Kluft , die sich zwischen ihm - dem Geld - und mir aufgetan hatte , nicht mehr zu überbrücken war . Es begann sich an mir zu rächen , und das Infame an dieser Rache war , daß es mich nicht nur mied , sondern eben durch seine völlige Abwesenheit alle meine Gedanken und Gefühle ausschließlich erfüllte , mich vollständig in Anspruch nahm und sich nicht mehr ins Unterbewußtsein verdrängen ließ . Es gibt Momente , wo Leute anfangen zu beten . Und es gab einen Moment , wo ich anfing zu rechnen , blind und inbrünstig zu rechnen . Ich rechnete beim Aufwachen und beim Einschlafen , rechnete , wo ich ging und stand , rechnete all die Summen , die ich brauchte , in meinem früheren Leben gebraucht hätte und späterhin brauchen würde , zusammen und wieder auseinander , kalkulierte alle vorhandenen und nicht vorhandenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in der Gegenwart , Zukunft und Vergangenheit . Mein ganzes Leben zog wieder an mir vorüber bis in die kleinste pekuniäre Einzelheit , ich sah ein , daß ich niemals genug Geld gehabt hatte und voraussichtlich nie genug haben würde - alle verdrängten Begehrlichkeiten , alle gescheiterten Luxusträume wachten wieder auf , alles , was ich jemals hätte tun oder kaufen mögen und nicht getan oder gekauft hatte , gaukelte mahnend vor meinem inneren Auge , und so ging es fort bis ins Endlose ... Daß man in dieser Verfassung nicht sehr umgänglich ist , kannst Du Dir denken . Ich fühlte denn auch , daß die Bekannten kein besonderes Vergnügen mehr an meinem Verkehr hatten . Sie fanden mich langweilig , präokkupiert und zitterten vor Geldansinnen . Darin hatten sie auch vollkommen recht , denn war ich mit Menschen zusammen , so tat ich im stillen nichts anderes , als sie taxieren und geeignete Momente abwarten , um sie zu einer Anleihe , einer Schiebung oder Unterschrift zu verlocken ... Ich möchte nicht gar zu ausführlich werden , um Deinet - wie um meiner selbst willen . Denn wenn ich näher darauf eingehe , bekomme ich heute noch Rechenanfälle . Es kam dann schließlich ein Tag - so etwa Anfang oder Mitte Mai - , wo ich morgens vor die Stadt hinaus ging , um auf andere Gedanken zu kommen . Aber es nützte gar nichts - gleich auf dem Wege begegnete mir ein Hotelwagen , ich las stumpfsinnig die Aufschrift : Zu den vier Jahreszeiten und überlegte mechanisch , was denn eigentlich für eine Jahreszeit sei , während ich durch die Wiesen ging . Alles stand in Blüte und Sonnenschein , Lerchen sangen und im Teich quakten die Frösche - anscheinend vor Vergnügen . Ich beneidete sie . Und wieder fingen meine Gedanken an , unaufhaltsam um den einen Punkt zu wirbeln ... ja , es wird wohl Frühling sein , aber was geht mich das an ? Es gibt keine Jahreszeiten , keinen Sonnenschein und keine Blüten - es gibt keinen Lerchengesang und keine Frösche - es gibt nur Geld . Das alles tut , als ob es glücklich wäre , und doch gibt es kein Glück und keine Tragik , denn mit Geld läßt sich jede Tragik aushalten , und ohne Geld geht auch das Glück zum Teufel oder man kann nichts damit anfangen . So strich ich alles durch und setzte dafür Geld . Das hatte tatsächlich etwas Erlösendes , bis mir dann wieder aufs Herz fiel , daß es in meinem Fall ja eben keines gab , und nun fing alles wieder von vorne an . Ich will mich Deiner erbarmen , Maria , und es nicht noch weiter ausmalen ... Eben an jenem Morgen traf ich dann einen mir flüchtig bekannten Nervenarzt , einen Freudianer . Ich wollte mich unbefangen mit ihm unterhalten , konnte aber aus meinem Gedankengang nicht mehr herauskommen . Er wurde aufmerksam , interessierte sich , tat alle möglichen Fragen , dann blieb er mitten im Wege stehen , sah mich enthusiastisch an und stellte fest : ich litte an einem schweren Geldkomplex , und den könne man nur durch psycho-analytische Behandlung heilen , die er am liebsten selbst übernehmen wollte . Im weiteren Verlauf des Gesprächs schlug er mir vor , ich solle mich einstweilen in die Anstalt seines väterlichen Freundes , Professor X. , begeben , er selbst habe die Absicht , seine Ferien dort zu verbringen , und werde also nachkommen . Dem Professor X. möchte ich nur um Gottes willen nichts von der geplanten Behandlung sagen , denn er sei ein erbitterter Gegner alles Freudianertums . Ich könnte mich ja auf irgendeine fixe Idee hinausreden und ein wenig simulieren . Anfangs war ich etwas unschlüssig und ziemlich erschrocken über den Gedanken , mit einer pathologischen Sache behaftet zu sein . Das heißt , ich hatte wohl selbst schon geahnt , daß es nicht mehr ganz richtig mit mir war . Andererseits aber hatte der Gedanke , diesen Zustand wieder loszuwerden , vieles für sich - das fürchterliche Rechnen und die beständigen Geldgedanken mußten mich binnen kurzem ganz zugrunde richten . Wenn es in dieser Weise fortging , war ich sowieso nicht imstande , mich ernstlich mit der Ordnung meiner Angelegenheit zu befassen . Als ich kurz darauf die Nachricht von der schweren Erkrankung des alten Erbherrn bekam , war mein Entschluß gefaßt , denn nun auch noch mit positiven Kapitalsmöglichkeiten zu rechnen , das ging , weiß Gott , über meine Kraft . So stellte ich meine Angelegenheiten , meine Gläubiger und alles übrige in Gottes Hand , fuhr hierher und tat sowohl der Welt wie mir selbst gegenüber , als ob ich nicht mehr existierte . Aber selbst die Erinnerungen greifen mich noch zu sehr an , und ich glaube , wir haben für heute beide genug ... ein andermal mehr . 2 Wie mir denn hier zumut ist , willst Du wissen ? - Einstweilen ist es so ziemlich die dümmste Situation , die mir das Leben bisher serviert hat , und mit