geht klar und einhellig aus allen Lehr- und Lesebüchern » für den Schulgebrauch « hervor , wo nebst der eigentlichen Geschichte , die nur als eine lange Kette von Kriegsereignissen dargestellt wird , auch die verschiedenen Erzählungen und Gedichte immer nur von heldenmütigen Waffenthaten zu berichten wissen . Das gehört so zum patriotischen Erziehungssystem . Da aus jedem Schüler ein Vaterlandsverteidiger herangebildet werden soll , so muß doch schon des Kindes Begeisterung für diese seine erste Bürgerpflicht geweckt werden ; man muß seinen Geist abhärten gegen den natürlichen Abscheu , den die Schrecken des Krieges hervorrufen könnten , indem man von den furchtbarsten Blutbädern und Metzeleien , wie von etwas ganz Gewöhnlichem , Notwendigem , so unbefangen als möglich erzählt , dabei nur allen Nachdruck auf die ideale Seite dieses alten Völkerbrauches legend - und auf diese Art gelingt es , ein kampfmutiges und kriegslustiges Geschlecht zu bilden . Die Mädchen - welche zwar nicht ins Feld ziehen sollen - werden aus denselben Büchern unterrichtet , die auf die Soldatenzüchtung der Knaben angelegt sind , und so entsteht bei der weiblichen Jugend dieselbe Auffassung , die sich in Neid , nicht mitthun zu dürfen , und in Bewunderung für den Militärstand auflöst . Was uns zarten Jungfräulein , die wir doch in allem Übrigen zu Sanftmut und Milde ermahnt werden , für Schauderbilder aus allen Schlachten der Erde , von den biblischen und macedonischen und punischen bis zu den dreißigjährigen und napoleonischen Kriegen vorgeführt werden , wie wir da die Städte brennen und die Einwohner » über die Klinge springen « und die Besiegten schinden sehen - das ist ein wahres Vergnügen .... Natürlich wird durch diese Aufhäufung und Wiederholung der Greuel das Verständnis , daß es Greuel sind , abgestumpft ; alles , was in die Rubrik Krieg gehört , wird nicht mehr vom Standpunkte der Menschlichkeit betrachtet - und erhält eine ganz besondere , mystisch-historisch-politische Weihe . Es muß sein - es ist die Quelle der höchsten Würden und Ehren - das sehen die Mädchen ganz gut ein : haben sie doch die kriegsverherrlichenden Gedichte und Tiraden auch auswendig lernen müssen . Und so entstehen die spartanischen Mütter und die » Fahnenmütter « und die zahlreichen , dem Offizierkorps gespendeten Cotillonorden während der » Damenwahl « . Ich bin nicht , wie so viele meiner Standesgenossinnen , im Kloster , sondern unter der Leitung von Gouvernanten und Lehrern im Vaterhause erzogen worden . Meine Mutter verlor ich früh . Mutterstelle an uns Kindern - ich hatte noch drei jüngere Geschwister - vertrat unsere Tante , eine alte Stiftsdame . Wir verbrachten die Wintermonate in Wien , den Sommer auf einem Familiengute in Niederösterreich . Meinen Erzieherinnen und Lehrern habe ich viel Freude gemacht , dessen erinnere ich mich - denn ich war eine fleißige mit gutem Gedächtnis begabte , und namentlich ehrgeizige Schülerin . Da ich meinen Ehrgeiz , wie schon bemerkt , nicht damit befriedigen konnte , als Heldenjungfrau Schlachten zu gewinnen , so begnügte ich mich damit , in den Lektionen gute Zensuren davonzutragen und durch meinen Lerneifer der Umgebung Bewunderung abzuzwingen . In der französischen und englischen Sprache brachte ich es nahezu zur Vollkommenheit ; von Erd- und Himmelskunde , von Naturgeschichte und Physik machte ich mir so viel zu eigen , als mir in dem Programm einer Mädchenerziehung überhaupt zugänglich war ; aber von dem Gegenstand » Geschichte « lernte ich noch mehr als von mir gefordert wurde . Aus der Bibliothek meines Vaters holte ich mir dickbändige Historienwerke hervor , in welchen ich in meinen Mußestunden studierte . Ich glaubte mich jedesmal um ein Stück gescheiter geworden , wenn ich ein Ereignis , einen Namen , ein Datum aus vergangenen Zeiten meinem Gedächtnis neu einverleibt hatte . Gegen Klavierspielerei - welche doch auch im Erziehungsplan aufgezeichnet stand - habe ich mich standhaft zur Wehr gesetzt . Ich besaß weder Talent noch Lust zur Musik und fühlte , daß mir darin keine Ehrgeizbefriedigung winkte . Ich bat so lange und inständig , mir die kostbare Zeit , die ich an meine anderen Studien wenden wollte , nicht für das aussichtslose Geklimper zu kürzen , daß mich mein guter Vater von der musikalischen Frohnarbeit freisprach . Zum großen Leidwesen der Tante , welche meinte , ohne Klavierspiel gäbe es keine eigentliche Bildung mehr . Am 10. März 1857 feierte ich meinen siebzehnten Geburtstag . » Schon siebzehn « lautet unter jenem Datum die Eintragung ins Tagebuch . Dieses » schon « ist ein Poem . Es steht kein Kommentar daneben , aber vermutlich wollte ich damit sagen : » und noch nichts für die Unsterblichkeit gethan « . Diese roten Hefte leisten mir heute , da ich meine Lebenserinnerungen aufzeichnen will , gar gute Dienste . Sie ermöglichen mir , die vergangenen Ereignisse , welche nur als verschwommene Umrißbilder im Gedächtnis haften geblieben , bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern , und ganze , längst vergessene Gedankenfolgen oder längst verklungene Gespräche wörtlich wiederzugeben . Im nächstfolgenden Fasching sollte ich in die Gesellschaft eingeführt werden . Diese Aussicht entzückte mich aber nicht so außerordentlich , wie dies gewöhnlich bei jungen Mädchen der Fall ist . Mein Sinn strebte nach Höherem , als nach Ballsaaltriumphen . Wonach ich strebte ? Diese Frage hätte ich mir wohl selber nicht beantworten können . Vermutlich nach Liebe ... doch das wußte ich nicht . All diese glühenden Sehnsuchts- und Ehrgeizträume , welche im Jünglings- und Jungfrauenalter die Menschenherzen schwellen , und welche unter allerlei Formen - Wissensdurst , Reiselust , Thatendrang - sich verwirklichen wollen , sind doch zumeist nur die unbewußten Bestrebungen des erwachenden verliebten Triebes . In diesem Sommer wurde meiner Tante ein Kurgebrauch in Marienbad verordnet . Sie fand es für gut , mich mitzunehmen . Obgleich meine offizielle Einführung in die sogenannte Welt erst in der kommenden Winterszeit stattfinden sollte , so wurde mir doch gestattet , einige kleine Kurhausbälle mitzumachen ; - gleichsam als Vorübung im Tanzen und Konversieren , damit ich in meiner