einem Vormittags-Donner-Konzert auf dem Vesuv . Es blitzt immer noch . Ich mache wieder eine Pause . Diesmal , um meinen Anzug zu vervollständigen . Ich erwarte nämlich Damenbesuch . Und eben über die Langeweile der Wartezeit will ich mir mit diesem Brief hinweghelfen . Zwei Fliegen mit einem Schlag : ich tilge eine Briefschuld und zerstreue mich . So können wir beide zufrieden sein . Also , wie gesagt , Damenbesuch . O , etwas sehr - Unschuldiges : eine ehemalige Erzieherin , jetzt Malerin in Temperafarben . Auch aus München natürlich ; wir haben uns unterwegs kennen gelernt . Alles sehr temperiert . Nur die hiesige Temperatur nicht . Darum , ganz unter uns und vielmals Pardon , habe ich das Vorstehende im Hemde geschrieben . Pardon sage ich nur der Jungfrau Brigitta wegen und aus konventioneller , deutscher Wohlanständigkeit . Du selbst bist ja nicht so schamhaft . Was liegt Dir an einem Hemd - mehr oder weniger , nichtwahr ? Selbst im sogenannten Aufruhr der Elemente , der reinen , nackten Natur gegenüber - was ist uns da ein Hemd ! Es blitzt noch immer . Die Silhouette der Gewitterwolke hat sich jetzt total verändert . Ein verrückter Anblick : fast wie - Nein , ich unterdrücke lieber das Bild . Es - wäre auch zu naturalistisch , und ich weiß , Du Uberfeiner magst den Naturalismus nicht , d.h. den geschriebenen . Chacun à son goût . Es wimmelt überdies heutzutage so viel Verrücktes mit und ohne Naturalismus in der Welt herum , daß selbst einem ausgemachten Narren ganz ängstlich dabei wird . Da sitze ich vor dem Vesuv und höre in meinem armen Kopfe plötzlich die Isar rauschen , genau so , weißt Du noch , wie sie damals im Abendrote rauschte , draußen bei den Thalkirchener Überfällen . Wir saßen unter der alten Linde . Geputztes , schwatzendes Philistervolk kam auf den schönen , stillen Waldpfaden daher und verlor sich , heimstrebend , in den dunkelnden Isarauen . Wie die Schritte und Worte dieser banalen Naturschänder verhallten , nahmst Du immer die unterbrochenen Betrachtungen wieder auf über - ich weiß nicht mehr was ; ich dachte nämlich ( in dieser Entfernung kann ich Dir ' s ja gestehen ) an ganz etwas anderes - und ließ Dich deklamieren . Ich wälzte damals in meinem Quadratschädel ( tête carrée nennen ' s die Franzosen , wie Du Dich aus dem Feldzug erinnerst ) die ungeheuerlichsten Baupläne ; da aber Deine geliebte Isar dabei arg in die Klemme gekommen wäre , so zog ich ' s vor , Dich nicht in mein Vertrauen zu ziehen , sondern Dich ruhig Deine geistreichen Betrachtungen über die schönsten und rührendsten Dinge in die laue rotgolddämmernde Abendluft und in die rauschende Isar hineinplaudern zu lassen . Diese Baupläne übrigens - - Schon wieder so ein irrsinniger Blitz ! - Dieses ewige Geschlängel und Gezickzack macht mich schließlich doch nervös . Es hat etwas so Aufdringliches , wie alles Wälsche . Ich lege die Feder weg , bis das blödsinnige Gewitter zu Ende . Es wäre jetzt wahrhaftig eine vernünftige Abwechslung , wenn die Tempera-Malerin endlich käme , obwohl ich neulich , als ich ihr die Architektur des San Martino-Klosters ( hier von meinem Fenster aus weiter nach links ) sehr volkstümlich erklärte , den Verdacht nicht loswerden konnte , sie möchte auch einen Sparren zu viel im Dach haben . Das Tempera-Frauenzimmer produzierte zwischenhinein so merkwürdige Redensarten - und dann hat sie manchmal eine so unheimliche Art des Schauens und des Zuhörens . Kurz und gut , ich werde sie schärfer beobachten . Verrücktheit wirkt ansteckend , weißt Du ; wie die Dummheit und Verliebtheit . ( In Parenthese : vielleicht verliebe ich mich auch noch - hier , wo ich Dein abschreckendes Beispiel nicht vor Augen habe . ) Bei der Gescheidtigkeit kommt ja so etwas niemals vor . Drum sind die Wunder der Aufklärung ebenso sporadisch wie lächerlich . Übrigens so ein Kloster wie das von San Martino ( es ist schade , daß man ' s vom Fenster aus nicht sieht , wenn ich hier sitze , ich würde es Dir sonst sehr anschaulich beschreiben , aber wenn ich mich so setze , daß ich es sehe , so sitze ich so unbequem , daß ich nicht mehr schreiben mag , und so muß ich darauf verzichten , es Dir zu beschreiben , da ich in architektonischen Schilderungen grundsätzlich sehr diffizil bin und nur momentan Geschautes beschreibe - Augenblicksbilder , weißt Du ! ) - ehrliche , rechtschaffene Augenblicksbilder - - Ich lege die Feder zum Xten Mal weg , denn ich habe mich im Periodenbau verhaspelt und nun mag ich das Zeug nicht wieder von Anfang an lesen , um den Faden zu suchen . Mit den Parenthesen habe ich nie Glück gehabt . Da habe ich regelmäßig den Zusammenhang verloren . Und immer tappe ich als Periodenbauer wieder in so eine vermaledeite Parenthese hinein und schände die Syntax . Sei versichert , lieber Max v. Drillinger , Du verlierst nichts dabei . Dieser Brief wird noch so schön und reich , daß ich Dir ohne Gewissensbisse eine ungefüge Periode unterschlagen darf . Das macht der Liebe kein Kind , wie Herr Raßler , der große Kunstmäcen in der Quaistraße , so sinnig zu sagen pflegt . Verkehrst Du noch mit - - nein , nein , am heiligen Josephitag keine so indiskreten Fragen . Siehe das Motto ! Es blitzt wahrhaftig immer noch . Diese italienischen Blitze haben etwas so Epileptisches , wie die Gestikulationen eines Tollhäuslers . Ich mag gar nimmer hinsehen . Bei uns daheim , im disziplinierten Vaterland der reinen Vernunft , hat auch die Natur mehr Bescheidenheit und Manier , mehr Zurückhaltung . Der ehrenwerte Herr Raßler ist mir durch den Sinn marschiert , weil die Tempera-Malerin , von der ich übrigens noch keinen Pinselstrich gesehen habe und deren geschätzten Morgenbesuch ich ebenso sehnsüchtig und , wie ' s scheint