mit möglichster Ruhe , wenn auch mit heimlichem Verdruß , der Vetter zu bleiben , weiter nichts als der „ Vetter “ . Sie war nicht unfreundlich zu mir , o bewahre ! Keine Cousine der Welt hätte liebenswürdiger sein können , aber sie vermied doch Alles , was an Vergangenes auch nur im Entferntesten erinnern konnte , und die Buchenlaube dort unten im Garten schien gar nicht mehr für sie zu existiren . Desto mehr für mich ; ich saß halbe Nachmittage und des Abends zuweilen bis Mitternacht darinnen , und mitunter klopfte mein Herz zum Zerspringen , wenn in nächster Nähe ein duftiges weißes Kleid durch die Büsche schimmerte und eine anmuthige Stimme ein Liedchen trillerte . So recht aus der Seele klang es freilich nicht , und es schnitt mir in ' s Herz , wenn sich die zierliche Gestalt , die ich bereits in die Laube treten sah , kurz abwendete , um in einem der schattigen Wege zu verschwinden . Onkel und Tante betrachteten mich sorgenvoll , denn daß mir die Geschichte tief zu Herzen ging , mochten sie mir wohl ansehen . Der Cousine Frieda zeigte ich es freilich nicht – um so weher that es nach innen . Bis jetzt hatte das Mädchen jedes Alleinsein mit mir zu vermeiden gewußt ; um so überraschter war ich , als ich sie plötzlich meinen Namen rufen hörte . „ Willst wohl zum rothen Hause ? Wenn es Dir nicht unangenehm ist , Vetter “ – sie betonte dieses entsetzliche „ Vetter “ immer ganz besonders – „ so komme ich mit . Vater sagt mir eben , dem alten Wendenburg sei die Frau erkrankt , und Mutter hat mir Tropfen für sie gegeben ; sie hat lange Jahre hier im Hause gedient , weißt Du ; ich muß also hinüber , und gehe doch so ungern allein durch den Wald . “ Sie war bei diesen Worten aus dem Gitterpförtchen getreten und stand nun neben mir in ihrem schlichten Sommerkleide , das sie etwas in die Höhe genommen , damit das fleckenlose Weiß mit den feuchten Waldwegen nicht in Berührung komme . Um den Kopf trug sie ein schwarzes Spitzentüchlein geschlungen , und das liebliche Gesicht schaute doppelt reizend aus der düsteren Umhüllung hervor . Zum ersten Male fiel es mir auf , daß sie leidend aussah und daß ein schmerzlicher Zug sich um den hübschen rothen Mund gelegt hatte , den ich vor einem Jahre dort noch nicht bemerkt hatte . Ich erschrak und wollte , Alles vergessend , fragen , ob sie sich krank fühle . Aber ihre Augen blickten gleichgültig an mir vorüber in das Dunkel des Waldpfades , und dabei schwenkte sie mit kindischer Lust ein leichtes Körbchen im Kreise , sodaß ich das teilnehmende Wort unausgesprochen ließ . „ Unendlich schmeichelhaft , theuerste Cousine ! “ gab ich zurück , „ ich würde Dir nun zwar gern den weiten Weg ersparen , und in meiner Eigenschaft als junger und patientenhungeriger Arzt den Besuch am Krankenbette Dir abnehmen , aber – “ Sie zuckte ungeduldig die feinen Schultern . „ Ich habe diesen Gedanken ebenfalls gehabt und es dem Vater auch gesagt , “ versicherte sie , „ aber die Alte ist wunderlich , und Doctoren , noch dazu „ junge Doctoren “ , haßt sie förmlich ; sie würde die Tropfen aus Deiner Hand nicht nehmen , und der Vater will nun einmal , daß ich hingehe . “ „ Ich bin Dir also wirklich genügend zum Schutz gegen etwaige Spitzbuben , Räuber oder was Du sonst zu fürchten scheinst ? In der That , dieses Vertrauen – “ „ Warum denn nicht ? “ unterbrach sie mich und schickte sich zum Gehen an , „ Du bist ja ein baumstarker , großer Mensch und mein Vetter dazu . “ Ich schritt hinter ihr – und wer mag mir ' s verdenken ? – ärgerte mich über die Launen und Capricen der Mädchen im Allgemeinen und über die meiner Cousine im Besonderen ; am liebsten wäre ich wieder umgekehrt , hätte mich nicht eine ganz unbezwingliche Neugier nach dem „ rothen Hause “ fortgezogen . So wanderten wir nun durch den Wald , sie immer voraus , leise ein Liedchen trillernd , als sei sie in der fröhlichsten Laune der Welt . „ Halt ! “ rief sie plötzlich , „ da wären wir ja beinahe daran vorübergegangen ! “ „ Woran ? “ fragte ich . „ An dem Grabe unter der Hubertus-Eiche . “ „ Wessen Grab , Cousine ? “ „ Ei , frage doch nicht ! Du hast ja ein ganzes Actenstück in der Tasche , das die Geschichte des Todten hier erzählt . Vater , der es Dir gegeben , hat gesagt , ich soll Dich hierher führen , bevor wir in das rothe Haus gehen ; nun komm ! “ Sie hielt die Zweige von ein paar prächtigen dunkelgrünen Tannen aus einander und wies auf einen schmalen , kaum zu erkennenden Pfad . Ich hatte Mühe , ihr nachzukommen ; denn die Büsche schlugen wie ungestüme Wellen hinter ihrer feinen Gestalt zusammen und trafen empfindlich mein Gesicht , als wollten sie mich zurückhalten von dem Betreten dieses Ortes . Und nun befand ich mich plötzlich auf einem mäßig großen Platze , rings umstanden von dunklen Tannen ; inmitten derselben aber ragte eine prächtige uralte Eiche empor und breitete ihre Aeste wie schützend über einen Hügel aus , der kunstlos aus Feldgestein zusammengefügt war , überwachsen von Waldepheu und Moos . Ringsum die tiefste Stille , die erhabenste Waldeinsamkeit ; nur durch die Tannen ging ein leises Rauschen und Flüstern , und zuweilen wehte ein gelbes Blättlein von der Eiche hernieder und blieb in dem dunklen Epheu hängen . Ich ging hinüber zu dem schmucklosen Hügel und setzte mich auf die Bank daneben , während meine Hände den Epheu zur Seite bogen , um die Inschrift einer eisernen Tafel zu lesen . Ob hier der