der Vater befiehlt ; aber der sitzt in Rom – oder der Bruder ruft ; aber der liegt in seinem spanischen Kerker . Sie lächelte das Volk an , um die Schmach ihrer Abhängigkeit tief zu verstecken , kraft deren sie mit Vater und Bruder zu einer höllischen Figur verbunden war . Dann nahm sie ihre ganze Kraft zusammen , und mit einem kräftigen Ruck entschlug sie sich der Sache . In diesem Augenblick hielt der Zug vor einem Kastell , von dessen ausdrucksvoller Mauerkrone ein Seiltänzer herabschwebte . Sie sah das Kunststück an und sagte : » Du gleitest und stürzest nicht , und ich ebensowenig . « Es war ein Amor , der unten vom Seile sprang , vor ihr das Knie bog und ihr einen Myrtenkranz bot mit den huldigenden Worten : » Der keuschen Lucrezia ! « Unter dem Jubel der Menge krönte sie sich und ergab sich ganz der Lust des Augenblickes . Jetzt fuhren Blitze aus der Brüstung des runden Turmes , der sich donnernd in Rauch hüllte . Don Alfonso war ein leidenschaftlicher Liebhaber von Geschütz – ganz Kanone – und konnte sich zur Zeit und zur Unzeit des Pulverknalls nicht ersättigen . Dem Zelter Donna Lucrezias dagegen zerriß der gewaltsame Ton das feine Ohr . Er stieg , und die Fürstin glitt sanft aus dem Sattel in die Arme der Professoren , während dicht hinter ihr ein herrliches Mädchen mit krausem Haar und leuchtenden Augen ihren erschreckten Rappen ohne Zagen bändigte und beruhigte . Neben ihr klemmte ein hagerer Kavalier mit eisernen Schenkeln die Seiten seines Pferdes . Diese höhnische Larve gehörte Don Ferrante , der bei der Vermählung in Rom Don Alfonso , seinen Bruder , vertreten hatte , und den die Ferraresen kurzweg den Menschenfeind hießen . Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht , seiner heutigen Reisegefährtin Ferrara und das Fürstenhaus , dem er selbst angehörte , auf seine Weise zu beleuchten und auf jede zu verleiden . Die sichere Reiterin aber war Angela Borgia , eine nahe Verwandte der Fürstin und ihr Fräulein , das sie nach Ferrara begleitete und hinter der Berückenden bescheiden die Bühne der Welt betrat . Und dieses Theater entfaltete sich heute in ungewöhnlicher Pracht : Strahlender Himmel , glänzende Trachten , öffentlicher Jubel , der festliche Verkehr der Begünstigten und Glücklichen dieser Erde , berauschende Musik , stolzierende Rosse , reizende Frauen , verliebte Jünglinge , schmeichelnde Huldigungen , klopfende Pulse , die Welt , wie sie sich schmückt und lächelnd im Spiegel besieht , alle diese Lust und Fülle lag vor ihr ausgebreitet und wurde ihr vergällt durch den spottenden Teufel an ihrer Seite . » Seht , junge Herrin « , so höhnte er jetzt , » wie anmutig Donna Lucrezia fällt und wie sie von den Tugenden und Wissenschaften « , er wies auf die Professoren , » feierlich wieder zu Rosse gehoben wird . Ich halte es mit dem Gaukler und preise ihre Keuschheit . Nur stand sie in der Familie vereinzelt und litt unter dem Zwange des Vaters und Bruders . Darum ergriff sie die Hand Don Alfonsos , um hier « , er zeigte die nahen Türme und Kuppeln Ferraras , » einen passenderen Umgang zu finden ; aber Donna Lucrezia irrt . Ohne uns mit Seiner Heiligkeit oder dem erlauchten Don Cesare messen zu wollen , sind wir Söhne des Herzogs , und er selbst doch in unserer Art ein ruchloses Geschlecht , natürlich jeder von uns nach seinen Kräften und nach seinem Maße , soweit es für Laien tunlich ist . Ihr erstaunt , daß ich hier im Zuge des Herzogs so ungebunden rede ! Aber seht , Fräulein , es ist meine Charaktermaske , öffentlich zu schmähen und zu lästern , die mir der Herzog mein Vater erlaubt und zugesteht , insofern ich mich enthalte , mich insgeheim gegen ihn zu verschwören , eine Untugend , die von alters her im Blute der Familie versteckt ist . Und wisset , tapferes Mädchen , damit habet Ihr mich gleich für Euch gewonnen , daß Ihr nicht fade seid , sondern , wie ich , der Wahrheit Zeugnis gebt , ohne Menschenfurcht – wenn es sein muß , auf offenem Markte . Die anderen , die da hinter uns « , er wies verächtlich auf die folgenden Paare des Hofstaates , » was sind sie ? Geputztes Gesindel , Schelme und Dirnen ! Heuchler und Bübinnen ! Nicht wert , daß sie die Sonne bescheint – mit Ausnahme selbstverständlich der hundert Maultiere , die den Brautschatz Donna Lucrezias tragen . Das sind redliche und verdiente Geschöpfe . Aber Mühe hat es uns gekostet , mich und den Bruder Kardinal , diesen Brautschatz dem Heiligen Vater und der Kirche unter den Krallen hervorzuziehen ! Doch ich sagte : Entweder – oder ! wie mich der Herzog , mein Vater , beauftragt hatte . Leichter gelang es uns , die Heiligkeit mit dem von unserem Vater Herkules der Braut zugestandenen Wittum hinter das Licht zu führen . « Don Ferrante kicherte . » Wir schwatzten nämlich dem Heiligen Vater unsere berühmten flavianischen Güter auf , die zwar von unserem ferraresischen Fiskus verwaltet , aber ihm von dem Grafen Contrario gerichtlich bestritten werden . Ihr wißt , von dem liebenswürdigen Grafen Contrario , dem zähesten Widersprecher und Rechthaber in ganz Italien ! Und das war es eigentlich , was den Herzog Herkules , unsern sparsamen Vater , an dieser Heirat am meisten erfreut hat . So wurde alles nach Gerechtigkeit geordnet ! Und mit welcher Wollust schrieb ich nach der Vermählung die Depesche für den harrenden Kurier : Mitgift zugestanden . Heiligkeit überlistet . Donna Lucrezia getraut und gar nicht unheimlich . Das wollte sagen : diesmal trägt sie kein weißes Pülverchen in der Tasche . Und wirklich , ich glaube , Bruder Alfonso darf heute abend ohne Gefährde sein Haupt mit diesem Goldhaar « , er wies mit dem Spitzbart unter den Thronhimmel , » auf dasselbe Kissen