länger , ja , sie reichten sogar bis zur Gottesgelahrtheit hinan . Er besaß glänzende geistige Fähigkeiten , welche ein eiserner Fleiß unterstützte , und so gelang es ihm denn auch , mittelst eines Stipendiums , Theologie zu studiren . Er hatte bereits sein Examen ausgezeichnet bestanden und einige Mal bei großem Zudrang in seiner Vaterstadt vortrefflich gepredigt , als er infolge seiner rastlosen geistigen Thätigkeit auf das Krankenlager fand , um sich nie wieder zu erheben – er starb an der Lungenschwindsucht . Suschen , die den Bruder wie ein höheres Wesen verehrt hatte , erlag fast ihrem Schmerz , aber sie hatte ein halbverwaistes Kind zu pflegen und zu erziehen ; deshalb mußte sie sich aufraffen , was sie auch redlich that . Mit dem Kind hatte es folgende Bewandtniß . Einmal , als bereits der junge Leberecht täglich nach Prima wanderte und Suschen schon seit längerer Zeit von den ehrbaren Bürgersfrauen mit „ Jungfer “ titulirt wurde , geschah es , daß sich der Storch „ sehr verspäteter und unnöthiger Weise “ , wie sich der entsetzte Schuster ausdrückte , auf dessen Dach abermals niederließ ; seit dem lebten Kind , das er todt gebracht hatte , war er neun Jahre ausgeblieben . Mit schwerem Herzen und sorgenvoller Stirn zog die Meistersfrau die wurmstichige Wiege aus dem dunkelsten Bodenwinkel , verjagte die erschrockenen Spinnen aus dem kleinen Bett , fuhr mit einem nassen Tuch über dessen schmale Seitenwände , worauf alsbald großgemalte Engelsköpfe mit brennendrothen Backen und himmelblauen Äugen triumphirend erschienen , und stellte es sacht neben ihr Bett , unweit des alten Dreibeins , auf welchem der Schuster mit wahrer Wuth eine unglückliche Stiefelsohle behämmerte . Das half aber Alles nichts ; die Wiege konnte er doch nicht in Stücke zerhämmern , und später hätte er es wahrscheinlicher Weise auch gar nicht gethan , denn da lag etwas Niedliches darin . Aber es war gerade , als sei der uralte Storch mit einem Mal blödsichtig geworden und als hätte er die aufgehangenen leisten in der Schusterstube für Ahnenschilder eines allen erlauchten Geschlechts gehalten , denn das Kind in der Wiege sah gar nicht in die eigentlich sehr unschöne Schusterfamilie , und sah überhaupt nicht aus wie ein Schusterkind ; es lag vielmehr mit seiner blendend weißen Haut , dem zartgoldenen , feinen Haar und den großen , blauen Augen wie eine Prinzessin in den groben Kissen . Dafür wurde es aber auch der Augapfel des Vaters – die Mutter starb bei der Geburt der kleinen und ein Gegenstand der unausgesetzten Bewunderung seiner Geschwister . Während der junge Lateiner mit gewandter Feder seine Uebersetzungen schrieb , erhielt sein Fuß die Wiege im sanften Schwunge . Alle weiblichen Schönheiten des classischen Alterthums schmückte seine jugendliche Phantasie mit den seinen Lügen des Schwesterchens , und das erste Lächeln des Kindes begeisterte ihn zu Versen . Suschen dagegen ließ der Kleinen die sorgfältigste körperliche Pflege angedeihen . Sie hielt sie stets fleckenlos sauber und ging nie mehr aus ohne das Kind auf dem Arm , denn die Menschen blieben ja auf der Straße stehen und konnten sich nicht satt sehen an dem reizenden kleinen Blondkopf . Als der Bruder Leberecht todt war und der Schuster auch bald darauf das Zeitliche segnete , da bezog die Seejungfer die ihr mitleidig gewährte Freistätte im alten Kloster und etablirte sich als Feinwäscherin . Sie brachte nichts mit , als ihre unerzogene Schwester , die geringen ererbten Habseligkeiten und ihre arbeitenden Hände . Was aber die Aufmerksamkeit und besonders den Tadel der neugierig gaffenden Klosterbewohner erregte , das war ein netter , kleiner Glasschrank mit grünen Wollvorhängen , den die Seejungfer in die neue Wohnung schaffen ließ . Dies Schränkchen enthielt die sämmtlichen Bücher des verstorbenen Bruders . Für Suschen selbst konnten diese literarischen Schätze freilich keinen Werth haben , denn sie verstand ja nichts von all dem , was darin stand ; allein sie hatte oft genug gesehen , mit welch innigem Behagen der Bruder diese Lieblinge musterte , wie er darbte und sparte , um dies oder jenes heißgewünschte Werk anschaffen zu können . Auf jedem Titelblatt stand sein Name mit der zierlichen Schrift , die sie immer so bewundern mußte ; aus jedem Buch guckten einzelne Papierstreifen , welche er bei bemerkenswerthen Stellen eingelegt hatte ; manches steckte noch im schützenden Papiereinband , der sorgfältig mit Oblaten drüber geklebt war , und das waren für sie lauter Heiligthümer , von denen sie sich um keinen Preis der Welt getrennt hätte , lieber wäre sie Hungers gestorben . Deshalb aber wurde sie auch zum ersten Mal in ihrem Leben heftig , als die Nachbarinnen ihr riethen , das unnütze Zeug zu verkaufen . Die Seejungfer lebte von nun an nur ihrer Arbeit und der Erziehung ihrer kleinen Schwester , Magdalene , die denn auch im Laufe der Zeit zu einem auffallend schönen Mädchen heranblühte . Suschen betrachtete sie oft mit geheimer Lust und sah sie schon im Geiste als die stattliche Hausfrau eines ebenso stattlichen Bürgers und Meisters . Allein das Schicksal fragt ebensowenig , wie ein junges liebendes Herz nach den Plänen einer mütterlichen Liebe und Fürsorge , und so wurde Suschen sehr bald und sehr unsanft aus ihren Versorgungsträumen geweckt . Nicht weit von der Stadt , in der diese kleine Geschichte spielt , lebte zu jener Zeit auf einem einsamen Schlosse eine einsame , verwittwete Prinzessin , in deren Diensten sich , da sie eine leidenschaftliche Kunstliebhaberin war , ein italienischer Künstler befand . Dieser Neapolitaner nun war es , welcher den Strich durch Suschens Zukunftspläne machte . Er war ein schöner Mann mit feurigen , dunklen Augen und kohlschwarzen Locken . Eines Tags sah er die blonde Magdalene Hartmann , wie sie , einen Korb voll feiner Wäsche auf dem Kopfe , durch den Schloßgarten schritt . Alsbald entbrannte er in heftiger Leidenschaft für sie , und als er ihr , wenige Wochen darauf , nachdem er verschiedene Male mit ihr gesprochen , in der schattigen Lindenallee des