dieser durchgreifenden Krise eine neue Kirche zu gründen , weswegen er sich des ihm zuständigen Sitzes im Münster zu Bern beharrlich und grundsätzlich entschlug . Wie gesagt , nur seine Verborgenheit schützte ihn vor dem gestrengen Arm des geistlichen Regimentes . Unter den Augen dieses harmlosen und liebenswürdigen Mannes wuchs ich – wo nicht ohne Zucht , doch ohne Rute – in ländlicher Freiheit auf . Mein Umgang waren die Bauerjungen des benachbarten Dorfes und dessen Pfarrer , ein strenger Calvinist , durch den mich mein Ohm mit Selbstverleugnung in der Landesreligion unterrichten ließ . Die zwei Pfleger meiner Jugend stimmten in manchen Punkten nicht zusammen . Während der Theologe mit seinem Meister Calvin die Ewigkeit der Höllenstrafen als das unentbehrliche Fundament der Gottesfurcht ansah , getröstete sich der Laie der einstigen Versöhnung und fröhlichen Wiederbringung aller Dinge . Meine Denkkraft übte sich mit Genuß an der herben Konsequenz der calvinischen Lehre und bemächtigte sich ihrer , ohne eine Masche des festen Netzes fallen zu lassen ; aber mein Herz gehörte sonder Vorbehalt dem Oheim . Seine Zukunftsbilder beschäftigten mich wenig , nur einmal gelang es ihm , mich zu verblüffen . Ich nährte seit langem den Wunsch , einen wilden jungen Hengst , den ich in Biel gesehen , einen prächtigen Falben , zu besitzen , und näherte mich mit diesem großen Anliegen auf der Zunge eines Morgens meinem in ein Buch vertieften Oheim , eine Weigerung befürchtend , nicht wegen des hohen Preises , wohl aber wegen der landeskundigen Wildheit des Tieres , das ich zu schulen wünschte . Kaum hatte ich den Mund geöffnet , als er mit seinen leuchtend blauen Augen mich scharf betrachtete und mich feierlich anredete : » Weißt du , Hans , was das fahle Pferd bedeutet , auf dem der Tod sitzt ? « – Ich verstummte vor Erstaunen über die Sehergabe meines Oheims ; aber ein Blick in das vor ihm aufgeschlagene Buch belehrte mich , daß er nicht von meinem Falben , sondern von einem der vier apokalyptischen Reiter sprach . Der gelehrte Pfarrer unterwies mich zugleich in der Mathematik und sogar in den Anfängen der Kriegswissenschaft , soweit sie sich aus den bekannten Handbüchern schöpfen läßt ; denn er war in seiner Jugend als Student in Genf mit auf die Wälle und ins Feld gezogen . Es war eine ausgemachte Sache , daß ich mit meinem siebzehnten Jahre in Kriegsdienste zu treten habe ; auch das war für mich keine Frage , unter welchem Feldherrn ich meine ersten Wadenjahre verbringen würde . Der Name des großen Coligny erfüllte damals die ganze Welt . Nicht seine Siege , deren hatte er keinen erfochten , sondern seine Niederlagen , welchen er durch Feldherrnkunst und Charaktergröße den Wert von Siegen zu geben wußte , hatten ihn aus allen lebenden Feldherrn hervorgehoben , wenn man ihm nicht den spanischen Alba an die Seite setzen wollte ; diesen aber haßte ich wie die Hölle . Nicht nur war mein tapferer Vater treu und trotzig zum protestantischen Glauben gestanden , nicht nur hatte mein bibelkundiger Ohm vom Papsttum einen übeln Begriff und meinte es in der Babylonerin der Offenbarung vorgebildet zu sehn , sondern ich selbst fing an mit warmem Herzen Partei zu nehmen . Hatte ich doch schon als Knabe mich in die protestantische Heerschar eingereiht , als es im Jahre 1567 galt die Waffen zu ergreifen , um Genf gegen einen Handstreich Albas zu sichern , der sich aus Italien längs der Schweizergrenze nach den Niederlanden durchwand . Den Jüngling litt es kaum mehr in der Einsamkeit von Chaumont , so hieß der Sitz meines Oheims . Im Jahre 1570 gab das Pazifikationsedikt von St. Germain en Laye den Hugenotten in Frankreich Zutritt zu allen Ämtern und Coligny , nach Paris gerufen , beriet mit dem König , dessen Herz er , wie die Rede ging , vollständig gewonnen hatte , den Plan eines Feldzugs gegen Alba zur Befreiung der Niederlande . Ungeduldig erwartete ich die jahrelang sich verzögernde Kriegserklärung , die mich zu Colignys Scharen rufen sollte ; denn seine Reiterei bestand von jeher aus Deutschen und der Name meines Vaters mußte ihm aus frühern Zeiten bekannt sein . Aber diese Kriegserklärung wollte noch immer nicht kommen und zwei ärgerliche Erlebnisse sollten mir die letzten Tage in der Heimat verbittern . Als ich eines Abends im Mai mit meinem Ohm unter der blühenden Hoflinde das Vesperbrot verzehrte , erschien vor uns in ziemlich kriechender Haltung und schäbiger Kleidung ein Fremder , dessen unruhige Augen und gemeine Züge auf mich einen unangenehmen Eindruck machten . Er empfahl sich der gnädigen Herrschaft als Stallmeister , was in unsern Verhältnissen nichts andres als Reitknecht bedeutete , und schon war ich im Begriff ihn kurz abzuweisen , denn mein Ohm hatte ihm bis jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt , als der Fremdling mir alle seine Kenntnisse und Fertigkeiten herzuzählen begann . » Ich führe die Stoßklinge « , sagte er , » wie wenige und kenne die hohe Fechtschule aus dem Fundament . « – Bei meiner Entfernung von jedem städtischen Fechtboden empfand ich gerade diese Lücke meiner Ausbildung schmerzlich und trotz meiner instinktiven Abneigung gegen den Ankömmling ergriff ich die Gelegenheit ohne Bedenken , zog den Fremden in meine Fechtkammer und gab ihm eine Klinge in die Hand , mit welcher er die meinige so vortrefflich meisterte , daß ich sogleich mit ihm abmachte und ihn in unsre Dienste nahm . Dem Ohm stellte ich vor , wie günstig die Gelegenheit sei , noch im letzten Augenblick vor der Abreise den Schatz meiner ritterlichen Kenntnisse zu bereichern . Von nun an brachte ich mit dem Fremden – er bekannte sich zu böhmischer Abkunft – Abend um Abend oft bis zu später Stunde in der Waffenkammer zu , die ich mit zwei Mauerlampen möglichst erleuchtete . Leicht erlernte ich Stoß , Parade , Finte , und bald führte ich , theoretisch vollkommen fest , die ganze Schule richtig und zur Befriedigung meines Lehrers durch ; dennoch brachte