mir ausstand . Sie war ein ruhiges und gottesfürchtiges Weib und hatte das Haus voll Kinder , ohne selber jemals eins geboren zu haben . Es waren lauter fremde , die sie um ein Vergeltsgott und etliche Kreuzer Kostgeld aufzog . Sie fragte nie lange , woher oder von welchen Leuten so ein Wurm kam ; mit gutem Herzen nahm sie ihn in die Arme und war ihm eine rechte Mutter . Wenn ich an den langen Winterabenden in der Stube hockte und mit dem Ziehvater Besen band oder der Mutter das Garn vom Spinnrocken verzwirnte , da erzählte sie oftmals den Mägden von ihren Eltern und deren Schicksalen . Lebendig steht er noch vor mir , der selige Weidhofer , wie ein knorriger , trutziger Baum , mit allen Bauerntugenden , die seine einzige Tochter , meine Kostmutter , von ihm rühmend berichtete . Er hatte den Weidhof schon als junger Bursch übernehmen müssen , nachdem ihm der schwarze Tod über Nacht die Eltern und das Gesinde weggeholt hatte . Er war damals gerade im Tirolerland gewesen bei einem Vetter , als ihm flüchtende Bewohner des Heimatdorfes die Hiobsnachricht zutrugen . Kurz darauf holte er sich eine Bäuerin aus der Umgegend , die ihm neben dem stattlichen Brautschatz auch einen sparsamen Sinn und ein Paar riegelsame Arme mitbrachte . Mit ihr hauste er fünfunddreißig Jahre und war zufrieden und angesehen . Und als er ihr nachmals ein verschnörkeltes Grabkreuz und den alten Efeustock auf ihren Hügel setzen mußte , half ihm eine einzige Tochter trauern und den Hof versorgen . Diese Tochter aber war meine Ziehmutter . Sie war damals ein hageres , gelbhaariges Mädchen , das nüchtern und gelassen alle Dinge nahm , wie sie kamen . Daher sagte sie auch ohne viel Besinnen ja , als der Meßmerkaspar , ein ungeschlachter , aber gutmütiger Mensch , um sie anhielt . Der alte Weidhofer hätte es nun freilich anders im Sinn gehabt , und der Antrag des mageren Freiers war nicht nach seinem Willen ; doch brachte er es nicht über sich , seinem einzigen Kinde dies zu sagen , und so wurde bald still Hochzeit gehalten . Nach Wunsch und Willen des Weidhofers blieben beide im Haus ; denn obschon der immer noch rüstige Alte nicht um alles den Weidhof bei Lebzeiten seinem Schwiegersohn übergeben und sich ins Austragstüblein gesetzt hätte , wollte er doch nicht , daß seine Wabn als Meßmerin in einer Häuslleutwirtschaft ein kümmerliches Brot äße . Und nachdem er sich als fast siebzigjähriger Greis zu seiner seligen Bäuerin in die Grube gelegt hatte , übernahm der Meßmerkaspar den Hof und nannte sich von nun an Weidhofer . Seine Ehe mit der immer hagerer und bleicher werdenden Wabn blieb kinderlos , obschon diese die mannigfachsten Gelöbnisse und Wallfahrten unternahm . Schließlich tröstete sie sich und begann , ein innerliches , gottseliges Leben zu führen , las fleißig den Thomas von Kempis und andere fromme Werke und hielt im Haus auf Zucht und Gottesfurcht . Da hätte sie es denn freilich gern gesehen , daß ich , nachdem ich die ersten paar Hosen auf der Schulbank zerrissen hatte und anfing , ein ziemlich wohlgestalter , kleiner Bursch zu werden , auch zugenommen hätt an Weisheit ; denn mein Ziehvater , der Meßmer , jammerte um einen Ministranten . Wohl waren unter den sieben Kostkindern , die sein Weib aufzog , vier Buben ; allein , er konnte keinen für dies Amt gebrauchen . Der lange Ambros war so dumm , daß er das Glöcklein nicht einmal bedienen konnte bei der Messe , geschweige denn dem Pfarrer antworten . Der Fritz war noch im Flügelrock , und Hans und Hausl mußten schon aufs Feld . Da sagte die alte Mutter oft zu mir : » Mathiasl , schau , daß d ' gscheiter wirst ! « , oder : » Mathiasl , guck , unser lieber Herr braucht ' n Knecht ! « Und der Weidhofer , mein Ziehvater , setzte sich mit mir auf die Hausbank und lehrte mich das Konfiteor , das Deo gratias und noch gar vieles . Oft nahm er auch ein paar alte Milchkännlein und wies mir , wie man den Priester beim Amt bedient und bei der Messe . Dies alles hätte mir wohl gefallen , und ich begriff schnell und mit gutem Verstand , was er mir zeigte ; allein die Leute sagten , daß es eine Sünde sei , wenn so ein hergelaufener Balg am Altar des Herrn bediene . » Wer weiß « , sagten sie , » von wem er stammt , und was für ein gottloses Gewerbe vielleicht seine Eltern getrieben haben ! « Und etliche Bauern sagten : » Wir haben selber Buben ; wir brauchen keinen gelegten ! « Also durfte ich nicht in die Kirche und zum Altar , und der Weidhofer schickte mich nun mit dem Vieh auf die Weide , und ich wurde der Hüterbub . Das war freilich keine harte Zeit für mich , und ich hatte viel der Weil für allerhand Dinge , die meinem Sinn damals noch näher lagen als Gebetläuten und Kirchendienen . Aus Weidenstäbchen schnitt ich mir kleine Pfeifen und brachte es dabei auf eine solche Anzahl , daß ich mit ihnen das Te deum blasen konnte . Sie lagen alle , den Tönen nach geordnet , auf einem Felsblock , und ich vergnügte mich viel mit ihnen . Oder ich machte Wasserspritzen und Luftpistolen aus Holunderholz und verhandelte sie sonntags nach der Kirche am Gottesackertürl gegen alte Silbergroschen , Glaskugeln , Adlerfedern oder andere Sachen , von denen ich in einem Felsenloch schon ein gutes Häuflein beieinander hatte . Darinnen saß ich oft stundenlang und unterhielt mich mit diesen leblosen Dingen , als seien sie meinesgleichen . Ich stellte etliche wunderlich geformte Wurzelstöcke an die Felswand , daß sie die Bauern wären ; und die kauften oder verhandelten alsdann die Kostbarkeiten , wobei ich jedem eine andere Stimme lieh und ein anderes Temperament ,