um sechs Uhr abends die Leute aus allen Gassen und Straßen herbeikamen , um , ebenfalls wie seit alten , alten Zeiten , die Milch bei den ehemaligen Tuchwebern zu holen ; denn die Wolframs hatten sehr bald den Webstuhl mit der Ackerwirtschaft vertauscht , und emsig , wo sie irgend konnten , Grund und Boden und Triftgerechtigkeiten der Stadtflur käuflich an sich gezogen . Sie kargten und sparten , und zäh , hartköpfig und beständig von Charakter waren sie alle , wie sie nacheinander kamen . Die Männer scheuten sich nicht , hinter dem Pflug herzugehen , und die Hausfrauen , eine nach der anderen , standen zur Abendzeit pünktlich auf ihrem Posten am Milchschanktisch , auf daß kein Pfennig durch ungetreue Mägde in fremde Hand komme . Und sie taten recht , die Wolframs , wie es sich im Lauf der Zeiten auswies . Ihr Reichtum wuchs , und mit ihm das Ansehen ; sie wurden fast ohne Ausnahme in den Rat der Stadt gewählt , und endlich nach abermals hundert Jahren kam auch die Stunde , wo die Herren von Schilling es für angezeigt hielten , zu bemerken , daß sie einen Nachbar hatten . Von da an entspann sich ein freundlicher Verkehr . Die hohe Mauer blieb zwar stehen – sie hatte sich inzwischen vom Schillingshofe her mit dem undurchdringlichen Geflecht einer köstlichen Weinrebensorte bedeckt , und drüben umklammerte sie dunkler Efeu mit zähen Armen – aber der Geist einer humaneren Zeit schlüpfte über sie weg ; die von Schilling fanden es nicht mehr unter ihrer Würde , einen kleinen Wolfram über das Taufbecken zu halten , und wenn sie den nachbarlichen Senator zu Tische luden , so fiel es ihm nicht ein , besondere Ehre darin zu sehen . Ja , es trat die Macht des Wechsels allmählich , im Laufe des letzten Jahrhunderts , so hart an beide Geschlechter heran , daß , während die einst mißachteten Tuchweber mit Patriziernimbus vor ihren Truhen voll verbrieften , reichen Besitztums standen , die Kästen derer von Schilling sich in erschreckender Weise leerten . Sie hatten zu vornehm , in stolzer Üppigkeit gehaust , und der letzte Senior der Familie , der Freiherr Krafft von Schilling , stand bereits voll zitternder Angst mit einem Fuße über dem Abgrund des selbstverschuldeten Unterganges , als der Vetter starb , dem sie Hab und Gut verpfändet hatten . Und das war die Rettung des sinkenden Geschlechtes – der einzige Sohn des Freiherrn heiratete die einzige Tochter des Verstorbenen und mit ihr kamen alle Güter an das Schillingsche Haus zurück . Das geschah im Jahre 1860 . In dieses rettende Jahr fiel aber auch ein Ereignis , das im Nachbarhaus « mit einem wahren Jubel begrüßt wurde . Durch mehrere Generationen hindurch hatte die Familie Wolfram immer nur auf zwei Augen gestanden ; seit fünfzig Jahren aber war kein männlicher Erbe auf dem Klostergut geboren worden . Der Letzte des Stammes , der Rat und Oberbürgermeister der Stadt , Franz Wolfram , hatte sich infolgedessen zum finsteren wortkargen Eheherrn umgewandelt , dem der Groll sichtlich am Herzen nagte . Fünf Töchterlein hatten nacheinander das Licht der Welt erblickt , alle so » unausstehlich « flachshaarig wie die Mutter , alle mit der Neigung im kleinen , bangen Kerzen , sich vor dem gestrengen Vater in dunkle Winkel zu verkriechen , bis sie nach kurzem Dasein die hellockigen Köpfchen erlöst und friedfertig auf das weiße Kissen des Totenschreins betten durften ... Die Frau Rätin waltete befangen und schweigend , wie eine Schuldbewußte , neben dem verbitterten Eheherrn ; nur sein näherkommender Schritt jagte ihr stets die Flamme heftigen Erschreckens über das blasse Gesicht , sonst glich sie einem wandelnden Steinbild mit ihrem stillen , freud- und klaglosen Wesen . Und nun , sieben Jahre nach dem Tode ihres letzten Töchterleins , lag sie wieder droben in der Hinterstube , unter dem schneeweißen Betthimmel ; draußen zogen schwere , dunkle Wolken vorüber , aber ein einzelner Sonnenblitz durchzuckte sie und spielte über der Stirne der blassen Dulderin . » Ein Sohn ! « sagte feierlich die alte Wartfrau . » Ein Wolfram ! « brach es wie ein Jubelschrei von den Lippen des Rates . Er warf zwei Goldstücke in das Bad , das die braunen Glieder des Kindes benetzte , dann trat er an das Bett und küßte zum erstenmal nach zwanzigjähriger Ehe die Hand der Frau , die seinem Sohne das Leben gegeben . Dann kam ein Tag , wie ihn das Klostergut wohl noch nicht gesehen hatte . Es war nicht die Art der Wolframs , mit Hab und Gut zu prunken ; sie entzogen im Gegenteil ihre Silber- und Leinenschätze , das Familiengeschmeide , die alten , kostbaren Weine in ihren Kellern sorgfältig der Öffentlichkeit – ihnen genügte es , sich im Besitze zu wissen ; in den Nachmittags- und Abendstunden jenes Tages indessen breitete sich in der sogenannten großen Stube , dem ehemaligen Refektorium der Mönche , der öffentlich verleugnete Glanz des Hauses in seinem ganzen Umfang aus . Auf der mächtigen , damastgedeckten Speisetafel funkelte das Jahrhunderte hindurch aufgespeicherte Silbergerät , die Schalen und Schüsseln , Kannen und schlanken Becher , die riesigen Salzfässer und rings an den braunen , holzgeschnitzten Wänden vielarmige Leuchter , alles gediegen , in herrlich getriebener Arbeit . Und in der kleineren Stube nebenan stand der Tauftisch . Die Wolframs waren keine Blumenfreunde ; nie hatte sich ein Blumentopf auf den Fenstersimsen breitmachen dürfen , und im Obst- und Gemüsegarten hinter den Wirtschaftsgebäuden blühten kaum einige wilde Rosensträucher , die sich freiwillig angesiedelt , in den Ecken , – heute aber umstand eine duftende , den Treibhäusern der Stadt entliehene Orangerie den weißbehangenen Tisch mit dem Taufgerät ; den Täufling umrauschte das alte Familienerbstück , eine Taufschleppe von dickem , apfelgrünem Atlas , und auf dem dunkelhaarigen Köpfchen saß die dazu gehörige altfränkische Mütze mit einer kaffeegelben Mechelner Spitzengarnitur und Stickereien von indischen Staubperlen . Die alte Wartfrau saß derweil droben in