noch immer hochaufgeschürzte Frau nach einem Stück Briefpapier zu suchen , anfangs ziemlich ruhig , als sich aber , nach dreimaligem Durchblättern der roten Löschpapierbogen , immer noch nichts gefunden hatte , brach ihre schlechte Laune wieder los und richtete sich , wie gewöhnlich , gegen Olga : » Hast es wieder weggenommen un Puppen ausgeschnitten . « » Nein , Mutter , wahr un wahrhaftig nich ; ich kann es dir zuschwören . « » Ach , geh mir mit dein ewiges Geschwöre . Haste denn gar nichts ? « » Ja , mein Schreibebuch . « Und Olga lief , so rasch es ging , in das Neben- und Hinterzimmer und kam dann mit einem blauen Schreibehefte zurück . Die Mutter riß ohne weiteres die letzte Seite heraus , auf deren oberster Zeile lauter » ch ' s « standen , und kritzelte nun mit verhältnismäßiger Schnelligkeit einen Brief fertig , faltete das Blatt zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Briefmarkenstreifen , von denen sie die gummireichsten immer mit dem Bemerken » Is besser als englisch Pflaster « aufzuheben pflegte . » So , Olgachen . Nun gehst du zu Wanda un gibst ihr das . Und wenn sie nich da is , gibst du ' s an den alten Schlichting . Aber nich an seine Frau un auch nich an die Flora , die kuckt immer rein un braucht nicht alles zu wissen . Und wenn du zurückkommst , dann gehste mit zu Bolzanin ran und bestellst ' ne Torte . « » Was für eine ? « fragte Olga , deren Gesicht sich plötzlich verklärte . » Appelsine ... Un bezahlst sie gleich . Un wenn du sie bezahlt hast , sagste , daß er nichts drauflegen soll , auch keine Appelsinenstücke , die doch bloß Pelle un Steine sind ... Und nun geh , Olgachen , un mach flink , und wenn du wieder da bist , kannst du dir drüben bei Marzahn auch für ' n Sechser Gerstenbonbons kaufen . « Zweites Kapitel Olga säumte nicht und ging in die Hinterstube , um hier ihr rot und schwarz kariertes Umschlagetuch zu holen , das , neben einem etwas verschlissenen Schnurrenhut , ihr gewöhnliches Straßenkostüm bildete . Witwe Pittelkow in Person aber stieg , nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm ausgestattete Himmelwiege gelegt und ihm eine Flasche mit Saugpfropfen in den Mund gesteckt hatte , zwei Treppen höher zu Polzins hinauf , wo ihre Schwester Stine Chambre garnie wohnte . Polzins waren gutsituierte Leute , die das mit dem Chambre garnie gar nicht nötig gehabt hätten , aber trotzdem , aus purem Geiz , alles vermieteten , oder doch soviel wie irgend möglich , um ihrerseits frei wohnen zu können oder , wie Frau Polzin sich ausdrückte , » für umsonst einzusitzen « . Er , Polzin , war , seiner eigenen Angabe nach , » Teppichfabrikant « ( allerdings niedrigster Observanz ) und beschränkte sich darauf , unter geflissentlicher Verachtung aller Komplementärfarbengesetze , schmale , kaum fingerbreite Tuchstreifen wie Stroh oder Binsen nebeneinanderzuflechten und dies Geflecht als » Polzinsche Teppiche « zu verkaufen . » Sehen Sie « , so schloß jedes seiner Geschäftsgespräche , » solch Polzinscher « ( er behandelte sich dabei ganz als historische Person ) » wird nie alle ; wenn eine Stelle weggetreten is oder der Eßtisch mit seinem Rollfuß ein Loch eingerissen hat , nehm ich ein paar alte Streifen raus un setz ein paar neue rein , un alles is wieder propper un fix un fertig . Sehen Sie , so sind die Polzinschen . Aber wenn der Smyrnaer ein Loch hat , dann hat er ' s , und da hilft kein Gott nich . « Polzin , wie sich aus diesem Redestück ergibt , neigte zu philosophischer Betrachtung ; ein Zug , der durch das zweite Metier , das er betrieb , noch eine ganz erhebliche Stärkung erfuhr . Während der Abendstunden nämlich war er bei sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener und wegen seiner Vorsicht und Geschicklichkeit beim Präsentieren in dem zwischen Invaliden- und Chausseestraße gelegenen Stadtteil allgemein beliebt , was Frau Polzin in ihren Gesprächen mit der Pittelkow immer wieder betonte : » Sehn Sie , liebe Pittelkow , mein Mann is ein ordentlicher und manierlicher Mensch , der , weil wir selber ganz klein angefangen haben , am besten weiß , daß es nich jeder zum Wegschmeißen hat . Un sehn Sie , danach präsentiert er auch , und Saucieren , die nich feststehn und immer hin und her rutschen , die nimmt er gar nich . Und wenn Polzin schon eine einzige Plüschtaille verdorben hat , so will ich sterben . Und ebenso galant und manierlich is er auch bei ' s Mitnehmen . Er is mein Mann , aber das muß ich sagen , er hat was Feines un Bescheidenes un überhaupt so was , was die andern nich haben . Ja , das muß ich ihm lassen . Und da reichen nich hundert Mal , daß er mir gesagt hat : Emile , heut hab ich mir mal wieder über meine Kollegen geschämt . Natürlich war es wieder der mit ' n Plattfuß aus der Charitéstraße . Glaubst du , daß er sich auch bloß geniert und ein ganz klein bißchen für Schein und Anstand gesorgt hätte ? I , Gott bewahre . Ganz dreiste weg , als ob er sagen wollte : ja , meine Herrschaften , da steht der Rotwein , un nu nehm ich ihn mit nach Hause . « So waren die Polzins , an deren Flurtür , trotz einer daneben befindlichen Klingel , die Pittelkow jetzt klopfte , zum Zeichen ( so hatte man abgemacht ) , daß es bloß » Freundschaft « sei , was zu Besuch käme . Und gleich danach erschien denn auch Frau Polzin und öffnete . Die nur drei Stuben zählende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs eines Korridors , der aber