Zauberei und Räuberei , Spuk und Gespenstern . Wollte auch wissen , daß der runde Turm am Krökentor erst zu ihres Großvaters Zeiten erbauet worden und auch damals nach altem Brauche sein eingemauert Mägdlein erhalten habe . Des näheren beschrieb sie den Hergang also : Zuerst waren die Ratsherren unschlüssig , woher das Mägdlein zu nehmen sei . In alten Zeiten war es wohl vorgekommen , daß eine Mutter freiwillig ihr Kind geopfert , vermeinend , ein gut Werk zu tun . Jetzt aber dachten die Mütter allzu christlich , wie denn überhaupt das Magdeburgische Volk dem Opfern also wenig geneigt war , daß es wie ein heimlich Gericht mußte betrieben werden bei Nacht und Nebel . Da nun die Eingeweiheten nicht wußten , wie ein Opferkind zu erlangen , gab ihr Anstifter , der schwarze Burgemeister , den Rat , von den städtischen Waisenkindlein solle das Los gezogen werden . Gleicherweise ward beschlossen , und wurden nun dreizehn Mägdlein , so ohne Vater und Mutter auf Stadtkosten Pflege erhielten , ins Rathaus beschieden , angeblich , um mit Namen in ein Buch eingetragen zu werden . Auf den Tisch aber hatte man mit Fleiß einen Apfel gelegt , der die Kinder in Versuchung führen sollte . Wie nun das kleinste Mägdlein den Apfel sahe , nahm es ihn und biß hinein . Dies nun war das verabredete Los ; das Mägdlein ward daher still beiseite in Gewahrsam geführet . Des Nachts aber brachte man es in einem Wagen nach dem Krökentor , wo bei Fackelschein Männer stunden , die Angesichter geschwärzt . Man setzte nun das Mägdlein in die offen gelassene Stelle der Mauer , gab ihm seinen Apfel in die Hand und mauerte die Lücke mit Steinen zu . Wie es ringsum finster geworden , hub das Mägdlein an zu weinen . Draußen freilich vernahm man nur ein leis Gewimmer . Es zu übertönen , begunnte der schwarze Burgemeister seine Weiherede : » Gleichwie das Lamm Gottes am Kreuzesstamme sein Blut dahingegeben zur Erlösung der Menschenkinder , also bist du , unschuldig Mägdelein , ein heilsam Opfer für unser Magdeburg . Gebenedeiet bist du ! Denn was ist süßer denn Honigseim ? « Hier wollte er selber antworten : » Zu sterben fürs Vaterland . « Doch aus der steinernen Gruft drangen mit wimmernder Stimme die Worte herfür : » Der Mutter Brust ! « Verwirrt hörte es der Burgemeister , wollte aber die unheimlichen Laute übertönen und sprach : » Wo ruhet es sich weicher denn auf Daunenpfühle ? « Wollte nun fortfahren : » Im Grabe für das gemeine Wohl . « Doch es wimmerte abermals und sprach vernehmlich : » An der Mutter Herzen ! « Da ergriff ein Grausen die Anwesenden , und einer flehete : » Reißet das Gemäuer nieder ! Gebet das Kindlein frei ! « Doch ihm wehrete der schwarze Burgemeister , das Wimmern im Gemäuer verstummte , und vollendet war das Werk . Zum Wahrzeichen aber ward an die Stelle , wo des eingemauerten Mägdeleins Füße ruhen , ein Stein in die Mauer eingelassen , so zwei Kinderfüßlein abbildet . Wiederholt habe ich die kleinen Zehen betrachtet , wenn ich durch das Krökentor ging . Als ich einmal mit meinem Vater vorbeikam , meinte ich : » Das Mägdlein hätte lieber den Apfel nicht sollen nehmen . Ob es ihn wohl noch gegessen hat in seinem Mauerloche ? « » O mein Kind , « antwortete mein Vater erschrocken , » glaub doch nicht , was die Leute schwatzen ! Diese Füßlein sind nur zum Gedächtnis der alten Mär abgebildet ; es brauchet deswegen kein Mägdlein dahinter zu stecken . Zauberische Menschenopfer hat man wohl in heidnischen Zeiten dargebracht . Jetzt aber sind die Magdeburger Christenmenschen und kennen die Gebote : Du sollst nicht töten und sollst nicht zaubern . « » Die Gebote kennen sie wohl , « - schwatzete ich - » deswegen aber zaubern und töten sie doch . Hat man nicht vorige Woche einen Schiffer auf dem Marktplatz an den Galgen gehenket ? Und unser Küster erzählt , als Junge habe er eine Hexe brennen sehen , die auf einem Besenstiel zum Blocksberg gefahren sei . Eine Nachbarin , die sie mitnehmen gewollt , habe alles vor Gericht ausgesagt . « Da seufzete mein Vater : » Ja , es ist eine arge Welt ! Aber laß uns lieber nicht daran gedenken . Sollte es aber wirklich wahr sein , daß ein Mägdlein eingemauert ward , so ist das schlimm für die Magdeburger . Hätten lieber nach eigener Unschuld trachten , als sich mit fremden Federn schmücken sollen . Durch die geopferte Unschuld sind sie selber schuldig worden und müssen dafür büßen . Werden dereinst noch erleben , wie ihr gefeiet Krökentor von stürmender Hand genommen wird , und wie die stolze Stadt - ein ander Ilium und Jerusalem - in Rauch und Asche aufgehet ... « » Nicht doch , Vater ! « sprach ich . » Warum gläubest du also ? « » Es gehet der Krug zu Wasser , bis er bricht , und einer jeglichen Burg auf Erden ward vom Himmel beschieden , früher oder später zu fallen , wie ein Kriegesmann zu fallen pflegt . Der Himmel meinet es gut mit solchem Verhängnis . Blühet doch alles Lux herfür aus Crux , alles Licht aus Kreuz und Leide . Die Menschen zu erleuchten , muß ihr irdisch Vaterland zerstöret werden , daß kein Stein auf dem andern bleibet . Also werden sie vermahnet , die bessere Heimat aufzusuchen - eine Burg der wahren Unschuld - eine Burg aus eitel Licht ... « Hierauf so schwiegen wir lange . Ich aber dachte der Rede nach . Und wie wir am Abend an einem Kornfelde lagerten bei dem Lusthaine , den die Magdeburger Vogelsang nennen , kam ich noch einmal auf das eingemauerte Mägdlein zu sprechen . Über dem Kornfelde schwebte eine Wolke , anzuschauen wie ein gülden Gebirg , und ich sprach