Rauschmelodie , und dazwischen rucksten die Tauben und kamen plump gegen die Fensterscheiben geflattert aus den uralten , riesenhaft ausgebreiteten Kastanienwipfeln , in denen sie nisteten , und die von der Abendseite her einen Dämmerschein in die Schloßmühlenstube warfen . Jenes Lärmgemisch aber existierte nicht für den Kranken – es gehörte so unbewußt zu seinem Leben und Behagen , wie die Luft , wie der regelmäßige Tactschlag seines Herzens . – Was war doch das für ein abstoßendes Greisengesicht , das der elegante Mann am Bette versprochenermaßen mit den Augen hütete ! Nie war ihm das Ordinäre des Ausdrucks , nie der Zug von Härte und gemeiner Grobheit , der sich in tiefer Krümmung um die dicke , hängende Unterlippe zog , so widerwärtig aufgefallen wie in diesem Augenblicke , wo der Schlaf oder die Erschöpfung den Willen aufhob und den äußern Charakterstempel in die ursprünglichen Linien rückte . … Nun ja , der Alte hatte auch tief unten angefangen ; er war bei Beginn seiner Laufbahn Müllerknecht gewesen ; aber jetzt war er ein Mann , dem der Getreidehandel Unsummen in den Schooß geworfen – er war ein Träger der Geldmacht , der da auf dem bäuerisch altväterischen Bettgestelle lag , und vielleicht auch ein wenig in Rücksicht auf diese imponierende Thatsache nannte ihn der Kommerzienrat respectvoll und zuvorkommend „ Papa “ ; denn in Wirklichkeit knüpfte sie nicht ein Tropfen gemeinsamen Blutes an einander . Der verstorbene Banquier Mangold , mit dessen ältester Tochter erster Ehe der Kommerzienrat vermählt gewesen , hatte als zweite Frau die Schloßmüllerstochter heimgeführt – das war das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen dem Kranken und seinem Pfleger . Der Kommerzienrat erhob sich und trat leise vom Bette weg an eines der Fenster . Er war ein jugendlich rascher Mann , den das Stillsitzen und ängstliche Beobachten nervös machten ; es widerstrebte ihm , fortgesetzt das unsympathische Antlitz und die geballten , knotigen , tief in die Bettdecke gewühlten Fäuste anzusehen , die einst die Peitsche über den Müllerpferden geschwungen hatten . Die letzte Kastanie vor dem Fenster , an welchem er stand , hatte längst die Blätter abgeworfen ; jede Rundung , jedes Viereck , welches die kahlen , in einander geschlungenen Aeste formten , wurde zum Rahmen kleiner Landschaftsbilder , eines lieblicher als das andere , wenn auch im Augenblicke der düstere Dezemberhimmel das Silberlicht der Teichspiegel dämpfte und mit seiner nassen Wolkenschleppe die duftige Veilchenbläue der fernen Berggipfel häßlich verwusch . Dort rechts , nachdem er die Räder der Schloßmühle gedreht , machte der Fluß eine starke Krümmung ; ein kleines Medaillon der Aeste seitwärts umschloß ein Stückchen seines funkelnden Streifens und zugleich ein Menschenwerk , dem er abermals dienen mußte – ein mächtiger Bau in Würfelform , ein ungeschmückter Steinkoloß , über den die Fensterreihen wie einförmige Perlenschnüre hinliefen , stand es in häßlicher Nüchternheit am Ufer . Das war die Spinnerei des Kommerzienrates . Auch er war ein reicher Mann ; er beschäftigte Hunderte von Arbeitern dort zwischen den kreisenden Spindeln , aber dieses sein Eigentum brachte ihn in eine gewissermaßen abhängige Beziehung zu dem Schloßmüller . Die Mühle , vor Jahrhunderten vom Landesherrn erbaut , war mit unglaublichen Privilegien ausgestattet worden , die , noch heute in Kraft , eine bedeutende Strecke des Flusses beherrschten und den Anwohnern das Leben sauer genug machten . Und auf diesen verbrieften Rechten stand der Schloßmüller mit seinen breiten Füßen und wies Jedem die Zähne , der auch nur mit einer Fingerspitze daran zu rühren wagte . Anfangs nur Pächter , hatte er allmählich und unmerklich die Fangarme seines wachsenden Reichtums ausgestreckt , bis er nicht allein Besitzer der Mühle , sondern auch des Rittergutes selbst geworden war , zu welchem sie gehörte . Und das hatte er durchgesetzt kurz vor der Verheiratung seines einzigen Kindes mit dem angesehenen Banquier Mangold . Für ihn selbst hatten nur der ausgedehnte Waldbesitz und die Ländereien Werth gehabt ; die dazu gehörige prächtige Villa inmitten eines stattlichen Parkes war ihm zu allen Zeiten ein Gräuel gewesen ; nichtsdestoweniger hatte er bereitwillig „ die kostbare Spielerei “ im Stande erhalten , weil er ja seine Tochter als Herrin da schalten und walten sehen durfte , wo die ehemaligen hochmüthigen Besitzer konsequent vergessen hatten , seinen Gruß zu erwidern . Jetzt war der Kommerzienrat Miether der Villa ; es lagen somit die ausgiebigsten Gründe vor , in gutem Einvernehmen mit dem Flußbeherrscher und Hauswirthe zu verbleiben , und das geschah – der Kommerzienrat stand wie ein fügsamer Sohn zu dem mürrischen Alten . Von der Turmuhr des Fabrikgebäudes schollen vier Schläge herüber , und hinter den hohen Scheiben des Komptoirs schlugen zugleich die Gasflammen auf ; es wurde heute sehr früh dämmerig ; jener feuchte Dampf , der Schnee bringt , füllte allmählich die Luft und machte den Essenrauch von der Stadt her träge über die Erde hinkriechen , während das Schieferdach der Spinnerei , jede Thürstufe und jeder Kieselstein den schlüpfrigen Glanz intensiver Nässe annahmen . Die Tauben , die noch geduldig , dick und faul neben einander auf den Kastanien hockten , verließen plötzlich die triefenden Aeste und flogen nach dem warmen , trockenen Schlage . Fröstelnd sah der Kommerzienrat in die Stube zurück . Fast kam sie ihm behaglich und anheimelnd vor , die den verwöhnten Mann sonst stets anwiderte mit ihrer von Speiseresten erfüllten Luft , mit ihren verräucherten Tapeten und den berüchtigten Neuruppiner Bilderbogen an den Wänden , aber eben legte Jungfer Suse draußen frisches Scheitholz in das Ofenfeuer ; das altväterische Sopha mit den dicken , weichen Federkissen stand so warm und bequem an der Wand , und auf den blankgeputzten Scheiben der Alkoventhür blinkte das letzte Restchen des falben Tageslichtes – ah , hinter dieser Alkoventhür stand der eiserne Geldspind – hatte er vorhin auch den Schlüssel abgezogen ? Kurz vor der Operation hatte der Schloßmüller sein Testament gemacht ; die Gerichtspersonen und Zeugen waren dem Doktor Bruck und dem Kommerzienrat noch auf der Treppe begegnet . Wenn er auch äußerlich bei