seidene Gardinen und auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein Neger in Livree . Der Kutscher fuhr mit der ganzen Rücksichtslosigkeit seiner Classe , sobald sie einen reichen oder vornehmen Herrn hinter sich im Wagen weiß . Offenbar hatte er das Gefühl eines Souverains auf der breiten Chaussee , denn er fuhr so dicht an der altersschwachen Postkutsche vorüber , als existire sie ebensowenig wie der Bauernknecht , der mittlerweile vom Bock herabgestiegen war und sich bei seinem Pferd zu schaffen machte . Nur mittels eines gewaltigen Sprunges rettete der entsetzte Bursch seine gesunden Glieder vor den Pferdehufen und Rädern der vornehmen Equipage . Er brachte vor Schrecken kein Wort heraus , aber es war auch gar nicht nötig , die Frau Hofrätin stand bereits neben ihm und schien den Kampf für ihn aufnehmen zu wollen . „ Ist das auch eine Art ? “ rief sie mit kräftiger , weithin schallender Stimme dem Kutscher nach . „ Ich werde Ihm die Polizei auf den Hals schicken für seine Unverschämtheit ! “ Der Kutscher fuhr unbeirrt weiter ; der Neger jedoch wandte sich um und zeigte hohnlachend seine zwei Reihen blendend weißer Zähne . Gleich darauf verschwand der Wagen in der Einfahrt der angrenzenden Besitzung . „ Das hat man davon , wenn solch ’ ein erbärmlicher Kasten vor der Tür hält ! “ wandte sich die Dame grimmig an ihren Diener , dem ein Paar kleiner , roter Flecken der Entrüstung über den Vatermördern glühten . „ Das war wieder einmal Wasser auf die Mühle da drüben ! … Mach ’ Er , daß Er in ’ s Haus kommt , Sauer , “ fuhr sie beruhigter fort , „ und hole Er dem Burschen da ein Glas Wein ; der Schreck ist ihm in die Glieder gefahren , er sieht ja fast noch wackeliger aus , als seine alte Kalesche . “ Sauer eilte fort und auch die Hofrätin trat in den Garten zurück . Der Regen hatte plötzlich nachgelassen ; es rieselte fein hernieder und nur noch von den Zweigen tropfte es klatschend und schwerfällig . Die eben angekommene junge Dame hatte sich während des Vorfalls auf der Chaussee unter einen dichtbelaubten Baum geflüchtet und sah mit großen , erstaunten Augen auf ein neues Haus , das seine glänzend weißen Mauern jenseit des hohen Gartenzauns erhob . „ Lilli , Du bist und bleibst doch ein Leichtsinn ! “ schalt die Tante . „ Weißt Du denn nicht , daß das der zugigste Platz im ganzen Garten ist ? … Ich bitte Dich , Kind , “ fuhr sie erregt fort , indem sie den Blick des jungen Mädchens auffing , „ sieh nicht dort hinüber . Ich stelle Dir die eine Bedingung – aber in allem Ernst – daß Du während Deines Hierseins tust , als höre da drüben mit dem Zaun die Welt auf . … Was dort lärmt , schwatzt und geigt , darf nicht für Dich existiren , wenn wir gute Freunde bleiben wollen ; hast Du mich verstanden , Lilli ? “ Die junge Dame öffnete ihre Augen noch weiter , aber sogleich flog ein reizendes Lächeln um ihre Lippen , sie verbeugte sich und legte die Hände auf Augen und Ohren , zum Zeichen , daß sie blind und taub sein wolle . „ Vorläufig sollst Du wissen , “ sagte die Hofrätin und deutete mit dem Schirm nach dem neuen Haus , „ daß da drüben täglich ein neuer Nagel zu meinem Sarg geschmiedet wird . … Jetzt laufe , daß Du in ’ s Haus kommst … Nimm doch Dein Kleid in die Höhe ; siehst Du denn nicht , daß der Buchsbaum schwimmt und den Firlefanz auf Deinem Rock jämmerlich zurichtet ? “ Lilli warf einen schelmischen Seitenblick auf die stattliche , kernfeste Gestalt der Tante – die Sargarbeit derer da drüben gedieh anscheinend nicht besonders – dann schürzte sie ihr Kleid , sprang den ziemlich steilen Kiesweg hinauf , der nach dem Hause führte , nahm eine dicke , wohlgenährte Katze , die eben träge durch die Hausflur schlich , bei den Vorderpfoten und tanzte so lange mit ihr herum , bis die Tante lachend , aber mit drohend gehobenem Zeigefinger in der Tür erschien und eine alte Köchin entsetzt aus der Küche stürzte , um ihren am Asthma leidenden Liebling der übermütigen Tänzerin zu entreißen . Die Hofrätin Falk hatte bei den Bewohnern der Stadt R. einen großen Stein im Bret . War auch die Art und Weise , wie sie den Leuten die Wahrheit in ’ s Gesicht zu sagen pflegte , nicht gerade die feinste und schmeichelhafteste und hatte sie die üble Gewohnheit , sich stets mit großer Energie und Entschiedenheit Derjenigen anzunehmen , deren guter Leumund auf dem Marterrost kleinstädtischer Klatschzungen lag , so fielen diese Schattenseiten doch nur leicht in ’ s Gewicht der seltenen Großmuth gegenüber , mit der diese Frau von ihrem bedeutenden Reichtum Gebrauch machte . Der Bedrückte fand stets ihre Hand und Tür offen , ihre Freunde konnten in Verlegenheit und übler Lage unverrückbar auf ihre Hülfe und ihr Schweigen zählen , und weil in der ganzen Stadt kein Kind zu finden war , das nicht wenigstens einmal Obst und Kuchen bei der Frau Hofrätin gegessen und sich auf den Rasenplätzen ihres Gartens herumgetummelt hatte , so war es wohl sehr natürlich , daß sie eine Allerweltstante wurde . Der vornehm klingende Titel wollte durchaus nicht über die Lippen der Kleinen , desto leichter aber wurde ihnen das traute „ Tante Bärbchen “ . Und diese Frau mit dem Herzen voll Liebe und Erbarmen , mit dem starken , unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn , sie hatte diese Welt betreten , lieblos verkürzt in ihren natürlichsten Rechten : sie wurde nur mit einem Arm geboren . Die böse Welt suchte diese Missetat der Natur in Einklang zu bringen mit dem göttlichen Gesetz : „ Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern . “ Man raunte sich zu