neckend , » vielleicht heiratest du noch und kriegst dein Süßes nach . « Und als Helene Wilkens herzlich zu lachen begann , lachte sie mit , meinte aber doch : » Höre , Lenchen , du siehst stattlich genug noch aus , – es muß nur einer sein , der für deine Jahre paßt . – Übrigens sag mal , hast du je etwas von deinem ehemaligen Bräutigam gehört ? « » Nichts , Sophiechen , als daß er geheiratet hatte und Witwer geworden ist . Das war das einzige . – Gott weiß , ob er noch lebt ! « » Zu schade war ' s doch . Es war ein zu reizender Mensch , « meinte nachdenklich die Professorin . 11 » Liebenswürdig und gut und hübsch fand ich ihn wenigstens ! « bestätigte Helene leise . » Nun , jetzt denkt man ja ruhig über die Geschichte . « In diesem Augenblick ging die Entreeglocke , und gleich darauf kam ein allerliebstes Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren in das Zimmer , küßte Tante Wilkens die Hand und schlang die Arme um den Hals der Professorin . » Herzensmutti , bist du böse , daß ich dich abhole ? Sieh mal , der Weg vom Seminar geht doch hier vorbei – – « und dabei unterbrach sie sich beständig , um das Mutti schallend auf Wangen , Stirn und Augen zu küssen . Und die Professorin lachte und verwies dem Töchterlein ernstlich solch unstatthaftes Benehmen , aber ihre Augen strahlten plötzlich , und sie strich zärtlich über die blühende Wange des Kindes . Als Tante Wilkens den jungen Gast noch mit Kuchen und Schlagsahne gefüttert hatte und die Damen sich verabschiedeten , sagte Helene plötzlich mit melancholischem Lächeln zu der Freundin : » Ich glaube , Sophiechen , du tauschest doch nicht mit mir ! « Die Professorin antwortete nicht . Sie mochte wohl die Sehnsucht in den Augen des einsamen Mädchens lesen . » Adieu , Liebe ! « sagte sie nur . » Wenn du von deiner Schweizerreise zurück bist , komme ich mal wieder . Ach , siehst du , eine Schweizerreise , das ist der unerfüllte Wunsch meines Lebens geblieben . Gelt , Mizzi , die Tante hat ' s gut , die kann reisen ! « Als sie fort waren , stand Helene Wilkens eine ganze Zeitlang im Erker und schaute auf die im Abendsonnenlicht schimmernden Fenster der gegenüberliegenden Villa und auf die grünen 12 Rasenflächen des Vorgartens . Solange sie hier in Dresden wohnte , hatte sie sich noch nicht so einsam und trostlos gefühlt wie nach diesem kleinen Erlebnis . Und es war doch weiter nichts geschehen , als daß ein Kind mit seiner Mutter gekost hatte . Ihren Gedanken ließ sich nicht Vernunft predigen , sie wanderten mit den beiden , die sie eben verlassen hatten . Eng aneinander geschmiegt waren sie dahingegangen ihrem kargen Heim zu . Das alte bittere Weh , der alte herzzerreißende Neid , den Helene weit hinter sich wähnte , hatte sie ja nun auch hier gefunden . * * * Es war später Oktober geworden , als Helene Wilkens von der Reise zurückkehrte . Sie hatte sich angesichts der Gotthardbahn in Luzern ganz rasch entschlossen und war an die italienischen Seen gegangen . Sie brauchte ja niemand zu fragen , hatte Freiheit , Zeit und Geld schrankenlos zu ihrer Verfügung . Ja , und das ist doch ein sonderbares Gefühl , so von niemand vermißt zu werden . So zu wissen : es wartet keiner auf dich , du kannst ausbleiben , sokange du willst . Ein Gefühl , das frieren macht und traurig stimmt . Auf der Rückreise freute sie sich aber doch ein wenig auf ihr trauliches » zu Hause « . Sie kam übrigens als echte Hausfrau unangemeldet , um zu sehen , wie ' s die Luise treibe , wenn sie nicht daheim war . – Der Zug lief an einem regnerischen kalten Abend gegen acht Uhr in die große Halle des Hauptbahnhofes ein . Helene Wilkens stieg aus , übergab ihr sämtliches Gepäck und den Schein über den großen Koffer einem Dienstmann , schlüpfte in eine Droschke und kam nach kurzer Fahrt durch Dunst und Nebel vor dem Hause an . Ihre Fensterreihe war natürlich dunkel , aber nebenan , – ach ja richtig , die andre Hälfte der Etage ist ja nun wohl bewohnt ! Freilich , da war das Erkerzimmer erhellt . Hoffentlich angenehme Nachbarschaft , die da zugeflogen war . Wer mochte es sein ? Droben stand sie im erleuchteten Treppenhause still . Hier links blinkte ihr an der Korridortür auf blankgeputztem Messingschild ihr Name entgegen , das heißt , 13 es stand da einfach nur » Wilkens « . Denn in der großen Stadt brauchte nicht jeder Bummler zu wissen , daß hier nur ein einzelnes Fräulein wohne . Auf der rechten Seite war ein einfaches Porzellanschildchen befestigt . Helene konnte den Namen nicht lesen auf dieser Entfernung . Sie war aber doch neugierig , und ehe sie den Knopf ihrer elektrischen Glocke drückte , ging sie leise hinüber und beugte sich zu dem Schildchen hinunter . » Oberstleutnant a. D. Wendenfels « las sie zurückfahrend . Sie fühlte , wie das Erschrecken zitternd durch ihren Körper rann und wie ihr die Füße schwer wurden , die sie doch rasch wieder auf die andre Seite tragen sollten . Aber ehe sie noch klar denken und sich entfernen konnte , wurde die Tür vor ihr geöffnet , und sie stand , gerade als habe sie direkt zu ihm hinein gewollt , vor einem großgewachsenen älteren Herrn in grauem Haar und militärisch gestutztem Schnurrbart , der sofort den Hut abnahm und höflich fragte : » Sie wünschen , gnädige Frau ? « Es war dieselbe Stimme , die sie nie hatte hören können ohne Herzklopfen – klar , schneidig , bestimmt , – ein bißchen dunkler vielleicht , ein wenig müder als damals . Und dieselbe