würde schwerlich wieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren . Dann nahmen wir recht bewegt Abschied und wünschten ihm alles Gute . Unser Wunsch sollte leider nicht in Erfüllung gehen , denn der Zug , mit dem er weiterfuhr , fiel einer Katastrophe zum Opfer , und in der Liste der Geretteten war sein Name nicht genannt - so ist wohl anzunehmen , daß er mit verunglückte . Wir haben denn auch nichts mehr von ihm gehört . Die Aufzeichnungen haben wir gelesen - es war das erste , was wir damit taten ; aber , wie schon anfangs erwähnt , vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben . Nach unserer Ansicht handelt es sich , wie ja auch Herr Dame selbst meinte , um recht eigentümliche Menschen , Begebnisse und Anschauungen . - Unter anderem interessiert es uns lebhaft , wo jener Stadtteil zu finden ist , in dem sich das alles begeben . Wir leben , wie Sie wissen , schon so lange in der Fremde , daß es viel zu anstrengend wäre , die Kulturströmungen einzelner Stadtteile genauer zu verfolgen . Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zu erfahren , ob die vorliegenden Dokumente wohl die Bedeutung eines document humain haben und sich zur Veröffentlichung eignen würden . Meinen Sie nicht auch , daß es dann vielleicht ein schöner Akt der Pietät wäre , dem anscheinend Frühverblichenen auf diese Weise einen Grabstein zu setzen ? Wenn Sie es für geboten erachten , würden wir Sie bitten , einen Kommentar dazu zu schreiben - uns fehlt leider die nötige Sachkenntnis , und so haben wir uns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungen beschränkt - aber vielleicht ist es auch überflüssig . Kurzum - ja , wirklich kurzum , denn wir lieben die Kürze auch dann noch , wenn wir ausführlich sein müssen , lieben sie um so mehr , wenn wir gerade ausführlich gewesen sind - wir legen diese Papiere und alles Weitere vertrauensvoll in Ihre Hände . 1 Dezember Langweilig - diese Wintertage ... Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht . Man nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die obligaten Fragen - wo ich wohne , wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere . Der alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden , daß ich kein bestimmtes Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe - ich solle mich vorsehen , nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten . Das war sicher sehr wohlgemeint , aber es fällt mir auf die Nerven , wenn die Leute glauben , ich sei nur hier , um mir die Hörner abzulaufen und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf vorzubereiten . Es war eine Erholung , nachher Dr. Gerhard im Café zu treffen . Ich erzählte ihm von meinen Familienbesuchen , er räusperte sich ein paarmal und sah mich prüfend an . Dann meinte er , das mit dem Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete studentische Schablone , aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute , die sich gärenshalber hier aufhielten , und zu diesen würde wohl auch ich zu rechnen sein . Eine sonderbare Definition - gärenshalber - , aber der Doktor drückt sich gerne etwas gewunden aus ... das scheint überhaupt hier üblich zu sein . Wenn man darüber nachdenkt , hat er eigentlich nicht ganz unrecht . Vielleicht ist etwas Wahres daran - es kommt mir ganz plausibel vor , daß mein Stiefvater mich gärenshalber hergeschickt hat . Nur paßt es wohl gerade auf mich nicht recht . Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach - überhaupt nicht viel eigne Initiative - ich werde einfach zu irgend etwas verurteilt , und das geschieht dann mit mir . Mein Stiefvater meint es sehr gut und hat viel Verständnis für meine Veranlagung ; so pflege ich im großen und ganzen auch immer das zu tun , was er über mich verhängt . Verhängt - ja , das ist wohl das richtige Wort . Schon allein die äußeren Umstände bringen es mit sich , daß immer alles eine Art Verhängnis für mich wird . Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter . Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt - er soll sehr unsympathisch gewesen sein - und nur den Namen von ihm bekommen . Mein Stiefvater hat einen normalen , unauffälligen Namen und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter . Sie hätte ihn ebenso gut gleich heiraten können , und alles wäre vermieden worden . Es wurde aber nicht vermieden , denn es war über mich verhängt , diesen Namen zu bekommen und mein Leben lang mit ihm herumzulaufen . Dame - Herr Dame - wie kann man Herr Dame heißen ? so fragen die anderen , und so habe ich selbst gefragt , bis ich die Antwort fand : Ich bin eben dazu verurteilt , und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen - zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung - einem matten , neutralen Auftreten , das mich irgendwie motiviert . Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen , und das Matte , Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur . Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt . Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen , er schien es auch zu verstehen , und es interessierte ihn . Der Verurteilte sei wohl ein Typus , meinte er , mit derselben Berechtigung , wie der Verschwender , der Don Juan , der Abenteurer und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden . Dann hat er gesagt , jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie , der er nachleben müsse . Es käme nur darauf an , das richtig zu verstehen - man müsse selbst fühlen , was in die Biographie hineingehört und sich ihr anpaßt - alles andere solle man ja beiseite lassen oder vermeiden . 7. Dezember Darüber habe ich dieser