alten Tsü habe er nächtlicherweile ein goldenes Teeservice zugesandt . Von da ab seien seinem Anliegen in der Kommission von den Chinesen nur noch pro forma ein paar kleine Schwierigkeiten gemacht worden . Bartolo ist nun auf dem Wege nach London , um eine Aktiengesellschaft zu gründen zur Ausbeutung seiner Rubinminen , von denen er sich Millionen verspricht . Er hatte sich für die Überfahrt mit einer Menge Konserven und Delikatessen versehen , von denen er all seinen Bekannten auf dem Schiffe bei jeder Mahlzeit reichliche Portionen zusandte . Da er eigentlich ein sehr gutmütiger Mensch ist , wollte er hierdurch schon jetzt alle gewissermassen an seinen Zukunftsschätzen teilnehmen lassen . Ich werde immer ganz traurig über die schönen Illusionen , wenn ich Menschen so reden höre von all den Reichtümern , die sie in China erwerben wollen , und mich dabei der unendlichen , herzbeklemmenden Armut erinnere , die ich dort , ärger als irgend sonst wo , gesehen habe . Wo sollen nur die Reichtümer herkommen ? Ich mag mich aber irren , denn ich kenne ja nur den trostlosen Norden Chinas , und vielleicht liegen wirklich Rubinen auf den Strassen in Kwangtung , wo ich so wenig wie Bartolo je gewesen bin . Ich muss meinen heutigen Brief schliessen , denn wir wollen hinaus in den Wald , aber ich werde Ihnen noch von hier weiter schreiben , da wir einige Tage hier bleiben wollen , um uns von der bisherigen für die weitere Reise zu erholen . Dieser erste Gruss soll Ihnen nur sagen , dass ich jenseits des grossen Wassers gut angelangt bin . Nun schlage ich in Gedanken eine grosse Brücke darüber , deren eines Ende hier ruht , während das andere in der Gegend von Pei-ta-ho die Erde berührt , und über diese Brücke eilen tausend herzliche Gedanken freundschaftlichen Erinnerns zu Ihnen . 2 Vancouver , August 1899 . Mein gestriger Brief , lieber Freund , handelte so sehr von Bartolo , dass ich fürchte , er wird den Eindruck bei Ihnen erwecken , als seien wir mit ihm die einzigen Passagiere auf dieser langen Fahrt gewesen . Drum sende ich gleich diesen zweiten Brief nach , der Ihnen von unserer übrigen Reisegesellschaft erzählen soll . Am interessantesten waren mir zwei Japaner , die sich ein Stückchen Heimat mitnahmen , in Gestalt einer zwei Quadratfuss grossen , erdgefüllten Kiste , in der mit Steinen und verkrüppelten Zwergbäumchen eine japanische Miniaturlandschaft dargestellt war . Sie hüteten dies Gärtchen mit rührender Sorgfalt . Beide litten offenbar sehr an Seekrankheit und ihre gelbliche Haut hatte allmählich seltsam grüne und violette Schattierungen angenommen , aber , mochten sie noch so elend sein , sobald ein Sonnenstrahl durch das dicke , schwere Gewölk drang , krochen sie aus der Kajüte und trugen ihr Kästchen auf das Deck in die Sonne , und sobald sich der Wind dann erhob und es kälter wurde , schwankten sie wieder hinunter , ihr Stückchen Japan in den Armen . Sie reisten nach Amerika zu Studienzwecken , und schon auf der Fahrt diente ihnen alles und jeder als Beobachtungsobjekt . Sie hatten offenbar ein grosses Gefühl der Verantwortlichkeit , besonders für die ihnen gegebene Zeit , eine Verantwortung , mit der es die meisten Menschen nicht so genau nehmen , und die doch vielleicht die ernsteste von allen ist . Jeder unserer beiden reisenden Japaner hätte vor Jahren einmal das kleine japanische Schulkind sein können , von dem erzählt wird , dass man es nach einem starken Erdbeben zwischen den Trümmern des Hauses fand , wie es auf einen herabgefallenen Ziegel die Zahlen des letzten ihm aufgegebenen Rechenexempels eifrig weiter schrieb . Auf unserem Schiff waren auch ein paar russische Reisende , sowie englische und belgische Ingenieure , die aus Peking zurückkamen . Sie hatten sich dort um Konzessionen für Eisenbahnen beworben , die möglicherweise erst in Jahrzehnten , vielleicht auch nie gebaut werden dürften . Ich erinnere mich sehr gut , wie Sie mir oftmals sagten , gerade dies Drängen um Eisenbahnen erbittere die Chinesen besonders . Und dabei waren die meisten dieser nur mit Drohungen errungenen Zugeständnisse für lange hinaus ganz zwecklos , und wurden nur verlangt , um etwaigen anderen Bewerbern zuvorzukommen . Man prahlte in Peking mit den erlangten Konzessionen , wie die Indianer mit erbeuteten Skalps . Nirgends habe ich so sehr die Empfindung unendlichen Raumes gehabt , wie gerade in China , und doch schien es nirgends so sehr wie in Peking , als ob die weite Welt für die Ansprüche der Menschen nicht ausreichte . Der Kampf wurde dort mit jener neidischen Eifersucht geführt , die ein Gebiet lieber wüst und leer sieht , als dass sie es fremden Händen überliesse . Der Schwächere wird , so reich und ausgedehnt die Welt auch ist , stets leer ausgehen , denn die Gier der Starken ist grösser als der grösste Raum . Auf dem Schiff hörte man endlose Debatten über die Zukunft Chinas , über » offene Tür « und » Interessensphären « , über Aufteilung und die Ansprüche der einzelnen Länder . Was aber in Pekinger Kreisen nur leicht angedeutet wurde , das sprachen diese Reisenden mit brutaler Offenheit aus . Man sah sich da plötzlich der bête humaine gegenüber , wie sie wirklich ist : stets erscheint ihr der eigene Anteil zu klein , der des anderen zu gross . Mit harmloser Naivität wurde da enthüllt , was jedes einzelnen Herzenswunsch war : für sich selbst abgeschlossene und möglichst grosse Interessensphären , bei dem Nachbar dagegen ein möglichst offenes Scheunentor . Mich stimmten diese Debatten oft unendlich traurig , denn sie eröffneten für die Zukunft weite hässliche Aussichten auf Kampf und Unterdrückung . Es waren ja nur einzelne Leute , die da redeten , zumeist einflusslose , unbedeutende Menschen , aber aus ihren Worten konnte man doch auf den allgemeinen Geist der Zeit schliessen , mit seiner Skrupellosigkeit , seiner Abhängigkeit vom Erfolg , seiner Grausamkeit gegen alles auf Erden , was sich nicht wehren