, der andere noch Student war , hätten freilich lieber gesehen , wenn ihnen ein reichlicherer Zuschuß aus der väterlichen Kasse geflossen wäre , indes , ein Schuft giebt mehr als er hat , erklärte der Medizinalrat . „ Drückt euch durch , Jungens , ihr habt es ja nicht besser gewollt , habt eure Metiers selbst gewählt – mehr als zehn Thaler monatlich kann ich nicht hergeben ; ihr habt ja noch den Zuschuß aus der Ruprecht-Stiftung . “ Am wenigsten ward Aenne von der bescheidenen Lage ihres Vaters angefochten . Sie vermißte nichts , bis jetzt jedenfalls noch nichts . Sie kannte nichts anderes , war nach alter guter Sitte erzogen , und nach der gehörten die Frauen und die Oefen in das Haus , ein Sprichwort , das der Herr Leibarzt des öfteren im Munde führte . Aenne war so jugendfrisch , so gesund an Seele und Leib , so befriedigt von ihren kleinen Pflichten , so beglückt von ihrem einzigen , durch mangelhaften Unterricht freilich nicht sehr geförderten Talent ihrer schönen Singstimme , daß sie mit niemand getauscht hätte ; am wenigsten mit Fräulein Antonie von Ribbeneck , der jüngsten Hofdame Ihrer Durchlaucht , die in ihren dienstfreien Stunden , von trostloser Langweile geplagt , zuweilen ein Stündchen bei Mays vorsprach . Mays waren ja hoffähig in Breitenfels ; zu jedem Theeabend wurden sie von Durchlaucht befohlen , und Aenne mußte singen vor dem wunderbar zusammengestellten Cercle im herzoglichen Musiksaal . Auch für heut ’ abend war sie huldvollst darum ersucht worden , und nun probte sie noch einmal ihre Lieder , eines besonders , zu dessen Vortrag sie sich erst eben entschlossen hatte , um mit ihm den heutigen Musikabend , den ersten der kommenden Saison , zu eröffnen . Es mochte so ungefähr zehn Uhr morgens sein ; Mutter May war unter Assistenz des Dienstmädchens Karoline , die eben sechzehn Lenze zählte , beim Zubereiten des Mittagsessens in der Küche , der Herr Medizinalrat saß in seiner Stube vor dem Cylinderbureau und schrieb . Die Frau Herzogin wünschte in einigen Zimmern neue Oefen , da die alten nicht genügend mehr heizten , und Se . Hoheit , der Regierende , hatte die Eingabe des Kammerherrn von Ellenberg nicht beantwortet , wohl in der Meinung , daß die hohe Stiefmama die gewünschte Verbesserung aus eigenen Mitteln bestreiten könne . Die Herzogin-Mutter aber bestand auf ihrem verbrieften und besiegelten Recht , demzufolge der Regierende gehalten war , ihren Witwensitz in wohnlichem Zustand zu erhalten , und alterierte sich sichtlich über den Rabensohn so , daß der Leibarzt sich ins Mittel zu legen für gut fand und von der Gefährlichkeit sothaner Oefen , die Kohlenoxydgase ausströmen lassen und somit die Gesundheit der hohen Dame zu gefährden ernstlich imstande seien , eine blühende Schilderung entwarf . Wenn Se . Hoheit auch hierauf nicht zeichnete , so gab er sich vor dem ganzen Lande das Ansehen eines lieblosen Stiefsohns . Im Wohnzimmer , der Arbeitsstube des Rats gegenüber und von dieser nur durch den Flur getrennt , verhallten eben die letzten Töne . Aenne May stand vom Piano auf und klappte etwas geräuschvoll den Deckel des Instruments zu , so daß Tante Emilie aus dem leisen Schlummer , in den die süßen Töne sie gewiegt hatten , entsetzt aus der Sofaecke empor fuhr und schrie : „ Gott im Himmel , was bist du für ein Mädchen – man meint ja , ’ s ist ein Erdbeben ! “ Aenne May lachte , und unter diesem Lachen , bei dem Anblick dieser Frühlingserscheinung , an der alles lachte , schwand die verdrießliche Miene der alten Dame und sie sagte : „ Wo willst hin , Goldköpfchen ? Du ziehst ja die Handschuhe an ? “ „ Zur Generalprobe aufs Schloß , Tantchen . Leb ’ wohl , setz ’ dich gemütlich in deine Ecke und schlafe weiter – kannst ’ s ja haben ! Auf Wiedersehen ! “ Sie machte einen Knicks nach Art kleiner Mädchen und entschwand den entzückten Augen der alten Dame , um gleich darauf über den Schloßplatz der schmiedeeisernen Pforte des herzoglichen Parkes zuzugehen . Aenne May hatte eine schlanke , im schönsten Ebenmaß gebaute Gestalt , blondes Haar , duftig und lose , das aussah , als wäre es leicht mit Asche überstäubt ; dazu den zartesten Teint und glänzende bräunliche Augen , die jedermann groß und offen anzuschauen pflegten , vertrauende Augen , denen man es anmerkte , daß sie in ihrem jungen Dasein noch nichts Häßliches erblickt , noch keine Thräne der Enttäuschung zu weinen gebraucht hatten . Manchmal war es , als spielten Goldfünkchen in ihnen , gleich den lustigen Gedanken , die hinter der Stirn sich jagten ; und so war es meistens , es gab kein fröhlicheres Mädchen wie Aenne May , ihr Gekicher hörte man zu allen Zeiten und die Mutter schüttelte des öftern den Kopf , wenn sie eine Neckerei verübt hatte , und pflegte zu versichern : „ Das Lachen wird dir schon noch vergehen . “ Jetzt aber war es noch nicht so weit , und das feine Näschen schnupperte noch beständig in der Luft umher , ob es nicht etwas zu lachen gab für den Mund , hinter dessen roten Lippen so gern die prächtigen Zähne hervorlugten . Sie war mittlerweile bis an die Gartenpforte gekommen , ohne zu gewahren , daß vom Fenster der Oberförsterei ein paar Männeraugen ihr folgten . Aber sie mußten keine Macht über sie haben , diese Blicke ; sie sah sich nicht um , sondern ging jetzt innerhalb des Parkes langsam einen Seitenpfad empor , der auf die sogenannte Südterrasse und von da in den Schloßhof führte . Oben blieb sie an dem steinernen Geländer stehen und schaute in die Ebene hinein , die im Scheine einer blassen Herbstsonne vor ihr lag , so weit , ach so weit ! Dann spazierte sie , wie die Schulkinder thun , in dem welken raschelnden Laub mit möglichst wenig aufgehobenen