der Kavallerie gestanden . Das halb wohlwollende , halb martialische Gesicht des Rittmeisters sah auf eine flache Glasschale hernieder , drin im Sommer Aurikeln und ein Vergißmeinnichtkranz , im Winter Visitenkarten zu liegen pflegten . An der andern Wand aber , genau dem Rittmeister gegenüber , stand ein Schreibtisch mit einem kleinen erhöhten Mittelbau , drauf , um bei Besuchen eine Art Gastlichkeit üben zu können , eine halbe Flasche Kapwein mit Liqueurgläschen thronte , beides , Flasche wie Gläschen , auf einem goldgeränderten Teller , der beständig klapperte . Neben dieser » guten Stube « lag die einfensterige Wohnstube , daran sich nach hinten zu das sogenannte » Berliner Zimmer « anschloß , ein bloßer Durchgang , wenn auch im übrigen geräumig , an dessen Längswand drei Betten standen , nur drei , trotzdem es eine viergliedrige Familie war . Die vierte Lagerstätte , von mehr ambulantem Charakter , war ein mit Rohr überflochtenes Sofagestell , drauf sich , wochenweis wechselnd , eine der zwei jüngeren Schwestern einzurichten hatte . Hinter diesem » Berliner Saal « ( Nottebohm selbst hatte den Grundriß dazu entworfen ) lag die Küche mitsamt dem Hängeboden . Hier hauste das alte Dienstmädchen Friederike , eine treue Seele , die noch den gnädigen Herrn gekannt und als Vertraute der Frau Majorin alles Glück und Unglück des Hauses und zuletzt auch die Übersiedelung von Stargard nach Berlin mit durchgemacht hatte . So wohnten die Poggenpuhls und gaben der Welt den Beweis , daß man auch in ganz kleinen Verhältnissen , wenn man nur die rechte Gesinnung und dann freilich auch die nötige Geschicklichkeit mitbringe , zufrieden und beinahe standesgemäß leben könne , was selbst von Portier Nebelung , allerdings unter Kopfschütteln und mit einigem Widerstreben , zugegeben wurde . Sämtliche Poggenpuhls - die Mutter freilich weniger - besaßen die schöne Gabe , nie zu klagen , waren lebensklug und rechneten gut , ohne daß sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte . Darin waren sich die drei Schwestern gleich , trotzdem ihre sonstigen Charaktere sehr verschieden waren . Therese , schon dreißig , konnte ( was denn auch redlich geschah ) auf den ersten Blick für unpraktisch gelten und schien von allerhand kleinen Künsten eigentlich nur die eine , sich in einem Schaukelstuhle gefällig zu wiegen , gelernt zu haben ; in Wirklichkeit aber war sie geradeso lebensklug wie die beiden jüngeren Schwestern und bebaute nur ein sehr andres Feld . Es war ihr , das stand ihr fest , ihrer ganzen Natur nach die Aufgabe zugefallen , die Poggenpuhlsche Fahne hochzuhalten und sich mehr , als es durch die Schwestern geschah , in die Welt , in die die Poggenpuhls nun mal gehörten , einzureihen . In den Generals- und Ministerfamilien der Behren- und Wilhelmstraße war sie denn auch heimisch und erzielte hier allemal große Zustimmung und Erfolge , wenn sie beim Tee von ihren jüngeren Schwestern und deren Erlebnissen in der » seinwollenden Aristokratie « spöttisch lächelnd berichtete . Selbst der alte Kommandierende , der , im ganzen genommen , längst aufgehört hatte , sich durch irgend etwas Irdisches noch besonders imponieren zu lassen , kam dann in eine vergnüglich liebenswürdige Heiterkeit , und der der Generalsfamilie befreundete , schräg gegenüber wohnende Unterstaatssekretär , trotzdem er selber von allerneustem Adel war ( oder vielleicht auch eben deshalb ) , zeigte sich dann jedesmal hingerissen von der feinen Malice des armen , aber standesbewußten Fräuleins . Eine weitere Folge dieser gesellschaftlichen Triumphe war es , daß Therese , wenn es irgend etwas zu bitten gab , auch tatsächlich bitten durfte , wobei sie , wie bemerkt werden muß , nie für sich selbst oder aber , klug abwägend , immer nur um solche Dinge petitionierte , die man mühelos gewähren konnte , was dann dem Gewährenden eine ganz spezielle Befriedigung gewährte . So war Therese von Poggenpuhl . Sehr anders erwiesen sich die beiden jüngeren Schwestern , die , den Verhältnissen und der modernen Welt sich anbequemend , bei ihrem Tun sozusagen in Compagnie gingen . Sophie , die zweite , war die Hauptstütze der Familie , weil sie das besaß , was die Poggenpuhls bis dahin nicht ausgezeichnet hatte : Talente . Möglich , daß diese Talente bei günstigeren Lebensverhältnissen einigermaßen zweifelvoll angesehen und mehr oder weniger als » unstandesgemäß « empfunden worden wären , bei der bedrückten Lage jedoch , in der sich die Poggenpuhls befanden , waren diese natürlichen Gaben Tag für Tag ein Glück und Segen für die Familie . Selbst Therese gab dies in ihren ruhigeren Momenten zu . Sophie - auch äußerlich von den Schwestern verschieden , sie hatte ein freundliches Pudelgesicht mit Löckchen - konnte eigentlich alles ; sie war musikalisch , zeichnete , malte , dichtete zu Geburtstagen und Polterabenden und konnte einen Hasen spicken ; aber alles dies , soviel es war , hätte für die Familie doch nur die halbe Bedeutung gehabt , wenn nicht neben ihr her noch die jüngste Schwester gewesen wäre , Manon , das Nesthäkchen . Manon , jetzt siebzehn , war , im Gegensatze zu Sophie , ganz ohne Begabung , besaß aber dafür die Gabe , sich überall beliebt zu machen , vor allem in Bankierhäusern , unter denen sie die nichtchristlichen bevorzugte , so namentlich das hochangesehene Haus Bartenstein . Bei dem Kindersegen der Mehrzahl dieser Häuser war nie Mangel an angehenden Backfischen , die mit den Anfängen irgendeiner Kunst oder Wissenschaft bekannt gemacht werden sollten , und ein über die verschiedensten Disziplinen angestrengtes längeres oder kürzeres Gespräch endete regelmäßig mit der leicht hingeworfenen Bemerkung Manons : » Ich halte es für möglich , daß meine Schwester Sophie da aushelfen kann « , eine Bemerkung , die sie gern machen durfte , weil Sophie tatsächlich vor nichts erschrak , nicht einmal vor Physik und Spektralanalyse . So war die Rollenverteilung im Hause Poggenpuhl , aus der sich , wie schon angedeutet , allerlei finanzielle Vorteile herausstellten , Vorteile , die zuzeiten nicht unbeträchtlich über die kleine