? « » Das frage du ihn selber , nachdem du Imbiß bei mir gehalten hast ! « erwiderte der Alte . » Er kehrt bei Zunachten ins Stift . Alle Brüder , Probst und Kapitel , sind auf die Jagd verritten , mich Alten , wie du siehst , ausgenommen . Ich gedachte meinen Ausgang dem neuen Heiligen zu widmen , dessen Marter und Wunder dort drüben « – er wies nach dem schlank aufsteigenden Chor des Fraumünsters – » zu dieser Stunde von einem geistreichen Luzernerpfaffen dem gläubigen Volke dargelegt werden und dessen Glorie meine darüber unbilligerweise empfindlichen Brüder für heute aus der Stadt vertrieb . Da jedoch mehr Neu gier als Andacht meine Schritte lenkte und der Schnee des Himmels sie hemmt , so mag ich ohne Schaden meiner Seele umkehren . Laß deinen Braunen in die Herberge zu den Raben führen ! Dort steht der Stallknecht St. Meinrads wie eingepflanzt am Wasser und starrt nach der Frauen Münster hinüber ! Dein Tapp der hier trübselig im Schnee sitzt , mag sich an meinem Küchenfeuer wärmen . Aber bei St. Felix ' blutigem Haupte , ich kann nicht länger im Nassen stehen ! In diesen Schneepfützen sitzt die tückische Hexe mit ihrer Zange , ich meine die böse Gicht , die mich diesen Winter gezwickt und erst vor kurzem losgelassen hat . Folge mir bald , Engelländer ! « Nach diesen geflügelten Worten schmiegte Herr Burkhard sich fröstelnd in seinen Pelz und begann , vorsichtig wie er gekommen war , die feuchte Gasse wieder hinanzusteigen . Hans aber rief den lungernden Knecht herbei und übergab ihm mit den Zügeln seines Gauls allerhand Aufträge und Weisungen an den Wirt und die Stammgäste des Hauses zu den Raben ; denn dort sprach der Adel ein und unter ihm hatte der Armbruster viele Kunden und Schuldner . Dann schnallte er sein Felleisen von dem Rücken des Tieres , nahm das Gepäck unter den Arm und schritt mit Tapp , der sich nie von dem Eigentum seines Herrn trennte , die zum Stifte führende steile Gasse hinauf . Die Einladung des Chorherrn kam ihm gelegen , denn Hans der Armbruster war ein sparsamer Mann . II II Der Wintertag blieb so dunkel , daß der schmale Wohnraum des Chorherrn , wo er seinen Gast bewirtete , mehr von der golden flackernden Flamme des Herdes als durch das einzige hoch gelegene Bogenfensterchen erhellt wurde . Während der Armbruster sein Mahl beendigte , hatte sich Herr Burkhard , der von feiner Körperlichkeit und mäßiger Lebensweise war , schon eine Weile in seinen mit weichen Vliesen überlegten Armstuhl versenkt und die pelzumhüllten Füße dem Feuer zugestreckt . Ein ebenfalls ergreister Schaffner räumte das Tischgeräte weg und stellte eine Kanne kräftigen Landweins mit zwei silbernen Bechern auf das Steinsims des Kamines . Der Chorherr war offenbar in vergnügter Stimmung . Es ergötzte ihn , an diesem traben Wintertage einen welt- und menschenkundigen , auch weitgewanderten Mann schnellen Geistes in sein Gelaß gelockt zu haben zur Befriedigung einer längst gehegten Neugierde . Das feingeformte Haupt mit seinen wenigen schneeweißen Locken lag auf dem roten Kissen der Lehne , mit geschlossenen Augen , aber dem wachen Ausdrucke des Triumphes über einen gelungenen Anschlag . Jetzt öffnete er plötzlich einen leuchtenden Blick und sagte : » Gesegnete Mahlzeit , Hans ! Wende deinen Stuhl und rücke zu mir . Du fragtest mich , wer der neue , von der Frau am Münster erhöhte , von uns Chorherren aber geschmähte Heilige sei . Über Tisch halte ich es nicht für heilsam , von kirchlichen oder gar himmlischen Dingen zu reden ; aber nun bin ich da , um Auskunft zu geben . Der neue , von dem heiligen Vater der Christenheit bescherte Fürsprecher im Himmel hat im selben Jahre mit mir das Licht der Welt erblickt . Schon das spricht gegen ihn . Es gilt von den Heiligen , wie vom Weine : je älter , desto besser und wundertätiger . Wie dieser hier « – er schlürfte aus seinem Becher – , » das Blut unseres Bodens , mit unserem Blute verwandt ist und es seit undenklicher Zeit würzt und stärkt , ähnlich wirken unsere Heiligen St. Felix und Regula , über deren Leibern dieses Stift und diese Stadt erbaut sind . Geschlecht um Geschlecht haben sie als streitbare Nothelfer behütet . Wir sind ihnen und sie uns vertraut und verpflichtet . Mit ihrem Bild und Siegel machen wir , nach dem Vorgange unserer Väter , unser Tun und Lassen gültig . Ich will keine Hoffart damit treiben , daß sie nach ihrer blutigen Marter die abgeschlagenen Häupter urkundlich in den eigenen Händen von der Richtstätte am Limmatufer bis hieher getragen haben , vierzig Schritte bergan , obgleich ihnen das sicherlich keiner der abgeschwächten neuen Heiligen nachtut . Für mich kommt in Betracht , daß St. Felix und Regula ihren Glauben gegen einen heidnischen Kaiser mit ihrem Blute bezeugt und nicht gegen einen christlichen König und Lehensherrn sich überhoben und aufgelehnt haben , wie dieser neue Heilige von meinem Jahrgang . Solcher gerechten Erwägungen aber sind die Köpfe unserer Frauen vom fürstlichen Stifte nicht fähig ! Da mußte ihnen unter andern kostbaren Schriftstücken ein Pergament zukommen , worauf das Leben und die Marter meines Altersgenossen beschrieben und verherrlicht ist . Die heiligen Akten wurden zur Erbauung während der Mahlzeit vorgelesen und von Stund an konnten die Gedanken der edeln Frauen nicht : mehr zur Ruhe kommen . Sie trieben offen und heimlich daran , daß der Tag dieses Märtyrers auch bei uns feierlich begangen werde . Den Weibern gefällt das Neue und Fremdländische . Der Rat unserer Stadt war aus genannten Gründen der Sache abhold und hätte sie auch wohl verhalten , wäre den Frauen nicht eine Güte des Himmels zu Hilfe gekommen . Verwichenen Herbstmonat bei der langen Dürre geriet der Abtei eine Scheune voll Heu neben ihrem großen Gehöde zu Wiedikon in Brand . Der Föhn jagte die Flamme gerade auf das Meierhaus zu , das