zu geben . Man setzte sich auf der Veranda zur Abendmahlzeit nieder an den Tisch , über den das rote Abendlicht hinflutete und der Seewind an dem Tischtuch und den Servietten zerrte . Das machte die Gesellschaft schweigsam , so das Meer vor sich , war es , als sei man nicht allein , nicht unter sich . » Ich habe mir das Meer größer gedacht « , erklärte Wedig endlich . » Natürlich , mein Sohn « , meinte die Generalin . » Du willst wohl für dich ein Extrameer . « Frau von Buttlär lächelte gerührt und sagte leise : » Er hat so viel Phantasie . « Fräulein Bork sah Wedig schief durch ihren Kneifer an und meinte : » An die Phantasie des Kindes reicht selbst das Weltmeer nicht hinan . « Nun begann Frau von Buttlär mit ihrer Mutter ein Gespräch über Repenow , ihr Gut , über Dinge , die sie anzuordnen vergessen hatte , von Gemüsen , die eingemacht werden sollten , und Dienstboten , die unzuverlässig waren , lauter Sachen , die seltsam fremd und unpassend in das Rauschen des Meeres hineinklangen , dachte Lolo . Aber unten am Tisch war ein Streit entstanden zwischen Wedig und Ernestine . » Ernestine , « sagte Fräulein Bork streng , » wie oft habe ich es dir nicht gesagt , du darfst beim Servieren nicht sprechen . Oh ! Cet enfant ! « setzte sie hinzu und seufzte . Die Generalin lachte . » Ja , unsere Bork hat es mit Ernestines Erziehung schwer , denkt euch , heute mittag entschließt sich das Mädchen zu baden . Sie geht ins Meer nackt wie ein Finger , am hellen Mittag . « - » Aber Mama ! « flüsterte Frau von Buttlär , die Mädchen beugten sich auf ihre Teller nieder , während Wedig nachdenklich Ernestine nachschaute , die kichernd verschwand . Das Abendlicht legte sich jetzt plötzlich ganz grellrot und unwahrscheinlich über den Tisch und Fräulein Bork schrie auf : » Seht doch ! « Alle fuhren mit den Köpfen herum . An dem blaßblauen Himmel standen riesige kupferrote Wolken und auf dem dunkelwerdenden Meer schwamm es wie große Stücke rotglänzenden Metalls , während die am Ufer zergehenden Wellen den Sand wie mit rosa Musselintüchern überdeckten . Wedig blinzelte mit den roten Wimpern und verzog wieder sein Gesicht , als schmerzte es ihn . » Das ist allerdings rot « , meinte er . Die Generalin jedoch war unzufrieden : » Sie haben mich erschreckt , Malwine , Sie haben eine Art , auf Naturschönheiten aufmerksam zu machen , daß man jedesmal zusammenfährt und glaubt , eine Wespe sitze einem irgendwo im Gesicht . « Die Mahlzeit war zu Ende , die Mädchen und Wedig stellten sich an die Verandabrüstung , um auf das Meer zu starren . Frau von Buttlär hüllte sich fester in ihr Tuch und sprach mit leiser , besorgter Stimme von ihren häuslichen Angelegenheiten . Die gewaltsamen Farben am Himmel erloschen jäh . Die farblose Durchsichtigkeit der Sommerdämmerung legte sich über das Land , und das Meer , jetzt lichtlos , schien plötzlich unendlich groß und fremd . Auch das Rauschen war nicht mehr so geordnet eintönig und taktmäßig ; es war , als ließen sich die einzelnen Wellenstimmen unterscheiden , wie sie einander riefen und sich in das Wort fielen . Klein und dunkel hockten die Fischerhäuser auf den fahlen Dünen , hie und da erwachte in ihnen ein gelbes Lichtpünktchen , das kurzsichtig in die aufsteigende Nacht hineinblinzelte . Auf der Veranda war es still geworden . Das seltsame Gefühl , ganz winzig inmitten einer Unendlichkeit zu stehen , gab einem jeden für einen Augenblick einen leichten Schwindel und ließ ihn stillehalten , wie Menschen , die zu fallen fürchten . » Wer wohnt denn dort ? « begann Frau von Buttlär endlich und wies auf eines der Lichtpünktchen am Strande . » Das dort , « erwiderte die Generalin , » das ist das Haus des Strandwächters . Eine verwachsene Exzellenz hat sich bei ihm eingemietet . Du kennst ihn auch , den Geheimrat Knospelius , er ist bei der Reichsbank etwas , er unterschreibt , glaube ich , das Papiergeld . « Ja , Frau von Buttlär erinnerte sich seiner : » So ein Kleiner mit einem Buckel . Recht unheimlich . « » Aber so interessant « , meinte Fräulein Bork . » Und die anderen Häuser ? « fragte Frau von Buttlär weiter . » Das sind Fischerhäuser « , erklärte Fräulein Bork , » das größte dort ist das Anwesen des Fischers Wardein und dort , ja , dort wohnt sie doch . « » Sie ? « fragte Frau von Buttlär , beunruhigt davon , daß Fräulein Bork ihre Stimme so geheimnisvoll dämpfte . » Nun ja « , flüsterte Fräulein Bork , » sie , die Gräfin Doralice , Doralice Köhne-Jasky , die wohnt dort mit - nun ja , sagen wir mit ihrem Manne . « Frau von Buttlär verstand noch nicht ganz . - » Doralice Köhne , die Frau des Gesandten , das ist doch die , die mit dem Maler - die wohnt hier , das ist ja aber schrecklich , man kennt sich doch . « Doch die Generalin ärgerte sich : » Was ist dabei Schreckliches , man hat sich gekannt , man kennt sich nicht mehr . Der Strand ist breit genug , um aneinander vorüberzugehen , eine fremde Frau Grill , nichts weiter . Ihr Maler heißt ja wohl Hans Grill . « » Sind sie wenigstens verheiratet ? « klagte Frau von Buttlär . » Ja , sie sagen , ich weiß es nicht « , meinte die Generalin , » das ist auch gleich . Sie wird das Meer nicht unrein machen , wenn sie darin badet . Es ist kein Grund , liebe Bella , ein Gesicht zu machen , als seiest du und deine Kinder nun verloren . «