dem Kopfe festgebunden , und vor ihm her fiel es hell aus der großen Stallaterne , die er in der Linken trug . » Was , zwischen Tür und Angel bei dem Lüftchen , Hüttenmeister ? « rief er , als das Laternenlicht auf den einsam dort lehnenden Mann fiel . » Aha , da ist also der Student nicht angekommen , und Sie schauen noch nach ihm aus wie ? « » Ach nein , Bertold ist schon seit heute nachmittag da , aber er ist krank und macht mir viel Sorge « , entgegnete der Hüttenmeister . » Kommen Sie doch herein , Sievert ! « Sie traten in das Haus . Es war eine große , ziemlich niedrige Stube , die der Hüttenmeister öffnete . Draußen tobte eben der Sturm mit erneuter Wut gegen die alten Wände , die , nach innen so traut und friedlich , liebe Familienbilder auf ihrer helltapezierten Fläche trugen . Ein feiner Luftzug drang freilich durch die Fensterritzen und bewegte dann und wann leise die großgeblumten Kattunvorhänge , aber sie verhüllten fest zusammengezogen die Scheiben und das wilde Schneetreiben jenseits derselben . Ist etwas geeignet , eine Familienstube auf dem Thüringer Wald heimisch und gemütlich zu machen , so ist es der gewaltige Kachelofen , der oft selbst im Hochsommer seine Tätigkeit nicht einstellt . Auch hier ragte er riesig und dunkel weit in das Zimmer hinein , und die erhitzten Kacheln verbreiteten eine gleichmäßige köstliche Wärme . So hätte die altväterlich eingerichtete Eckstube leicht das Gefühl der Behaglichkeit erwecken können , wäre nicht der ominöse Duft des Fliedertees gewesen , der die Luft erfüllte ; ein eilig aus grünem Papier hergestellter Schirm dämpfte das Lampenlicht , und der Perpendikel hing bewegungslos in der hölzernen Wanduhr – lauter Anstalten , die eine vorsorgliche Frauenhand verrieten . Der Gegenstand aller dieser Umsicht und Fürsorge schien sich jedoch vorläufig noch energisch gegen die Krankenrolle zu sträuben . Es war ein blutjunges Menschenkind , das den Kopf unaufhörlich zwischen den weißen Kissen des einstweilen auf dem Sofa hergerichteten Lagers hin und her warf ; die wärmende Decke war zum Teil auf den Fußboden herabgeglitten , und der ungeduldige Patient schob eben die gefüllte Teetasse grollend weit von sich , als die beiden Männer eintraten . Wir sehen jetzt den Hüttenmeister in einem vollen Strahl der Beleuchtung , den der unbedeckte Teil der Lampe auf ihn wirft . Er ist ein auffallend schöner junger Mann von imposanter Gestalt . Wir begreifen nicht , wie er sich unter der niedrigen Zimmerdecke so zwanglos bewegen kann – man meint , sie müsse seinen lockigen Scheitel streifen . Seltsam kontrastiert das aschblonde Haupt- und Barthaar mit den schöngeschwungenen , sehr dunkeln Brauen ; sie sind über der Nasenwurzel zusammengewachsen und geben dem Gesicht etwas unbeschreiblich Melancholisches – der Volksglaube sieht in dieser eigentümlichen Bildung einen Stempel des Unglücks , die untrügliche Prophezeiung eines traurigen Schicksals . Dem unbeteiligten Beobachter würde es sicher nicht einfallen , den Kranken und diesen hochgewachsenen Mann für Blutsverwandte zu halten . Dort das knabenhafte , magere Gesicht mit dem bleichen , alabasterartigen Teint und der römischen Profillinie unter einer köstlichen Fülle bläulich-schwarzer Locken , und hier der deutsche Typus , eine blühend kräftige , blondbärtige Männergestalt , das untadelhafte Bild der Thüringer Edeltanne – und doch sind die beiden Brüder , zwei Menschen , die nur noch ein Familienband besitzen , das unter sich . Der Hüttenmeister trat rasch an das Bett , hob die Decke empor und verhüllte den Kranken bis über die Schultern ; dann nahm er die verächtlich weggeschobene Tasse und hielt sie an dessen Lippen . Das geschah schweigend , aber mit einem unabweisbaren Ernst , gegen den sich schlechterdings nichts einwenden ließ . Der rebellische Patient wurde plötzlich sanftmütig und leerte die Tasse pflichtschuldigst bis auf die Neige ; darauf ergriff er mit einer leidenschaftlich zärtlichen Gebärde die Hand des Bruders , und seine Wange daran schmiegend , zog er sie mit sich auf das Kissen nieder . Währenddem war der Mann im Reitermantel auch näher getreten . » Na , junger Herr , ist das auch eine Art , ins Quartier einzurücken ? Pfui , schämen Sie sich ! « sagte er , indem er die Laterne auf den Tisch stellte . Diese Anrede sollte jedenfalls humoristisch klingen ; durch die eigentümlich rauhe und ungefügige Stimme des Mannes erhielt sie jedoch weit mehr den Charakter einer derb polternden Zurechtweisung – ein Eindruck , der noch verstärkt wurde durch das unwandelbar finstere Gepräge der Gesichtszüge – sie sahen fast zigeunerhaft dunkel aus der Umhüllung des grellroten baumwollenen Taschentuchs . Der Angeredete fuhr empor ; eine jähe Röte flammte über das blasse Gesicht , und seine aufgeregten Augen hefteten sich finster forschend auf den Eingetretenen , den er bis dahin nicht bemerkt hatte . Dabei zuckte seine Rechte unwillkürlich nach dem auf dem Tisch liegenden Cereviskäppchen , dem Abzeichen seiner Würde als Student und Burschenschafter . » Laß gut sein , Bertold ! « sagte , lächelnd über diese Bewegung , der Hüttenmeister . » Es ist ja unser alter Sievert – « » Ei , was wird denn das junge Blut vom alten Sievert wissen ? « fiel ihm der Mann im Soldatenmantel trocken in das Wort . » Als flotter Bursche weiß einer nicht mehr , wie gut ihm der Kinderbrei geschmeckt hat – gelt , Herr Student ? ... Da , just auf der Stelle , wo Sie jetzt liegen , stand dazumal die Wiege , und da lag der kleine Kerl drin und strampelte und schrie nach der toten Mutter und schlug dem Vater und der Röse den Breilöffel aus der Hand – weiß der Henker , was Ihnen an meinem Gesicht so besonders gefallen hat , aber da wurden Boten über Boten in das Schloß geschickt , und der Sievert mußte her und den Kleinen füttern ... Hei , wie er lachte ! Die Tränen kollerten noch über die Backen , aber der Brei rutschte