, sieht es nicht , wenn es einen verdrießt - darüber nachdenken ist krankhaft . « Maria schwieg . Sie ließ sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein , weil sie regelmäßig den kürzeren zog . Die Tante war klug und schlagfertig ; ihr Bruder , Graf Wolfsberg , nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele Jahre älteren Schwester seine Vertraute , Ratgeberin und Freundin . Sie hingegen liebte auf Erden nichts als ihn . Kränklich von Jugend auf und sehr unabhängigen Sinnes , hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich verspürt und die zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persönlichkeit und um ihr glänzendes Vermögen einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen . Gräfin Adolphine oder Dolph , wie sie in der Familie genannt wurde , lebte seit langem auf ihrem Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und ihres Vermögens , das sie , bedeutend vermehrt , ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte . Als dieser Witwer wurde , brachte sie ihm , seiner Bitte nachgebend , ein großes Opfer . Sie verzichtete auf ihre Selbständigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des seinen . Da die Zeit kam , Maria in die Welt zu führen , tat sie noch mehr : sie entsagte der ihr notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche Nacht auf dem Balle , den schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so unvorteilhaft aussehend im großen Staat , daß nicht einmal ihre Kammerfrau es wagte , sie zu bewundern . Dabei langweilte sie sich grausam , langweilte sich sogar , wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz vortrefflich unterhielt . » Glücklicher Bertrand de Born « , sagte sie , » dem doch die Hälfte seines Geistes nötig war . Ich wäre froh , wenn ich nur für ein Zehntel des meinen Abnehmer fände ! « Zu Hause angelangt , zog sich die Gräfin in ihre Gemächer zurück , während Maria in den Salon ihrer Wohnung trat . Jeden Abend erwartete sie hier einen verehrten Gast - ihren Vater . Es geschah fast nie umsonst . So wenig Zeit das hohe Staatsamt , das er bekleidete , und die Genußsucht , der nachzugeben er selbstverständlich fand , ihm übrigließen : die Stunde , mit der Maria ihren Tag beschloß , wußte er für sie freizuhalten . Sie ließ sich jetzt den Theatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und begann sogleich den Tee zu bereiten , zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen neben dem Etablissement getroffen waren . Maria widmete ihrer Beschäftigung die größte Sorgfalt . Mit dem Vorsetzen einer Tasse Tees hatte sie alle kindlichen Pflichten , die ihr Vater ihr auferlegte , erfüllt . Es wäre ihr heißer Wunsch gewesen , etwas für ihn tun , ihm etwas sein zu können ; aber sie fühlte wohl , daß die Ahnung eines solchen Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht hätte . Er wollte sie heiter und glücklich sehen , und wenn sie seine Fragen : » Hast du dich unterhalten ? - Freut dich dies ? - Freut dich jenes ? « mit Ja beantwortet hatte , dann wich der strenge Ernst , der gewöhnlich auf seinem Antlitz lag . Dank seiner Großmut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines Museum verwandeln können ; fiel es ihr aber ein , bei der Betrachtung eines Bildes , einer Bronze etwas von ihren neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen , dann wurde seine Miene so spöttisch , daß Maria verwirrt schwieg und sich beschämend albern vorkam . Und der kostbare Blüthner , mit dem er sie jüngst überrascht und der dort in der Ecke stand , eingehüllt in weiche , indische Gewebe , noch hatte sie seinem Spender nichts anderes darauf vorspielen dürfen als Operettenarien und Tanzmusik . Sie war nicht leicht abzuschrecken gewesen , hatte immer einen Übergang gefunden aus dem Trivialen ins Schöne , aus dem Zerstreuenden ins Erhebende - aber nach den ersten Takten schon wurde das gefürchtete » Gute Nacht , Maria « gesprochen , und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden . In solchen Fällen pflegte sie sich nicht zu unterbrechen ; es hätte ihn , der sich in seinem Hause gegen Rücksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rücksichtslosigkeit , sehr verdrossen . Nun blieb Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von Arietten und Walzern . Die Musik , die ihrem Geschmack entsprach , übte sie aus vor dem Bilde ihrer Mutter , das lebensgroß an der Wand über dem Piano hing . Du hättest deine Freude an mir gehabt , sprach sie in Gedanken zu ihr . Du hättest gewußt , daß ich nur zu wollen brauche , um eine Künstlerin zu werden . Aber ich werde nicht wollen , ich darf nicht . Unsereins darf so etwas nicht . Hättest du das auch gefunden , Mutter ? Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht , dem das ihre so ähnlich sah . Es war dasselbe reine Oval , dieselbe von kleinen Locken der reichen , aschblonden Haare beschatteten Stirn . Sie bildete zwei kaum sichtbare Hügel über den feinen Brauen , den etwas tiefliegenden blaugrauen Augen . Es war derselbe Schnitt der schlanken Nase , der leicht geschwellten Lippen und dieselbe wahrhaft königliche Gestalt . Aber ein anderer Geist offenbarte sich in jedem der beiden schönen Wesen . Marias ganze Erscheinung bekundete Entschlossenheit , Seelenstärke , Klarheit . Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von eigentümlicher Schwermut und hilfloser Schüchternheit . Das Bild , aus dem sie unvergänglich jung und lieblich herabsah , war in ihrem achtzehnten Jahre , dem ersten Jahre ihrer Ehe , gemalt worden . Es stellte sie dar in einem weißen Spitzenkleide , mit bloßem Halse , mit nachlässig herabhängenden Armen , eine weiße , kaum aufgeblühte Rose in der Hand . Den Kopf leicht vorgeneigt , schien sie traumverloren zu lauschen . Maria besann sich noch , sie so gesehen zu haben im Konzert , in