zusammen , hatten einander gemessen und begrenzt . Er war vor kurzem Professor geworden und hastete von morgens früh bis zum späten Nachmittag einer großen Praxis nach . Seine übrige Zeit verbrachte er zumeist in seinem Laboratorium , an das sich ein ausgedehnter Stall schloß , in dem er die Tiere hielt , an denen er fortgesetzt experimentierte . Bis spät nachts saß er dann zu Hause noch an seinem Schreibtisch . Frau Edda hatte es nicht leicht , ihr Leben in bewegtem Gange zu halten , wie sie so sehr gewünscht hätte . Sie kämpfte mit ihrem » Laster « , wie sie es selbst nannte , - mit ihrer Trägheit , - die vielleicht nichts anderes war als große Erschöpfbarkeit , wie sie in alten Familien zu spuken pflegt . Frau Edda , die so gern auf das Waffengeklirre horchte , das » draußen « die Geister aneinander geraten ließ , die mit Neugier alle Nachrichten verfolgte , die von überwundenen Widerständen berichteten , - Frau Edda konnte sich aus der Gefangenschaft ihrer Zimmer nicht frei machen . » Der Tag zerrinnt mir unter den Fingern « , klagte sie , wenn man ihr vorhielt , daß sie ihr Talent nicht pflege . Denn Frau Edda hatte ein Talent , vielleicht war es der Großvater , der ihr das seine , in veränderter Form , vererbt hatte . Auf der Marmorplatte und in der Lade ihres breiten Toilettetisches lagen zwischen Elfenbeinbürsten , Kristallflacons , feinen Stahlscheren , Nägelfeilen , silbernen Schalen - verstreute , einzelne Blätter . Da sah man mit wenigen , kecken Strichen Motive der weiblichen Kleidung zu neuen Kombinationen vereint . Fast immer , wenn Edda ihre Entwürfe Modejournalen zur Verfügung stellte , hatten die Redaktionen darnach gegriffen , ja man hatte regelmäßige Beiträge von ihr erbeten . Aber Frau Edda mußte ablehnen , denn sie konnte , wie sie es nannte , nur » unfreiwillig « arbeiten . Ihre Inspirationen kamen » in Anfällen « . Plötzlich , wo immer es war , zumeist während einer Stadtfahrt im Wagen , oder bei der Lektüre eines anregenden Buches , geschah es , daß , wie sie es nannte , » eine Klappe im Gehirn sich öffnete « , - und dann fiel prompt ein neues Trachtenmotiv heraus . Während der Professor sich morgens früh erhob , sobald der gedämpfte Wecker seiner Taschenuhr sein leises Surren hören ließ und das Morgenlicht durch den absichtlich freigelassenen kleinen Spalt zwischen Fensterbrett und Jalousie fiel , sich hastig ankleidete , stehend eine Tasse Tee trank und seiner Klinik zueilte , lag Frau Edda in den Banden eines Schlafes , die ihr so unzerreißbar erschienen , daß der Besuch des Kaisers von China sie nicht veranlaßt hätte , sie energisch abzuschütteln . Erst , wenn diese Bande » von selbst fielen « , wendete sich ihr schlaftrunkenes Gehirn der Tatsache zu , daß ein Stück Leben heute abzuwickeln sei . Sie trank dann langsam im Bett ihren Kakao , knabberte Zwieback dazu , durchblätterte die Zeitungen und Modejournale und las ihre Post , die nicht unbeträchtlich war , da sie gern Korrespondenz pflegte . Langsam und schwer ordnete sie im Gehirn den Inhalt dieser Briefe und Zeitungen , die sie beinahe belastend anregten . Ehe sie nicht genau wußte , wie und wo dieses neue Material unterzubringen sei und wie sie dazu Stellung zu nehmen hätte , fühlte sie sich nicht » frei « genug , aufzustehen . Sie badete umständlich , pflegte die etwas schadhaften Zähne mit mehreren Wässern und Pasten , gewann manchmal ein paar Minuten für den Versuch einiger Freiübungen , überließ sich eine halbe Stunde der Friseurin , und nur eineinhalb bis zwei Stunden verbrachte sie auf diese Art bei der Morgentoilette , - für eine Dame gewiß nicht zuviel . Wenn sie fertig war , machte sie » Ordnung « . Sie konnte sich , wie sie behauptete , nicht ruhig hinsetzen , wenn nicht alles genau auf seinem Platze lag , und so fand sie sich in einem ewigen Turnus durch die weitläufige Wohnung . Sie ging den Dienstboten nach , bemerkte , daß die Stühle nicht so standen , wie sie stehen mußten , daß eine Decke schief lag , daß etwas Staub zwischen zwei Nippes liegen geblieben war . Der Professor hatte diese » Ordnungssucht « , wie er es nannte , kaltblütig in die Pathologie verwiesen . Auch Frau Edda gab diese Tätigkeit nicht für hausfraulichen Antrieb aus . In die Küche wagte sie sich kaum , dort waltete die Perfekte , und dort wurde jene Arbeit gemacht , vor der Frau Edda Angst hatte , richtige beklemmende Angst . In verwirrendem Vielerlei lagen da die zahllosen Ingredienzien , aus denen sich jede einzelne Mahlzeit zusammensetzt . Es roch nach Fetten , nach blutigem Fleisch , es prasselte , schmorte , dampfte ; und mit ihren langschleppenden , lichten Hauskleidern wußte sie gar nicht , wie sie sich auf den Fliesen der Küche und zwischen den beladenen Tischen bewegen sollte , wenn eine neue Köchin sie durchaus einmal hier » brauchte « . Nach dem Mittagessen , wenn der Professor in seinem Ordinationszimmer verschwand , lag Edda im Schaukelstuhl und rauchte langsam , ohne Eile , mit dem Behagen der milden Nervenbetäubung , aber mit wachem , bösen Gewissen , eine , zwei und drei Zigaretten , stand auf , mit schwerem Kopf , hatte » Lufthunger « , klingelte dem Stubenmädchen , das um diese Zeit der Ordinationsstunde alle Hände voll zu tun hatte , und befahl , ihre Garderobe zum Ausgehen bereit zu legen . Sorgfältig legte sie Stück für Stück an . Sie bevorzugte die reiche , französische Mode vor der englischen , schweres Material , auch zu einfachen Gelegenheiten ; besonders liebte sie kostbare , immer etwas bizarre Mäntel und Hüte von unwahrscheinlichen Dimensionen , die ihr schönes Gesicht weitausgreifend umrahmten und die hohe Gestalt mit fürstlichem Pomp stilisierten . Diese Erscheinung paßte weder auf die Trottoire