hatte und welches fürs erste allen Trost und jede Hülfe der Welt , die ihnen eben versprochen worden waren , in sich faßte . Aus der nächsten Nachbarschaft , aus dem Hause selbst ließ sich niemand blicken , obgleich der Arzt beim Herabsteigen der Treppen jedem ihm in den Weg geratenden erwachsenen Mitbewohner mitgeteilt hatte , daß » die Frau da oben soeben gestorben und daß nach den Kindern sofort zu sehen sei « . » O du mein Je « , sagten die Frauen , während die Männer sich , meistens stumm verhielten , nur durch eine Schulterbewegung antworteten und erst , nachdem der junge Herr aus Hörweite war , ihre Ansicht äußerten : » Daß sich keines eher da hereinmischt , als bis die Polizei dagewesen ist und die Sache auf ihr Risiko genommen hat . So ein Doktor wäscht sich bloß die Hände , geht hin , wenn er sein Wort gesprochen hat , und kümmert sich um uns erst wieder , wenn er sagen kann : Habe ich ' s nicht gesagt , daß das Ding mit dem , einen Fall noch nicht aus und zu Ende war ? « Und alle Ärzte und Sanitätsräte der Welt hätten kommen können und hätten es der Nachbarschaft doch nicht eingeredet , daß die Frau da oben nicht an der giftigsten Krankheit gestorben sei und jedes Nahegehen nicht sofortige Ansteckung durch die Seuche und gleichfalls den bittersten Tod verbürge . Und sie hatten wirklich schon genug mit sich selber zu schaffen . Die Nachbarn nämlich , sowohl die im Hause als auch die in den Häusern zu beiden Seiten und gegenüber . Und sie hielten merkwürdigerweise auf ihr Leben wie die wohlgestelltesten Mitbürger und Mitbürgerinnen in den anständigsten Stadtteilen . Und da sie hier herum allesamt von ihrer Hände Arbeit von einem Tag zum andern lebten , so hatten sie nicht unrecht , wenn sie ihre Gesundheit soviel als möglich zu Rate hielten , vorzüglich die , welche nicht bloß für sich selbst sorgen mußten : es war mit die kinderreichste Gegend der Stadt - selbstverständlich ! Natürlich auch die elternreichste ! Und - in dieser kinder- und elternreichen Gegend diese beiden Kinder ihrer Aufgabe gegenüber allein ! ... Ihrer Aufgabe ? Jawohl , der Aufgabe , die Mutter zu begraben . In dem Folgenden ist zu lesen , wie sie auf sich selber angewiesen waren und wie sie sich zu helfen suchten . - » Das hat eben der Doktor an den Herrn geschrieben , wo ich das Geld jeden Monat holte , Paule « , sagte der Knabe . » Vorhin haben sie mir auf der Treppe gesagt , sie wollten uns einen Topf Kaffee und Brot vor die Türe setzen . Weiter können sie sich nicht trauen ; sie haben alle Angst . Hast du Angst , Paulchen , wenn ich jetzt noch einmal für einen Augenblick weglaufe ? « » Mama ! Meine Mama ! « schluchzte die Kleine , mit beiden Fäustchen vor den Augen . Ein Schauder , ein Zittern lief auch durch den Körper des Knaben , als sich das Schwesterchen so mit zugehaltenen Augen dichter an ihn drängte ; aber er reckte sich doch mit den Schultern auf und biß die Zähne zusammen , um seiner Angst , seinem Schmerz , seiner Ratlosigkeit nicht durch ein noch lauteres Weinen Luft machen zu müssen . Er sah , als er das Kind fest umfaßte , nach der toten Mutter hin . Er überwand den großen Schrecken vor der Leiche , indem er mit dem Fuße aufstampfte und die Fingernägel sich in das Fleisch der Hand drückte und nun , wie die Schwester schluchzend , rief : » Tapfer - ein tapferer Junge ! Das hat schon Mama gesagt . Ja ! ... Und ich will ein tapferer Junge sein , und ich will ein guter Junge sein , wie Mama es gewollt hat und es mir anbefohlen hat bis - bis zuletzt ... Ich will , ich will keine Furcht haben . Sie ist auch so unsere liebe Mama , Paule ! Ich will sehen , was ich tun kann für Mama und für uns , für dich und für mich , Paulchen ! « Er war noch kein großer Junge , aber er hatte sich zu der Schwester doch niederzubeugen , als er sie in die Arme nahm und flüsterte : » Ich muß weit und schnell laufen , und du hast noch so kleine Beine . Willst du wieder unterkriechen und wieder einschlafen , oder kannst du - willst du zu Mama dich setzen ? « » Zu Mama setzen ! « schluchzte das Kindchen ; und von der Tür aus sah noch der Mann in der Familie , wie es zu Häupten des Leichnams sich auf die schlechte Matratze kauerte , dicht neben das stille , beruhigte Gesicht der Mutter . - Wie die Zeitungen davon geschrieben haben , werden wir seinerzeit Genaueres mitteilen , wenn es uns noch nötig scheinen sollte ; wie jede zuständige Behörde ihre Pflicht getan hat , wie alles nur auf unglückliche Umstände und Mißverständnisse hinauslief , werden wir , wenn wir es nicht vergessen , auch sagen . An diesem Sonntagmorgen ist jetzt der Knabe mit dem Schein des Armenarztes zu dem Armenvorsteher des Bezirks gelaufen und hat ihn glücklicherweise noch zu Hause getroffen . Es war aber wirklich eben noch Zeit ; Frau und Tochter haben bereits ungeduldig im Nebenzimmer gewartet mit den Gesangbüchern auf dem Frühstückstische ; und schon mit dem Hute auf dem Kopfe hat der Herr den zweiten Schein - den Schein für den Sarg - ausgefertigt und , indem er den Jungen damit zu dem Bezirksarmenschreiner schickte , abermals Eile anempfohlen . Er ist durchaus nicht unfreundlich dabei gewesen . Im Gegenteil , er hat dem kleinen , keuchenden Boten ganz zärtlich und bedauernd auf die Schultern geklopft : » Armes Kerlchen ! Nun , lauf nur jetzt . Es wird sich schon alles ordnen ; wir werden