Nest « meinte das Ladenfräulein , » was soll man denn anders thun als lesen , besonders wenn man so allein steht wie Sie . Lesen Sie nur weiter , das ist kein Unrecht « . Da augenblicklich niemand in den Laden kam , setzten sich die Beiden auf das alte schwarze Ledersopha und plauderten . » Nirgends ists so gemütlich wie bei Ihnen « meinte das junge Mädchen und blickte in dem engen verräucherten Stübchen umher . » Das machen wohl nur die vielen Bücher auf den Wandregalen « sagte Fräulein Wewerka , » mir kommts schrecklich ungemütlich hier vor . Ich bin an die großen Räume in der Stadt gewöhnt , aber was will man machen . Hätte ich das Geschäft verkauft , so wäre ich sicher dabei zu kurz gekommen . So trägt es mir , wenn auch nicht hohen , aber sichern Gewinn , von dem ich später einmal in der Stadt leben kann « . » Also Sie gehen wieder dahin zurück ? « Johanne blickte sie neidvoll an . » Ja später , nach einigen Jahren ; sagen Sie es aber noch niemandem « . » Mein Gott , wie schön muß es dort sein « seufzte die Kleine . » Und die vielen berühmten Leute , die in so einer Stadt wohnen , der Kaiser und die Generale , und die Künstler alle « setzte Fräulein Wewerka hinzu . » Mein Bruder ist Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller ; alle die bekanntesten Dichter kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm . Auch große Schauspieler und deren Frauen . Das ist herrlich . Da weiß man doch , daß man lebt und auf der Höhe seiner Zeit steht . « » Ach ja , jawohl « die Augen des jungen Mädchens glänzten , » wenn ich doch auch einmal dahin könnte . Aber ich habe keinen einzigen Menschen da « . » O was das betrifft « meinte das alte Fräulein , » ist man erst dort , so macht man genug Bekanntschaften « . In diesem Augenblick ertönte mit dünnem Klang die Ladenklingel . Betty Wewerka erhob sich , um die eintretenden Kunden zu bedienen . Johanne schüttelte ihr die Hand und entfernte sich , das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche verbergend . So wenig inhaltreich das Gespräch war , für Johanne barg es dennoch eine Fülle Stoffes zum Nachdenken . Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen . Sie hatte noch keine große Stadt gesehen , und ihre Phantasie zauberte ihr Bulvers Pompeji vor . Marmor auf den Straßen , herrlich gekleidete Menschen , Häuser aus edlem Gestein , Gärten voll köstlicher Gewächse . Und in dieser prächtigen Umgebung schritten sie dahin , die Berühmten , klassisch schöne Gestalten , denen man es ansah , daß sie wunderbare Bücher schrieben und himmlische Musik machten . » Da weiß man , daß man auf der Höhe seiner Zeit steht « . Ach Gott , ja . Mit einem Seufzer kehrte sich Johanne zum dreißigsten Mal in dieser Nacht in ihrem Bettchen um und entschlief endlich . Am Morgen saß sie verträumt am Herde und bereitete das Frühstück . Drin in der Stube gröhlte die Großmutter , daß der Kaffee so lange auf sich warten lasse . Johanne machte ein Mäulchen . Heute zum ersten Mal fand sie , daß die Großmutter doch gar zu wenig auf sich hielt . Sah sie eigentlich - nicht aus wie eine Hexe in ihrem blauen altmodischen Tuchspenzer über dem schwarzen , kurzen Rock , der die in Filzschuhen steckenden Füße sehen ließ ? Und diese große , schwarze Bänderhaube , die sie wer weiß wie lange schon trug , und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht fast unheimlich hervorblickte . Auch krochen immer ein paar Büschel fahler Haare aus der Haube an den Schläfen hervor . Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen , die Großmutter , wenn ihr etwas gegen den Willen geschah , denn sie hatte noch recht lebendige Augen , graue , durchdringende , und es wäre schwer gewesen , sie anzulügen . Freilich , in dieser verblichenen , wenig schönen Hülle steckte ein wackeres , braves Herz , das viel gelitten und viel gekämpft hatte . Während Johanne sie mit weniger zärtlichen Blicken als sonst betrachtete , fiel ihr dies plötzlich ein , und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die Lippen . Dann ging sie , um Raupen von den Kohlköpfen zu suchen . - Trotzdem äußerlich alles war wie gestern , innerlich , tief in ihr , drängten sich fremde , neue Bilder . Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mädchen . Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus . Nachbar Hausners Hahn war abgestochen worden , weil er von Alter blind war und die Körner im Futtertrog nicht mehr sah . Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu angestrichen , und die Bäckerliese hatte endlich das ersehnte kleine Mädchen zu ihren fünf Buben gekriegt . Johanne bemühte sich , ein interessiertes Gesicht zu zeigen . Aber bei sich dachte sie : sonst giebts nichts ? Die jungen Mädchen fanden sie einsilbig , und sie fand die jungen Mädchen langweilig , und so trennten sie sich zum ersten Mal weniger herzlich als sonst . Als sie fort waren , und die Großmutter wie gewöhnlich in ihrem Sessel schlafend saß , während das Strickzeug müßig in ihrem Schooß lag , zog Johanne ihr Buch hervor . Es waren Gedichte , und der Mann der sie geschrieben hatte , hieß Hans Tage . Johanne las von blauen Lüften mit singenden Sternen , von heimlichen Wäldern mit Vögeln , die träumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten . Sie las von Menschen , die mit Kronen auf den Häuptern umherschritten und jeden sie Begegnenden » du « und » Bruder « nannten ; von großen Festtafeln , die sich von einem Ende der Stadt zum andern zogen und nie leer wurden , so daß es keinen