einen Gegenstand , und als ich ihn fortschieben wollte , erkannte ich ein kleines , vergriffenes , in Leder gebundenes Buch . Ich hob es auf , es war wahrscheinlich einmal rot gewesen , einige nur noch schwach vergoldete Lettern zeigten die Chiffre W.v.E. Ich steckte das Buch in die Tasche und bückte mich zu dem Grabe . Eine verwitterte Sandsteintafel fand ich , fast ganz unter dem Efeu verborgen , und darauf die Worte : Wilhelm v. Eberhardt , Leutnant im ... ten Infanterieregiment , geb . den 1.Juli 1805 , gest . den 20. November 1834 . Ich zog das kleine Buch hervor – W.v.E. , Wilhelm v. Eberhardt , wie sonderbar ! Und heute war ja der 1. Juli , also der Geburtstag des Verstorbenen . In welchen Beziehungen mochte das alte , einsame Mädchen zu diesem Toten gestanden haben ? Er war noch jung gewesen , als er starb , eben dreißig Jahre nach den Daten auf dem Leichenstein , und nun , nach so vielen Jahren , noch dieser heiße Schmerz ? Sie mußte ihn sehr geliebt haben . – Ob es ein Verwandter von ihr war ? Doch nein , man trauert nach vierzig Jahren nicht mehr so heiß um irgendeinen Vetter . Vielleicht war er ihr Bräutigam ? Das konnte möglich sein . Armes , altes Mädchen , wer weiß , was du für ein trauriges Leben hinter dir hast ! So in Gedanken vertieft , war ich zu Hause angelangt . Vor unserer Tür warf ich einen Blick nach ihren Fenstern hinauf . Sie saß im Lehnstuhl , wie alle Tage , doch heute müßig , sie hatte den Kopf in die Hand gestützt , welche ein weißes Tuch hielt . Ihre Augen sahen wie verloren unverwandt auf einen Fleck . Da fiel mir das kleine Buch wieder ein , – ob ich es hintrage , oder ob ich es eingewickelt durch den Diener hinüberschicke ? Doch es war ja die beste Gelegenheit , mich ihr zu nähern . Rasch drehte ich um , schritt über die Straße und befand mich schon im nächsten Moment auf dem etwas finsteren Vorsaal im zweiten Stock . » Wohnt hier Fräulein Siegismund ? « fragte ich eines der blonden Kinder , welches eben mit einem großen Butterbrot die obere Treppe herabkam . » Ja « , war die Antwort , » du kannst nur da klopfen , dann kommt sie gleich heraus . « » Danke dir , meine Kleine « , sagte ich und pochte entschlossen , obgleich mit Herzklopfen , an die alte , braune Tür . Ich hörte drinnen einen leisen Schritt , es wurde geöffnet , und erstaunt trat die alte Dame ein wenig zurück , dann aber sagte sie : » Bitte , gnädige Frau , treten Sie näher . « Ich war sehr verwirrt und verlegen , weil mir jetzt erst einfiel , daß ich mit dem Finden des Buches zugleich meine Neugierde eingestehen mußte . Sie wies mir einen Sofaplatz an und erwartete nun den Grund meines Kommens zu erfahren . Ihre großen Augen hingen mit einem Ausdruck von Verwunderung an den meinen . » Verzeihen Sie , liebes Fräulein « , begann ich endlich , » daß ich Sie störe . Ich war so glücklich , etwas zu finden , was vermutlich Ihnen gehört , da wir beide uns , wie es mir schien , allein auf dem Kirchhof befanden ? « Die alte Dame hatte plötzlich in die Tasche gefaßt , dann war sie bleich geworden , und griff nun mit beiden Händen nach dem kleinen Buche , welches ich ihr hinhielt . » Oh , tausend Dank « , sagte sie , » es wäre ein unersetzlicher Verlust für mich gewesen . « Hierauf schwieg sie wieder , als hätte sie schon zuviel gesagt . » Sie kennen mich gewiß , liebes Fräulein « , nahm ich das Gespräch wieder auf , » wir sind so nahe Nachbarn , daß ich mich wohl kaum vorzustellen brauche . « » O gewiß , gnädige Frau , ich kenne Sie und ihren Herrn Gemahl . Es ist meine ganze Freude , Ihr glückliches Leben zu sehen . Sie sind so heiter , so vergnügt , das herzliche Lachen ihres Herrn Gemahls schallt oft bis zu mir herüber , Sie sind auch beide noch so jung ! Gott erhalte Ihnen Ihr Glück . « Es klang so wehmütig , wie sie diese Worte sagte , daß ich , von einem plötzlichen Impuls getrieben , ihre Hände ergriff , und sie bat : » Liebes Fräulein , auch wir nehmen den herzlichsten Anteil an Ihnen . Sie sind so einsam , so allein ! Kommen Sie doch auch einmal zu mir herüber , ich will Sie aufheitern , mit Ihnen plaudern und – « » Ich danke Ihnen , liebe Frau Hauptmann « , sagte sie , und in ihren Augen schimmerte es feucht , » danke Ihnen herzlich für diese Worte , aber lassen Sie mich in meiner stillen Stube , ich passe nicht in die fröhliche Gesellschaft . Ich habe mich so hineingelebt in diese Einsamkeit , daß es mir schwer wird , unendlich schwer , sie zu verlassen . Kommen Sie lieber zu mir , kommen Sie , sooft Sie wollen , ich werde mich sehr freuen und werde mich dadurch an die Zeit erinnern , wo ich noch so jung , so glücklich war wie Sie . « » Oh , gern « , antwortete ich lebhaft , » gern , wenn Sie es erlauben . Ich habe so manchen langen Nachmittag für mich , wenn mein Mann im Dienst ist . Ich komme sehr bald , nächstens « , fügte ich hinzu , indem ich mich erhob . » Für heute darf ich Sie nicht länger stören , aber ich danke dem Zufall , der mich den Weg zu Ihnen finden ließ , denn ich interessiere mich schon solange ich drüben wohne für Sie