verschränkten Händen , und ließen ihn nicht aus ihren Liebesblicken . Dann gab es noch immer eine Heiterkeit schließlich . In Frau Selle , die jetzt verwelkt aussah , nicht sehr fett , nur gelb und verzehrt , kam dann aus dem Sich-ratlos-wissen , das wie ein Aufkochen im Blick gefunkelt , das leichte , lässige Verachtungslachen , das fast in Demut vor den jungen Augen sich weghob . Mit den vier Töchtern war Frau Selle heimlich eins . Und der strenge Herr Selle ergab sich Schmeichelwort und Schmeichelblicken der vier dunklen Schönen , die in dem Bruder Einhart ein geliebtes Rätsel sahen , und Rosa , die dritte , das eigentliche Ereignis anstaunte . Nämlich das war es zumeist : Es war ein strenges Pflichtleben , das Herr Selle führte . Er hatte nur Reglementbücher und Reskripte vor seiner Seele , mußte immerfort nur an solche Dinge denken , die im Grunde für seine Seele nichts bedeuteten , nur für seine Pflicht . Die Inventarien der großen Posten , lange Berechnungen für all die Sendungen , deren Seelen in Kuverts verborgen steckten und ihn nichts angingen . Das erfüllte ihn . Er hatte sogar im Traume oft nur Zahlen in seiner Seele . Seine Seele war wie eine graue Kammer , in der nicht einmal die Dinge selber , nur Merkzeichen und Nummern von den Dingen noch hingen . So lebte er in der großen Mietwohnung mitten in der engen Straße der Residenzstadt ohne Störung und durchaus zufrieden . Da sah er unten die bekannten Menschen gehen , die ihn ehrten und grüßten , die ihn in seiner Würde kannten . Und es fehlte nicht das heimliche Gefühl , daß die Würde mit den Jahren noch zu höheren Titeln und Auszeichnungen anwuchs . Aber Frau Selle träumte und die Töchter träumten . Wenn die auf der Straße oder gar in den Frühlingsanlagen allein hingingen , sahen sie wie eine Schar huschender Vögel aus , im Begriffe und bereit , die welke , gelbe , in vornehm bürgerliche Hüllen maskierte , fremdartig-jähe Mama mit sich irgend wohin empor und fort zu reißen . Alles war dann stürmisch und laut , verträumt und rücksichtslos . Sie kümmerten sich um niemand . Ihre hastigen Stimmen klangen alle ein wenig heiser . Miteinander allein vor der Mutter war eine jede wie losgebunden . Eine jede hatte für sich etwas Versucherisches im Blick . Wenn Männer kamen , sahen sie nicht scheu . Aber diese Art war mehr nur Mut aus der Höhe , mehr wie ein herausfordernder Widerstreit , der manchen hart traf wie ein Schlag , daß er sie dann verfolgte und fast wie einen Trotz der Liebe empfand . Lose , ungehaltene , schöne , dunkelfarbige Zigeunerdirnen in fließenden Frühlingsroben wie helle Küchlein um die alte Glucke . Die aber freilich dann gesetzt sich reckten und wie vornehme , stolze Fräulein gingen , wenn der Herr Rat Selle es einmal in Würde selbst unternahm , Sonntags mit hinauszuwandern und neben Frau Selle stumm und steif emporgereckt in den Frühling zu ziehen . Die blühenden Kirschen entzückten auch ihn . Wenigstens bekamen seine Augen einen richtigen Krähenfuß , der die ganze Zeit starr an der Schläfe stand . Und er nahm auch eine Blüte , die die älteste Tochter Johanna ihm sanft und mit Grazie lachend ins Knopfloch gesteckt . Indes Katharina und Rosa und Emma um ihn draußen , wo sie Kuchen und Kaffeeflaschen am Waldsaume ausgepackt , sich wohlig träge dehnten . Während Herr Selle mitten auf einem Plaid aufrecht saß , umbaut von einem Gehege von Blütenästen , die die vier Dirnen im Übermut von Obst- und Weidenbäumen am Damme herabgerissen . Frau Selle war dann kindlich und weich , trieb sich achtlos allein auf der Wiese nach Blumen herum , kam mit Sträußen und streichelte jetzt auch einmal Herrn Selles straffe Wange , die sich mit halbem Blick Mühe gab , wie lachend auszusehen . Wer die Menschen dann von ferne sah , mochte an glückliche Menschen denken . Frau Selle , so in Freiheit und unter Blüten , träumte dann hin . Und die schwarzbraunen Töchter träumten und dehnten ihre jungen , schmiegsamen Leiber der Frühlingserde nahe , mit einer Seele voll unbestimmter , heimlicher Glut . Und Herr Selle saß strengaufgerichtet , ließ es sich schmecken und trank den Kaffee , in den sich fast wunderlich ein Beigeschmack mischte , den er monieren gewollt , ehe er heiter merkte , daß es der Blütenduft des Frühlings selber war . Freilich gab es gewöhnlich zum Schluß dann ein Ärgernis , weil Einhart zuerst zurückgeblieben in der Absicht , etwas von dem Gesehenen in sein Skizzenbuch abzuzeichnen , und weil es sich dann gewöhnlich herausstellte , daß er nicht mehr sich zur Familie herzugefunden . Herr Selle fand das unbegreiflich , machte Frau Selle für derartige Verträumtheiten durchaus verantwortlich , und man zog oft nicht ohne neuerwachten Groll in die zweite Etage des grauen Miethauses ein . Der Vater hatte nun wieder sein altes Mißtrauen . Er meinte in gedämpfter Empörung gar , Frau Selle unterstütze den Trieb . Er gab zu verstehen , daß der Junge mit Absicht den Weg verfehlt , wenn Einhart daheim sich damit zu entschuldigen suchte . Es gab eine richtige Dissonanz aus diesem Frühlingsgange , in die nur mühsam stimmend dann Johanna , Katharina und Emma ihre Blicke und Worte einmischten , Einhart stumm und dumm , die Mutter stumm und ihre Augen demütig und gleichgültig machten , bis Rosa mit leiser Zärtlichkeit zugleich des Herrn Selle Augen fing und seine Wange sanft strich . 2 In der Familie Selle ging offen alles nach dem Geheimrat . Der strenge Geist waltete immer , solange der alte , sehr gerade aufrechtgehende Herr im Hause war . Und nichts war zu spüren , daß von Blutswegen in des Geheimrats Hause im Grunde noch immer etwas von einem ganz fremden Geiste und Leben umging . Außenhin waren die Selles , wenn man sie auch da