Unser - dein Freund Andres ! - Und sie - Helene - die Witwe Mungo , allein bei ihm ! « Das Blatt zitterte in ihren Händen , als sie weiterlas ; aber sie machte weiter keine Bemerkungen , bis sie fertig war , das Schreiben niederlegte , mit der Hand darüber strich , wie um es zu glätten . » Aber das ist ja ein entsetzlicher Brief ! In seiner Unverständlichkeit doch gar nicht so , wie ich sie mir nach deinen - euren Reden und Erzählungen vorgestellt habe , daß unsereine trotz ihres Erschreckens und Mitgefühls wieder mal nicht weiß , was sie dazu sagen soll . Velten Andres tot , und die amerikanische Talermillionärin jetzt als seine Totenwache , wie es scheint , in seiner leeren Dachstube . Was will sie denn jetzt da ? Ganz dumm und irre wird man hierbei ! Du lieber Gott , wie machen sich doch die Menschen aus puren Grillen das Leben schwer und das Sterben zu einem Komödienschluß ! Ja , was siehst du mich an ? Wenn es nicht so trauriger Ernst wäre , so möchte man wirklich sagen : aus seiner Rolle ist keiner von beiden gefallen . Und der gute Leon ist auch natürlich wieder da und steht dabei wie der brave Mensch im Hintergrund , der auf dem Theater immer dabei ist , wenn so eine Katastrophe eintritt , daß doch wenigstens einer als vernünftiger Teilnehmer den Kopf schüttelt . Aber freilich - du mußt und willst doch auch wohl als erster alter guter Freund und Bekannter von allen jetzt zu ihr nach Berlin ? « » Morgen - wenn es mir irgend möglich ist . « - » Weshalb sollte dir das nicht möglich sein ? In solchem Fall darf sich jeder Mensch seinen Urlaub selber geben . Ich für mein Teil werde morgen diesen unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht lesen . Jetzt ist er mir wie ein Stein auf den Kopf gefallen , und ich gehe zu den Kindern . Die Mädchen sind eben aus dem Theater nach Hause gekommen . Das ist in diesem Augenblick meine einzige Rettung nach dieser Lektüre . Der Himmel bewahre sie uns vor zu viel Einbildungskraft und erhalte ihnen einen klaren Kopf und ein ruhiges Herz . « » Ganz meine Meinung , liebe Anna « , seufzte ich , und dann ließ ich den Brief Helenens unter meinen Aktenhaufen , zog den Arm meines klugen , klaren und ruhigen Weibes unter den meinigen , und wir gingen zusammen zu den Kindern . - Das sind schon ziemlich erwachsene junge Leutchen mit wenn auch jungen , so doch eigenen Lebenserfahrungen und Interessen : von Velten Andres und Helene Trotzendorff wußten sie nichts oder doch nur wenig . Und das wenige konnte jetzt bloß ein romantisches Interesse für sie haben . Mit den Akten des Vogelsangs hatten sie persönlich nichts mehr zu schaffen . Ob sie später einmal persönlichen Nutzen aus ihnen ziehen werden , wer kann das wissen ? Daß mein Vater nur auf das zu dem Landesorden hinzugestiftete Verdienstkreuz Erster Klasse und den Titel Rat die Anwartschaft besaß , sagt alles über unsere gesellschaftliche Stellung im deutschen Volk um die Zeit herum , da ich jung wurde in der Welt . In welchem juristischen Sonderfach er ein Beamteter war , ist wohl gleichgültig , daß er aber ein sehr tüchtiger Beamter war , haben alle seine Vorgesetzten anerkannt und viel häufiger von seinem Verständnis in den Geschäften Gebrauch gemacht , als sie ihren Vorgesetzten gegenüber laut werden ließen . Es handelte sich in seinem Amt viel um Zahlen , und er hatte einen hervorragenden Zahlensinn , womit , beiläufig gesagt , meistens auch ein entsprechender Ordnungssinn verbunden ist . Beides gab ihm eine Stellung in unserer heimischen Bürokratie , die für unser häusliches Behagen nicht immer von dem besten Einfluß war ; denn die Vorstellung , nicht studiert und es dadurch zu etwas Besserm gebracht zu haben , verbitterte nur zu häufig nicht nur ihm , sondern auch uns , das heißt meiner Mutter und mir , das Leben . Ich habe übrigens in meiner heutigen oberregierungsrätlichen Stellung dergleichen wackere Herren gleichfalls gottlob unter mir und hole mir nicht selten für meinen Amtsberuf nicht nur Aufklärung , sondern auch Rat von ihnen . Das Bild meines seligen Vaters aber , mit dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Verdienstkreuz Erster Klasse auf der Brust , habe ich in Lebensgröße ( nach seinem Tode nach einer guten Photographie gefertigt ) über meinem Schreibtische hängen und hole mir auch von ihm heute noch Aufklärung und Rat , und nicht bloß in meinen Geschäften , sondern im Leben überhaupt . Meine Mutter war eine Frau , deren höchste Lebenswünsche und Ansprüche durch den Titel Rätin ganz und gar erfüllt wurden . Sie war eine gute Mutter und die beste der Gattinnen , wenn das letztere vom vollständigen Aufgehen in den Ansichten , Meinungen , Worten und Werken des Gatten abhängig ist . Sie fühlte sich wohl in der Zucht , in welcher er sie und sein Haus hielt , und ich glaube nicht , daß sie je einen andern Willen haben konnte als den seinigen . Geschwister habe ich nicht gehabt , wenigstens nicht solche , die so lange geatmet hätten , um von Einfluß auf mein Leben zu werden . Den Ersatz hierfür lieferte die Nachbarschaft , und zwar in ergiebigster Weise , und davon handelt denn auch , um es hier schon kurz zu sagen , die Akte , die ich jetzt anlege . Wem zum Besten , wer mag das sagen ? Jedenfalls mir zu eigenster Seelenerleichterung und aus tiefgefühltem Bedürfnis nach einem , nach etwas , das einen ruhig anhört , aussprechen läßt und nicht eher dazu redet , bis das Ganze vorliegt . Daß es nicht eine Personalakte in der wirklichsten Bedeutung dieses Wortes ist , nimmt in meinen Augen den Aufzeichnungen nichts von ihrem Wert . - Die Nachbarschaft ! Ein Wort , das leider Gottes