spontanen Bedürfnisse nachgab und dasselbe in einen bewußten Willensakt umsetzte , nur von einer zufälligen Stimmung , einer ersten besten Laune leiten ? Wollte er sich zerstreuen , auf andere Gedanken kommen , sich den stechenden Schmerz in den Schläfen vergessen machen ? Oder reizte ihn irgend Etwas an diesem Weibe , das er schon öfter im Café Caesar gesehen ... dessen aufgereckte Gestalt mit ihrer reservirten Halbfülle seinem Auge wohlgethan ? War ihm dieses bleiche Gesicht mit der sonderbaren Kreuzung im Ausdruck , wenn seine ursprüngliche Herbheit und abweisende Strenge sich mit der momentanen Verlegenheit , Scheu und Unsicherheit paarten - war es ihm » anziehend « ? Adam war noch nicht zu einem transparenten Ergebnisse gelangt , als er sich schon über den Fahrdamm schreiten und die Richtung nach jener einmündenden Straße nehmen sah , um deren Ecke Fräulein Irmer soeben verschwunden war . Einige Minuten später hatte der grübelnde Herr Doctor die Dame dicht vor sich . Fräulein Irmer ging langsam , einförmig , beinahe schwerfällig . Sie wandte sich nicht nach rechts noch nach links , gerade aufgerichtet trug sie den Kopf und mußte , wie Adam aus ihrer Haltung schloß , stets in der Richtung ihres Weges vor sich hinstarren - und doch über all ' die Menschen , die vor ihr hergingen oder ihr begegneten , hinwegsehen , unberührt von den lärmenden , zuckenden Schatten , mit denen das unstäte Leben sie umgab . Adam Mensch imponirte diese Theilnahmlosigkeit immerhin ein Wenig . Und sie imponirte ihm vor allem darum , weil seine eigene , sehr nervöse und unruhige Natur sich von Jedwedem in Anspruch nehmen ließ , was auf sie eindrängte , auf Alles eingehen mußte , was um sie herum athmete , lebte und sprach . Nun fiel es ihm gerade ein , sich der Dame einmal bemerklich zu machen . Er ging hart an ihr vorüber , sah sie scharf von der Seite an und schritt ihr dann voraus . Jetzt blieb er vor dem Schaufenster eines großen Delicatessengeschäftes stehen und wandte sich auffällig um , als er annehmen konnte , daß Fräulein Irmer in seiner Nähe war . Er fixirte sie scharf und suchte ihr Auge festzuhalten . Die Dame streifte ihn mit einem kurzen Blicke und sah dann über ihn hinweg . Das ärgerte den Herrn Doctor ein Wenig . Er hielt sich jetzt in ihrer intimen Nähe und folgte ihr dicht auf den Sohlen . Fräulein Irmer wurde augenscheinlich unruhig . Der Kopf senkte sich und drehte sich in kurzen , harten Bewegungen , bald nach links , bald nach rechts . Sie hatte begonnen , von ihrem Begleiter Notiz zu nehmen . Die Dämmerung wuchs . Die Schatten der auseinanderquellenden Nacht fielen dichter und dunkler . Jetzt flammten die ersten Laternen auf . Eine Buchhandlung lag am Wege . Fräulein Irmer trat in den Laden , Adam Mensch folgte ihr nach einigen Secunden . Er hörte , wie sich die Dame mit etwas belegt-ansgefranster Stimme Eugen Dühring ' s » Werth des Lebens « ausbat . Ihr Gesicht trug wieder denselben Doppelausdruck , den es im Café Caesar anzunehmen pflegte . Adam bestellte flugs ein Exemplar desselben Werkes . Das mußte doch auffallen . Und es schien auch Fräulein Irmer aufzufallen . Sie wandte sich zu ihrem Nachbar um , schlug die braunen ernsten Augen groß auf ... und fragte mit ihnen eine stumme , tiefe Frage , auf die Adam nur eine gleiche , stumme Antwort wußte , die für ihn plötzlich nicht minder tiefen Inhalts war . Das Werk fand sich natürlich nicht auf Lager . Der Gehilfe erbat sich die Adressen und versprach die Exemplare in spätestens acht Tagen besorgt zu haben . » Hedwig Irmer - oder senden sie das Buch bitte direct an meinen Vater : Dr. Leonhard Irmer , Herderstraße 7 III ... « » Danke verbindlichst , mein gnädiges Fräulein - soll geschehen ! Und Sie , mein Herr - ? « » Dr. Adam Mensch , Gartenstraße 14 II ... « Der Herr Doctor erhielt jetzt zwei verwunderte Blicke . Dem Gehilfen schien ein Mensch , der Adam Mensch heißen könnte , bisher unmöglich gewesen zu sein . Auch Fräulein Irmer war betroffen . Adam gab ihren Blick mit einem diskret-ironischen Lächeln zurück . Die Dame wurde vorwiegend verlegen . Nun wandten sich die beiden zum Gehen . Adam öffnete die Thür und ließ das gnädige Fräulein zuerst hinaustreten . Dann folgte er schnell . Er konstatirte , daß seine Nervenschmerzen nachgelassen hatten . » Man muß nur einmal in einer fremden Atmosphäre herumvagabundiren und dem ehrenwerten Corpus ein wenig Abwechslung gönnen : dann machts sich schon - « monologisirte er still vor sich hin . Instinctiv hatte er Fräulein Irmers Spur , wieder aufgenommen . Aber er war doch zweifelhaft . Sollte er noch weiter hinter der Dame hertrollen , wie ein zitternder Gymnasiast hinter seiner in sich hineinkichernden Poussade , hinter seiner » Flamme « - oder sollte er ihr seine » Begleitung anbieten « - oder sollte er wieder umkehren und ruhig nach Hause stapfen - ? Was hatte dieses närrische Nachlaufen für Sinn ! Uebrigens - die Adresse wußte er ja , wenn er also - - » Herderstraße 7 III. « - - ja ! ja ! - ach was ! - » wenn er « - Unsinn ! - Aber Adam ging noch immer dicht hinter der Dame . Man war allmählich in einen stilleren Stadttheil gekommen . Plötzlich fand sich Adam an der Seite Fräulein Irmers vor ! Er stutzte einen Moment , verstand sich nicht und ... fragte schließlich , indem er etwas linkisch und rathlos den Hut zog : » Erlauben Sie , mein gnädiges Fräulein , daß ich Sie - « Keine Antwort . » Verzeihen Sie , mein Fräulein - aber Sie werden unschwer - - « » Ich verstehe Sie nicht , mein Herr ! Was wollen Sie ? - Verlassen Sie mich ! - « »