Es wird sich finden . Sei ruhig . An Onkel Just will ich nicht herantreten . Er gab mir vor vier Jahren das erste Geld . Das war schön von ihm , wenn er ' s auch mit borstigem Wesen gab . War ja voll Aergernis und Gegenmeinung , weil ein Hellbingsdorf Fabrikant und Kaufmann geworden war und bleiben wollte . Komisch : daß durch ganz Danzig seine hellblauen Milchwagen fahren mit der Aufschrift : Hellbingsdorfer Meierei , Vollmilch , Magermilch , Fettkäse usw. , findet er ganz selbstverständlich . Das vereinbart sich mit dem feudalen Charakter eines landwirtschaftlichen Betriebes . Aber Blechbüchsen mit dem Aufdruck : Farbwerke Allert von Hellbingsdorf , sind ihm ein greulicher Anblick , und die Lackfarben dieses Werkes könnten noch so vorzüglich sein - er möchte nicht , daß in seiner Remise ein Leder damit gelackt würde ! Er gibt nicht zu , daß zwischen den Produkten der Scholle und denen der Industrie nur ein Art- , kein Rangunterschied sei . Jawohl , solche Anschauungen kommen immer noch vor . Und es ist um so putziger , als doch die Maschine auch in der Landwirtschaft triumphiert . Er begreift immer noch nicht , daß der Adel , teils durch eigene Schuld , teils gedrängt , heute in eine Stellung gekommen ist , wo er sich verteidigen muß , um sich zu behaupten . Das einzige , modernste und erfolgreichste Verteidigungsmittel ist aber doch Arbeit ! Ich bin ein Edelmann und denke es zu bleiben und finde es zeitgemäß , daß auch ein solcher sich am industriellen und kaufmännischen Kampf beteiligt und sich dann durchzufechten versucht . Früher focht man mit Lanze und Schwert . Die Waffen haben gewechselt . Das ist alles . Also um nicht ganz von Onkel Just abzukommen : Deiner leise vorbeugenden Anspielung hätte es nicht bedurft ; ich klopfe nicht bei ihm an . Daß er mir überhaupt zur Etablierung verhalf , habe ich ja nur Dir zu verdanken . Sein ungeheurer Respekt vor Deiner Haltung hat da gesprochen . Er mag damals , nach unseres Vaters Tod , Angst genug gehabt haben , daß nun ihm alle Lasten zufallen würden . Und er sah : Du nahmst es allein auf Dich . Und er hört , wenn er mal nach Berlin kommt , gerade in den Kreisen , die er allein als Welt kennt und anerkennt , so rühmlich von Dir sprechen . Da konnte , da wollte er sich nicht lumpen lassen , als wir das erstemal kamen . Und er mag auch gedacht haben : schließlich ist mir die Mutter gut dafür , wenn der Sohn Pech hat . Soll ich noch auf Deine andere Anspielung eingehen ? Haben wir das Thema nicht schon manchmal erörtert ? Ich soll wohlhabend heiraten , hoffst Du . Seltsam , daß bei solcher Frage die zartestempfindenden Frauen ihren Zartsinn vergessen können . Oder habt Ihr Mütter die naiv-fanatische Ueberzeugung , daß Eure Jungens über die Maßen liebens- und begehrenswert seien ? Daß die reichen Erbinnen nur so in den Ballsälen an der Wand sitzen und sehnlichst warten , wir sollen sie wählen ? Ja und wenn ! Ich zum Beispiel , liebe Mutter , will nicht nur ersehnt und geliebt werden , ich will selbst wünschen und lieben und aus eigener innerster Notwendigkeit mir meine Gefährtin wählen . Und ich denke mir , so fühlen alle gesunden Kerls meines Schlags . Aus vollem Herzen will ich mal glücklich werden . Nicht nur aus vollem Verstand . Aber das ist ein weites Feld . Da spielen auch noch zahllose andere Fragen hinein , außer denen des Gefühls . Kulturströmungen . Gegenwartsnöte . Und Unklarheiten über das Weib von heute . Ihre Umrisse schwanken . Es gibt jetzt zu viele Spielarten . Und sie sind nicht sicher bestimmbar . Lassen wir diese Frage um so völliger auf sich beruhen , als ich zurzeit ja ungefähr vor lauter Arbeit und Kampf in der Lage jener Männer bin , die annoncieren : Wegen Mangels an Gelegenheit von Damenbekanntschaft usw. usw. Soll ich ? Nein , das wäre mir doch zu bunt : sauer ums Vorankommen kämpfen und mich nebstbei schon behängen und behemmen mit einem Eheproblem ! Laß Dich nicht verstimmen . Vielleicht hat Raspe mehr Bereitwilligkeit . Und in seiner Umwelt findet er auch eher - falls er suchen mag . Nun schließe ich . Immer nehme ich ungern Abschied von Dir . Wenn es auch nur im Brief ist . Ich scheine bei Dir zu sein , wenn ich schreibe . Und dann bist Du nicht so allein . Der Gedanke ist mir immer so schwer , daß Du Dich , mühsam arbeitend , einsam dem Herbst näherst . Darüber darf ich aber nicht nachdenken . Dann komme ich in eine Stimmung , daß ich , um Dich sorglos lächeln zu sehen , eine Gould oder Vanderbilt heiraten könnte , falls sie mich nähme . Ich küsse Deine lieben Hände . Dein Allert . « Ueber den Brief war sie ein wenig böse , ein wenig enttäuscht , sehr davon unterhalten und im ganzen doch sehr glücklich . Und dann wunderte sie sich , daß Allert von » einsam « sprach . Er wußte doch ... Nein , Kinder wissen nie und verstehen nie ganz . Sie schätzen die Stellung der Mutter zu ihren Mitmenschen nie ganz richtig ein . Besonders nicht , wenn der hauptsächlichste Mitmensch der Mutter ein treuer Freund ist . Die Mutter kann vor den Söhnen nicht ihr Innerstes beleuchten und durchsprechen , als sei das ein wissenschaftlich und genau zu erörterndes Objekt . Und außerdem : Kinder sind auch immer eifersüchtige Egoisten und gönnen der Mutter alles , wenn sie selbst einbeschlossen sind , und nichts , wenn es sie ausschließt . Sophie dachte an ihr Glück . Ein leises , feines , karges war es - aber Glück genug für ein bescheidenes Herz . Leidgewohnte , deren Haar bereift ist , sind bescheiden . Junge Menschen wissen