nicht , gnädiger Herr , sie will eben nicht in die Kindergesellschaft ! “ sagte die lieblose Vermittlerin . „ Ich habe Dir befohlen , daß Du hingehst “ , — rief der Vater , — „ wenn Dir eine Dame wie die Frau Staatsrätin1 die Ehre erweist , Dich einzuladen , so hast Du dankbar zu folgen . Ich will nicht , daß es heißt , ich er ­ zöge meine Tochter wie ein Aschenbrödel ! “ — Die kleine Ernestine erwiderte nichts , aber sie heftete einen Blick ihrer großen eingesunkenen Augen auf die Haushälterin , der diese ganz außer sich brachte , — einen Blick so voll Verachtung und Haß , wie sie in einer Kinderseele kaum für möglich gehalten werden sollten . Die Frau schlug die Hände zusammen : „ Nein , das böse abscheuliche Ding , — Sie sollten nur sehen , Herr von Hartwich , wie sie mich jetzt anschaut ! “ Mit diesen Worten wollte sie Ernestinen das Kleid über den Kopf werfen , — doch das Mädchen riß es herab , trat darauf und schrie mit schäumender Wut , durch einzelne Tränenstöße unterbrochen : „ Und ich zieh ’ s nicht an und ich geh ’ nicht zu den fremden Leuten ! Ich lasse mich nicht so behandeln . Sie sind ein boshaftes , schlechtes Weib , dem ich nicht gehorchen will ! “ „ Ei , Du meine Güte ! — Hab ’ ich in meinem Leben solch ein entartetes Kind gesehen ? “ klagte die Beleidigte , mit einem heimlichen Grauen auf die kleine Gorgone blickend , die mit aufgelösten Haaren und fliegender Brust vor ihr stand . „ Wird das Gezerr da draußen nun ein Ende nehmen ? “ wütete der Vater . „ Bin ich ungücklicher Mann dazu verdammt , nichts als Kinder- und Mägdegeschrei zu hören ? Ernestine ! Da komm ’ herein ! “ Die Kleine begann bei diesem Befehl am ganzen Leibe zu zittern , sie wußte , was ihrer nun wartete und ging langsamen Schrittes der Türe zu . „ Wird ’ s bald ? “ tönte die Stimme des Kranken . Ernestine trat ein und blieb unweit des Bettes stehen , in dem dieser lag . „ Da komm her ! “ rief er und bedeutete sie mit der rechten Hand , die linke war lahm , ganz nahe zu sich , während er , als Ernestine zögerte , fortfuhr : „ Du unnützes widerliches Balg , das , seit es auf der Welt ist , noch keinem Menschen Vergnügen gemacht hat , nicht einmal seiner Mutter — denn Dein Dasein kostete sie das Leben , Gott hat mir in Dir alle Leiden , aber nicht die Freuden beschieden , die ein Sohn bereitet , denn Du hast den Trotz und die Starrheit eines Buben und den armseligen gebrechlichen Leib eines Mädchens — was fängt man nun mit solch einem jämmerlichen bösartigen Geschöpf an , das nichts kann , als heulen oder wüten ? “ Bei diesen Worten brach das Kind von Neuem in ein lautes Schluchzen aus und wollte hinauseilen , aber ein donnerndes „ Halt , erst Deine Strafe “ , rief es zurück . Nun wuβte Ernestine , was unvermeidlich war und bebend flehte sie : „ Nicht schlagen , Vater — o nicht schon wieder schlagen ! “ Doch unerbittlich befahl sie der Kranke zu sich hin . Die Lippen fest zusammengepreβt , die kleinen Hände krampfhaft verschlungen , trat sie an das Bett . Der Kranke hob die breite harte Hand und ein schwerer Streich fiel brennend auf die durchsichtige Wange des Kindes , das von der Wucht des Schlages zu Boden geworfen ward . „ Willst Du jetzt gehorchen — oder willst Du noch mehr ? “ frug keuchend der Vater . „ Ich will gehorchen “ — schluchzte die Kleine und erhob sich . „ Zuerst aber bittest Du der Frau Gedike ab ! “ befahl der zornige Mann . „ Nein , “ rief Ernestine sich bäumend : „ Das tu ’ ich nicht ! “ „ Wie , noch nicht gebrochen , der Eisenkopf ? Tu ’ s , oder ich zerschlage Dir alle Rippen ! “ „ Und wenn Du mich umbringst , ich tu ’ s nicht , “ antwortete das Kind und ihre Augen leuchteten seltsam , als der Vater sich im Bette aufzurichten bemühte und den Arm nach ihr ausstreckte . „ O pfui ! Bist Du bei Sinnen ? “ sagte eine melodische Stimme plötzlich hinter Ernestinen . „ Ist das eine Art für einen vernünftigen Mann , sich mit einem eigensinnigen Kinde herumzubalgen und den Tierbändiger zu spielen bei einem kranken Kätzchen ! “ — Dann wendete sich der Sprecher zu der Kleinen und sagte freundlich : „ Geh ’ , mein Kind , und laβ Dich anziehen , Du wirst gewiβ recht vergnügt sein bei den schönen kleinen Mädchen ! “ Ernestine senkte die langen scharzen Wimpern und gehorchte still . Der seltsame Erlöser des gequälten Kindes war ein hochgewachsener , schlanker , fast schöner Mann mit feinen Zügen und einer vornehmen Ruhe , die zwar eher Kälte genannt werden konnte , aber um der gefälligen Form willen , in die sie gekleidet war , einen geziemenden Eindruck machte . Seine Redewise war leise , wohlklingend und langsam , seine Sprache tadellos reines Deutsch . Ein geistiger Hauch , der auf seinem ganzem Wesen lag , gewann ihm augenblicklich ein entschiedenes Übergewicht über seine Umgebung . Seine Kleidung war einfach , aber geschmackvoll , sein Gang leicht und leise , seine Haltung und Bewegung schlangenhaft geschmeidig , sein Ausdruck für den unbefangenen Beobachter leutselig , für den Menschen ­ kenner jedoch ironisch und hinterlistig . — In Augenblicken der Leidenschaft wirken solche mensch ­ liche Reptile höchst wohltätig abkühlend auf die erhitzten Gemüter und hemmen ihre leidenschaftlichen Ergüsse , wie Eisumschläge Blutungen stillen . — Von seinem Ein ­ treten an war der Kranke ruhig , fast