der Alte weiter , erst auf das Portal und dann , etwas rechts abbiegend , auf das hinter einer Reihe verschnittener Linden gelegene Pfarrhaus zu . Zweites Kapitel Lehnert - nach dieser flüchtigen Begegnung - setzte sich wieder . Sonst , wenn der Gottesdienst aus war , ging er mit seiner Mutter in den nahen Kretscham hinüber , um erst eine Stonsdorfer und hinterher einen » Grünen « oder auch wohl einen Ingwer zu trinken . Heut aber war ihm nicht danach zumute . » Laß uns sehen , Mutter , wie das Grab aussieht ! « Er meinte das seines Vaters , und während er so sprach , der alten Frau Arm nehmend , ging er mit ihr den langen Hauptgang hinauf , bis sie vor einem gut gepflegten Grabe standen , an dem nur die halb verwaschene Inschrift erkennen ließ , daß der Tote schon seit lange hier liegen müsse . Die Jahreszahl bestätigte das auch : » Hier ruhet in Gott Anton Menz , Stellmacher und Schreiner zu Wolfshau bei Krummhübel , geb . 13. März 1821 , gest . 17. August 1859 . Selig sind , die da Leid tragen , denn sie sollen getröstet werden . « Lehnert , als er die Worte las , faltete die Hände , als er aber sah , daß die Alte nach ihrem Sacktuch suchte , riß er die Hände gleich wieder auseinander und sah ärgerlich weg , weil er wußte , daß alles bloß Schein und Komödie war und die Alte nur weinte , weil sie weinen wollte . Sie steckte denn auch das Tuch wieder ein und bückte sich , um eine große gelbe Studentenblume zu pflücken . » Das war seine Lieblingsblume « , sagte sie . » Weißt du das gewiß , Mutter ? Ich habe noch keinen Menschen gekannt ... « In diesem Augenblicke schlug die Turmuhr ein Viertel , und Lehnert unterbrach sich mitten im Satz . » Es ist Zeit « , fuhr er fort , » ich kann den Alten nicht warten lassen und muß nun hin und mir meine Litanei holen . Als ob ich in der Kirche nicht schon genug gehabt hätte . Willst du hier auf dem Kirchhof warten , oder gehst du lieber gleich nach Hause ? Eine Weile wird es in der Pastorstube doch wohl dauern , Siebenhaar ist nicht immer der Kürzeste . Oder willst du lieber nach dem Kretscham hinüber und dir bei Pohl einen Ingwer geben lassen ? « Die Alte verschwor sich gegen den Kretscham und den Ingwer ; ihr sei heute so andächtig wie lange nicht , und so wollte sie denn lieber gleich nach Hause . Da sei sie doch am liebsten und am nötigsten . Opitzens Christine hab ihr freilich versprochen , in der Küche nach dem Rechten zu sehen , aber vielleicht habe die gute Seele selber alle Hände voll zu tun . Und so verließen sie denn gemeinschaftlich den Kirchhof . Als sie draußen am Portal waren , mußte die Alte , wenn sie nach Krummhübel und Wolfshau zurück wollte , scharf nach links hin abbiegen , sie ließ sich ' s aber nicht nehmen , ihren Sohn erst noch bis zur Pfarre , die nach der entgegengesetzten Seite hin lag , zu begleiten , wo sie , vor dem Pfarrhaus angekommen , vorsichtig wartete , bis er eingetreten und im Flur verschwunden war . Dann aber steuerte sie sofort mit einem geschickten kleinen Umwege nach dem Kretscham hinüber , um sich hier den Ingwer geben zu lassen , den sie , » weil ihr noch so andächtig sei « , vor wenig Minuten erst abgelehnt hatte . Lehnert stand inzwischen auf dem kühlen Fliesenflur und wartete , denn niemand erschien , trotzdem die Klingel zweimal angeschlagen hatte . Die Hoftür , hinter der ein alter Nußbaum stand , stand weit auf , und das Summen einer Wespe , die sich vom Hof her in den Flur verirrt hatte , war das einzige , was die Stille unterbrach . Endlich kam die Magd und sagte , sie wisse schon , er möge nur eintreten . Das tat er denn auch . Es war des Alten Studierstube , die Lehnert von seinen Kindertagen her kannte . Das Christusbild , mit Friedrich Wilhelm III. und dem Kronprinzen zur Linken und Rechten , hing noch geradeso schief wie vor vierzehn Jahren , als er hier , wöchentlich zweimal , auf einer wackligen Konfirmandenbank gesessen hatte . Alles genau wie damals und nur die Dielen noch etwas ausgehöhlter . Lehnert hatte so seine Betrachtungen , kam aber nicht weit damit , denn in der nächsten Minute schon trat der Alte , der mittlerweile seinen Talar abgelegt und einen Imbiß genommen hatte , von der Nebenstube herein und ließ sich in einen vor seinem Schreibtisch stehenden Polstersessel nieder . » Ja , Lehnert « , hob er an , » es ist das alte Lied . Deine Mutter hat sich wieder über dich beklagt . « » Ach , Herr Prediger ... « » ... Und daß du wieder deine Tobsucht hast und nichts wie bittere Worte sagst und ihm , ich meine natürlich deinen Nachbar Opitz , den Tod an den Hals wünschst und fluchst und dich verschwörst , daß er dran glauben solle . Lauter gotteslästerliches dummes Zeug , für das du viel zu klug und , ich muß dir das nachsagen , auch eigentlich viel zu gut bist . Ich begreife dich nicht . Du hast doch einen guten Verstand und hast die gute Schule gehabt , und wenn ich auch weiß , daß man nicht immer nach dem Worte Gottes lebt , so kennst du ' s doch und darfst nicht so sprechen , als ob du ' s nicht kenntest und als ob es gar nicht da wäre . Du weißt recht gut , daß es da ist , und weißt auch recht gut , daß Gottes Wort heilig ist und daß es das klügste und beste