halbwegs Schönthal begleiten « , warf die Großmutter ein . » Meinetwegen , obschon es nicht nötig wäre ; der Schönthaler Fabrikschlot guckt ja rotgelb aus den Bäumen wie ein Wiedehopf . - In Schönthal erwartet euch der Götti Statthalter zum Mittagessen . Nachher kommt ein Wagen vom Landammann Weißenstein in Bischofshardt ; der holt das Töchterlein des Landammanns ab , das in Schönthal beim Fabrikdirektor Balsiger in den Ferien gewesen ist und ebenfalls am Montag wieder in die Schule muß . In dem Wagen dürft ihr bis Bischofshardt mit fahren - « » Pfui ! « » Wieso pfui ? Das sind doch Manieren ! ! Ihr fahrt doch sonst gerne in einem Wagen . « » Ja , aber das Mädchen ! « » Sie wird euch nicht beißen , ihr solltet es vielmehr für eine unverdiente Ehre anrechnen , mit solch einem feinen , wohlerzogenen Mädchen reisen zu dürfen , wie die Gesima Weißenstein . Aber laßt ihr mich eigentlich ausreden oder nicht ? Also mit der Gesima fahrt ihr im Wagen bis nach Bischofshardt , und morgen dürft ihr den ganzen Samstag beim Landammann bleiben ; wie er euch dann am Sonntag nach Aarmünsterburg weiterspediert , ist seine Sache . « Diesem Reiseverzeichnis fügte die Großmutter einige Weisungen , Warnungen und Ermahnungen bei . Mit dem Götti Statthalter in Schönthal , bei welchem sie zu Mittag essen werden , sei nicht zu spaßen ; der sei ein entsetzlich strenger Herr , vor welchem alles zittere , so daß sie sich dort doppelt vorsichtig und untadelhaft benehmen müßten . Sie dürften ihn also zum Beispiel nicht so patzig anglotzen , als wollten sie sagen : pumps , jetzt sind wir da , sondern ihm manierlich die Hand reichen . Im besonderen habe der Statthalter einen furchtbaren Haß gegen seinen eigenen Sohn , den Max , oder den Narrenstudenten , wie er im Kanton heiße ; sie sollten daher nie nach seinem Sohne fragen und , wenn von dem Max gesprochen werde , tun , als hörten sie nichts . Nämlich der Max sei leider fehlgeraten . » Der Max hat doch wenigstens niemals Schulden gemacht wie der Dolf « , bemerkte der Großvater bitter mit einem schmerzlichen Seufzer . Die Großmutter fuhr fort : Und mit der Gesima Weißenstein sollten sie fein säuberlich umgehen , denn die sei erschreckend vornehmer Leute Kind , und ihr Vater , der Landammann , würde vorkommenden Falls die mindeste Ungebührlichkeit grausam rächen . Mit säuberlich umgehen sei indessen nicht bloß gemeint , sie nicht zu hauen und auszuhöhnen , sondern höflich und zuvorkommend gegen sie zu sein und danke zu sagen . - » Gerold , wenn dich der Kater beißt , beklage dich nur nicht bei mir . « - Wenn in der Friedlismühle , wo sie vorbeikommen werden , jemand nach dem Onkel Dolf frage , so sollten sie antworten , es sei jetzt in Ordnung , und es komme in den nächsten Tagen ein ausführlicher Brief . Und im Althäusli , auf der letzten Wirtshausstation vor Bischofshardt , sollten sie nicht etwa einkehren ; denn im Althäusli wohne Lumpenware , mit welcher man nichts zu tun haben wolle . » Dieser Brief ist für die Frau Statthalter , der andere für eure Mama , der hier gehört in die Friedlismühle . Grüße an Papa und Mama und alle verstehen sich von selber , aber es kommt daneben hauptsächlich darauf an , daß man sie auch ausrichte . Und die Monika , die Magd bei Statthalters , solle so gut sein und auf den Sonntag für Kalbfleisch sorgen . Und der Doktor möchte doch von Schönthal heraufkommen , wegen der Urgroßmutter , womöglich heut noch , und Blutegel mitbringen , denn es gehe ihr nicht gut . Wenn sie Zeit hätten , sollten sie in Bischofshardt - « » Und so weiter und so weiter ! « schlossen die Buben , flüchteten durch die Tür und pflanzten sich entschlossen vor den Kaffeetisch . Ob sie nicht selber das Bedürfnis verspürten , von der Urgroßmutter Abschied zu nehmen und sie ein letztes Mal noch zu sehen , - mahnte eine Stimme aus dem Fenster , als sie reisefertig vor dem Hause ungeduldig auf und ab spazierten . Als sie in die Krankenstube der Urgroßmutter traten , erblickten sie etwas Merkwürdiges : den jungen Onkel Dolf , der schluchzend auf den Knien lag , während die Urgroßmutter mit keuchender Stimme auf ihn einredete : » Also heilig versprochen , Dolf , du machst keine Schulden mehr und lässest vom Marianneli und gehst nie mehr ins Althäusli ? Gib mir die Hand darauf . « Das tat der Onkel Dolf laut aufschluchzend . » Und heiratest die Therese von der Friedlismühle ? « » Ja « , flüsterte Dolf kaum hörbar . Da begann die Urgroßmutter zu beten , und der Großvater und die Großmutter umarmten den Dolf , der alsobald weinend aus der Stube stürzte . Jetzt kamen die Buben an die Reihe , von den Großeltern zum Krankenstuhl geschoben . » Liebe Kinder « , stöhnte die Urgroßmutter , dann , nach einer langen Atempause , daß man fürchtete , sie erstickte , stieß sie hervor : » grüßt mir eure Mutter . « Hierauf ließ sie sich in den Kissen aufrichten und reckte mit großer Anstrengung ihre Hände nach den Stirnen der Buben , unverständliche Worte lallend . Gerold begriff , erstaunte und erschrak andächtig . Das war ein Segen wie im Alten Testament , aber daß es heutzutage noch Segen gebe , hätte er nie gedacht ; er hatte gemeint , der Segen wäre seit tausend Jahren aus und vorbei wie die Wunder . Auch hatte er gemeint , ein Segen sei etwas Freudiges , Schönes , Glänzendes , mit einem goldenen Schimmer um den Kopf des Segnenden , und jetzt war die Urgroßmutter mit den aufgeschwollenen Gliedern , mit den blöden Augen , mit dem blutigen Waschbecken neben sich , so traurig und häßlich anzusehen , daß