beiden Söhne , die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer verschollen waren . Sie wohnte ganz allein in ihrem großen , leeren Dachhaus , zwischen Netzen und Segeln , die die Gebliebenen zurückgelassen hatten , und wunderte sich , daß sie immer noch lebte , und daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß . Einer aber war da , der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht zugemacht : Thees to Baben , der Segelmacher und Spökenkieker , der Blut stillen , Krankheiten besprechen , Hexen bannen und Schweine zum Fressen bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß . Er beobachtete den Pastor scharf , und als Bodemann die Augen schloß , machte Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster , bis er ihn kommen sah , den langen , heimlichen Zug , der vom Deich stieg und über die Äcker , Gräben und Wischen wallte , ohne eines Weges oder Steges zu bedürfen , der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte und die Kirche füllte . Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren Plätze und alle Gänge . Kopf an Kopf standen sie , die gekommen waren , die gebliebenen Fahrensleute , die alten und die jungen , die Schiffer und die Knechte . Mit weitgeöffneten , wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie an . Wie sie über Bord gespült waren , standen und gingen sie , das Wasser leckte ihnen von den Südwestern , glänzte auf den Ölröcken und quoll aus den Seestiefeln . Der Spökenkieker sah sie und lugte , ob sie einen unter sich hatten , dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war . Dabei blieb er ruhig , denn er war an Spuk gewöhnt : nur , wenn einer der Toten ihn ansah , schüttelte er den Kopf , als wenn er sagen wollte : an den Segeln hat es nicht gelegen , daß ihr geblieben seid : die Segel waren gut ! Wobei er allerdings voraussetzte , daß er sie auch wirklich gemacht hatte . Endlich - ein erlösendes Husten unten im Schiff , ein befreiendes Scharren oben auf dem Chor , ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in den Erlen und Eschen . Da vergingen Gespenster und Gedanken , die Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen , und Alt-Bodemann bekam seine Sprache zurück . Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand anhielt und alle , die dazugehörten , um gottesfürchtige Eheleute , Eltern und Herren , gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde , da war die große Stille vorüber : die Konfirmanden machten wieder ihre verstohlenen Zeichen , die Mädchen kicherten und stießen einander im geheimen an , Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer , Thees Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu , als wenn er noch Pastor werden wollte , und die Fahrensleute rollten die Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen . Klaus Mewes , der junge Seefischer , der in der Nähe der Orgel auf dem Chor saß , war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen , die ihn jäh befallen hatte , und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen . Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen , daß er nicht allein recht in der Sonne saß , sondern auch aus dem Fenster sehen konnte . Hinter den Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen , und über den Stroh- und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der Fischerfahrzeuge , die auf den Schallen und am Bollwerk lagen , und die Rauchwolken der Dampfer , die im Fahrwasser , hart am holsteinischen Elbufer , auf und ab fuhren : Dinge , die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude füllten ! Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete , so konnte nur sein Junge schuld daran sein , der unter seinen Augen unermüdlich neben der Kirche im Gras auf und ab ging . Er freute sich wie ein Stint , daß er ihn nicht mit hereingenommen hatte , wie es eigentlich seine Absicht gewesen war , als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und gesagt hatte , sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die Kirchentür bringen . Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen und geschwiegen ? Sicherlich nicht , - er wäre bald aufgestanden und umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und getan : beim stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt , wie jener Bauernjunge vom Osterende getan hatte , als er seinen Vater in den Hut gucken sah : Du Vadder , lot mi ok mol innen Hot kieken ! Den Klingelbeutel hätte er in den Händen gewogen und ausgerufen : Junge , Junge , Vadder : dor is ober plenni Monne in ! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt : Diern , Geeschen , wat schreest du ? Hest du dien Ontjen woll nix to freten geben ? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre , hätte er geantwortet : ik bün vörn Pastur ne bang , Vadder ! - oder eingewendet : de lebe Gott is ne bi Hus , Vadder , de kann mi nix seggen . Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen , was er alles angerichtet hätte , und es war besser , daß er draußen seine Wache abreißen mußte . Der Seefischer lachte in sich hinein . Als sie vor der Kirche angelangt waren , hatte Jochen Rolf sich zu ihnen gesellt und schalkhaft-ernst gemeint : wenn der Junge mit hinein wolle , müßten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden , damit er keine Steine bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe . Solle er aber draußen bleiben , dann wäre nur zu wünschen , daß der Pastor es kurz und knapp mache , damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in Brand stecke . Worauf