und Arzneien geben zu lassen . Schreckliche Geschwüre , eiternde Beulen , vernachlässigte Wunden und Leiden aller Art bekam die Schwester täglich zu sehen , und auf alles schaute sie mit derselben Güte und lächelnden Milde , als sei ihr das viele Häßliche nie widerlich , sondern nur ein bißchen trauriger als alles übrige . Tschun wurde auch einmal von seiner Mutter zu der Schwester Apothekerin gebracht . Gegen der Mutter Warnung war er nämlich anderen größeren Nachbarkindern nachgelaufen , die einen großen Papierdrachen steigen lassen wollten ; dabei hatten sich seine Füße in der Schnur verwickelt , er war gefallen und mit dem Kopf gegen einen großen , spitzen Stein geschlagen . Was weiter geschah , erinnerte er sich nicht genau . Er befand sich plötzlich zu Hause bei seiner Mutter , und bald darauf ging sie mit ihm in das Kloster , und die Schwester Apothekerin verband ihm den Kopf in einem Zimmer , wo es merkwürdig roch , und wo hinter Glasscheiben auf Gefächern an der Wand eine Menge Flaschen , Töpfe , Näpfe und große bunte Glasschalen standen . Tschun konnte sich nicht erinnern , je früher im Hause der Nonnen gewesen zu sein , aber vielleicht blieb ihm dies eine Mal nur wegen des Loches im Kopf so deutlich als erstes Mal im Gedächtnis . Er mußte noch mehrmals zurückkehren , um den Verband erneuern zu lassen , und bei diesen Besuchen lernte er das ganze Kloster kennen . Seine Mutter begleitete ihn jedesmal , obschon der Weg von ihrem Häuschen ganz kurz war und er recht gut hätte allein gehen können . Aber er erfuhr , daß seine Mutter früher , vor vielen Jahren , als sie noch jung war und unverheiratet , ganz bei den Nonnen gelebt hatte ; er sah dort andere Frauen , die auch in dem Kloster erzogen worden waren und immer wieder gern auf ein Stündchen hingingen , und die den Schwestern erzählten , das Leben sei nie mehr so schön geworden , wie es damals bei ihnen gewesen . Sie litten alle am Vergangenheitsheimweh , ohne es selbst zu wissen . Tschun hätte das noch gar nicht verstehen können , denn seine Welt war noch ganz Gegenwart . Eines Tages , als Tschun wieder mit seiner Mutter nach dem Petang gegangen war , sah er ein paar grüne Sänften vor dem Eingangstor stehen . Träger hockten herum und rauchten aus kleinen Pfeifen , und Reitknechte in bunten seidenen Röcken führten Pferde auf und ab , die in der frischen Herbstluft dampften , wie Schüsseln schönen warmen Reises . Die Pferde trugen kleine Ledersättel auf dem Rücken , wie Tschun sie damals noch nicht kannte . Die Schwester Apothekerin erzählte , einige Herren und Damen von den fremden Gesandtschaften hätten den Bischof besucht und seien nun herübergekommen , um auch die Schule der Nonnen zu besehen . Als Tschun mit seiner Mutter in die weiße Veranda heraustrat , standen die Fremden gerade da und verabschiedeten sich von der alten Oberin . Die Herren trugen hohe Stiefel aus gelbem Leder , das wie Spiegel glänzte , und Tschun wunderte sich sehr darob , denn er dachte , alle Menschen trügen sommers kleine chinesische Zeugschuhe mit dicken Filzsohlen und winters zum Reiten hohe Samtstiefel . Tschun war so beschäftigt mit den gelben Stiefeln , daß er die fremden Menschen selbst gar nicht sehr beachtete . Nur eine Dame fiel ihm auf , weil sie sich zu ihm beugte und sein Gesicht streichelte : und obschon es Spätherbst war , und alle Blüten längst erfroren waren , kam es Tschun vor , als dufte es plötzlich um ihn nach Blumen ; daß die freundliche Dame aber statt glattem , schwarzem Haar krause rötliche Löckchen bis nahe an die Augen hängen hatte , empfand Tschun als etwas sehr Häßliches , und sie tat ihm darum sehr leid . Als die Fremden fort waren , erzählte die Oberin , der eine kleine , ältliche Herr sei derjenige Gesandte , der den Bischof , die Priester , die Nonnen und den ganzen Petang beschütze . Tschun konnte das nicht begreifen . Der Bischof , mit dem goldenen Kleid und der hohen glänzenden Mütze , von dem grauen , unscheinbaren Männchen beschützt ? Wahrscheinlich hatte sich die Oberin geirrt , und es war gerade umgekehrt . Aber Tschun hatte nicht Zeit , sich lange bei den verwickelten Beziehungen zwischen Kirche und Staat aufzuhalten . Er stand in dem Lebensalter , da jeder Tag neue , erstaunliche Entdeckungen bringt - der erste Schnee , der im Gedächtnis weißer und glitzernder zurückbleibt als alle später erlebten Schneefälle , die langen Karawanen zottig-brauner Kamele , die allherbstlich aus der Mongolei kommen , und denen er sich doch nicht erinnern konnte je früher in den Straßen ausgewichen zu sein ; dann die langausgedehnten Neujahrsfeste , vor deren Beginn er Verwandte und Nachbarn immerzu von Geld reden hörte und von der Notwendigkeit , Schulden zu bezahlen ; und dann die Festzeit selbst , in der die Welt auf einmal mit bunten Bildern , Glückssprüchen und Laternen angefüllt zu sein schien , wo von einem Haus zum anderen Bretter mit Geschenken getragen wurden , köstliche Süßigkeiten und große rosa Klatschrosen , oder künstlich verkrüppelte , blühende Pflaumenbäumchen , die rote Visitenkarte des Gebers auf all den Herrlichkeiten obenauf liegend ; eine Zeit , in der Feuerwerk abgebrannt und die ganzen Nächte hindurch geschossen wurde , während tagsüber geputzte Leute durch die Straßen gingen und Besuche austauschten , bei denen man sich über zahllosen Tassen Tee und unter vielen Verbeugungen nach gegenseitigem Befinden erkundigte und sich Gutes wünschte . Es gab unendlich viel zu sehen für Tschun , der sich so gern draußen herumtrieb ; aber in der ganzen festlichen Welt erschienen ihm als begünstigtste Wesen ein paar Nachbarskinder , die für einige Kupfermünzen Knallerbsen gekauft hatten und damit in der Straße um sich warfen . Ob der Knallerbsen , und besonders , weil diese Kinder schon in die Schule gingen , erschienen