ein Tropfen romanischen Blutes in dem seinigen fließen – viel natürlichen Anstand hatte , rollten Tränen über das sonneverbrannte Gesicht . › Bei dem Bogen Cupidos ‹ , rief ich aus , › ein unglücklicher Liebender ! ‹ und ließ mir die einfache , aber keineswegs leicht verständliche Geschichte erzählen : Er habe , mit seinem Bischofe nach Konstanz gekommen und dort ohne Beschäftigung , in der Umgegend als Zimmerer Arbeit gesucht . Diese habe er bei den Bauten des Nonnenklosters gefunden und dann die in der Nähe hausende Gertrude kennen lernen . Sie beide seien sich gut geworden und haben ein Wohlgefallen aneinander gefunden . So haben sie gern und oft zusammengesessen . › In allen Züchten und Ehren ‹ , sagte er , › denn sie ist ein braves Mädchen . ‹ Da plötzlich sei sie von ihm zurückgetreten , ohne Abbruch der Liebe , sondern etwa wie wenn eine strenge Frist verlaufen wäre , und er habe als gewiß vernommen , sie nehme den Schleier . Morgen werde sie eingekleidet und er werde dieser Handlung beiwohnen , um das Zeugnis seiner eigenen Augen anzurufen , daß ein redliches und durchaus nicht launenhaftes Mädchen einen Mann , den sie eingestandenermaßen liebe , ohne einen irgend denkbaren Grund könne fahrenlassen , um eine Nonne zu werden ; wozu Gertrude , die Natürliche und Lebenskräftige , so wenig als möglich tauge und – wunderlicherweise – aus ihren eigenen Äußerungen zu schließen , auch keine Lust habe , ja , wovor ihr graue und bange . › Es ist unerklärlich ! ‹ schloß der schwermütige Rhäter und fügte bei , durch eine Güte des Himmels sei kürzlich seine böse Stiefmutter Todes verblichen , vor welcher er das väterliche Haus geräumt , und dieses ihm nun wieder