Geschöpfchen mit eifersüchtigen und andern Launen , dann starb es und hinterließ ihm ein zartes Töchterlein , das sein Dasein erst nach Monden zählte . Bald nach dem Tode seiner Frau wurde der Beamte zu einem höheren Posten befördert und nach der Heimat zurückberufen . Dort setzte er seine Laufbahn fort und erlaubte sich , alljährlich an Fräulein Helene ein ehrfurchtsvolles , ein wenig steif gehaltenes Schreiben zu richten , in dem er nach ihrem werten Befinden fragte und kurzen Bericht über das seiner kleinen Dora erstattete . Darauf wurde ihm regelmäßig eine freundliche Antwort zuteil . So ging es fort , bis ihm die Kunde zukam , daß die Tochter der Herzogin im Begriff stehe , sich zu verheiraten , und nun beeilte er sich , ihrer Erzieherin seinen vor Jahren gemachten Antrag zu erneuern . Er tat es in warmen Worten und nicht nur in Berücksichtigung des eigenen , sondern auch des Wohles seiner Tochter . Diese setzte zum Zeichen , daß sie den Schritt billige , ihren Namen neben den seinen unter das inhaltreiche Schriftstück . Sie tat es mit Buchstaben , die so groß waren wie Fingerhüte und eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit Runen hatten . Sie gaben Zeugnis von einem bedenklich niedrigen Bildungsgrade des achtjährigen Kindes . Vielleicht trug gerade dieser Umstand zu der Einwilligung bei , mit der die Erzieherin ihren standhaften Bewerber jetzt beglückte . Bald darauf verließ sie das Haus , das ihr in der Fremde ein heimisches geworden war , um daheim ein fremdes zu beziehen . Die alte Herzogin klagte , daß sie zwei Töchter zugleich verliere ; man machte für die Zukunft allerlei Wiedervereinigungspläne , allein sie gingen nicht in Erfüllung . Man sah einander nie wieder , blieb aber immer in schriftlichem Verkehr . Die Nachrichten , die Frau Helene von sich , von Mann und Kind zu geben hatte , waren durchweg gute . Später gesellten sich zu dem Stieftöchterchen eigene Kinder , die von ihrer Mutter sehr geliebt und gut erzogen wurden , nicht mehr und nicht besser jedoch als Dora , für die Helene eine wahrhaft mütterliche Empfindung hatte und bewahrte . Die kleine Familie wurde nach und nach eine große , und als der Tod des Hofrats eine schmerzliche Lücke in dieselbe riß , blieb seine Witwe der Mittelpunkt der Liebe und Verehrung ihrer Kinder und einer zahlreichen , zum Teil auch schon herangewachsenen Enkelschar . Niemals aber erstickte im Herzen dieser Frau das Interesse für ihre Angehörigen jenes für fremdes Wohl und Weh . Sie darf wohl fragen : » Wer ist meine Mutter ? Wer sind meine Brüder ? « Sie macht das Wort lebendig : » Kommet zu mir alle , die ihr mühselig und beladen seid « , und jeder , dem daran gelegen ist , sich bei ihr einzuschmeicheln , der ergreift das sicherste Mittel dazu und hilft ihr - helfen . So tue auch ich nach meinen schwachen Kräften und werde reich belohnt für die lobsüchtige Emsigkeit , die ich dabei entfalte . Vor kurzem erst bot sich eine Gelegenheit , den besonderen Dank meiner Gönnerin zu verdienen . Sie hatte allen ihren Bekannten aufgetragen , für ein junges Mädchen , das ihrem Schutze empfohlen war , eine Stelle als Erzieherin in einem achtungswerten Hause ausfindig zu machen . Nun ließ mein guter Freund , der Zufall , mich das Gesuchte an einem Tage entdecken , an dem mich die Hofrätin , ein weiblicher Gleim , » auf einen Kuß und einen Kaffee « zu sich geladen hatte . O große Wonne ! Ich brauchte nicht meine herrliche Neuigkeit durch ein völlig gleichgültiges Blatt Papier übermitteln zu lassen , ich konnte sie selbst bringen und glückliche Zeugin der Freude sein , die hervorzurufen ich nicht verfehlen konnte . Frohlockend trat ich vor die Hofrätin , schwang triumphierend meinen bereits bis zur Hälfte gediehenen Bettlerstrumpf und sprach : » Ich hab ' s ! ich hab ' s ! ... Eine Stelle , besser als gut ... ein Haus , mehr als achtungswert ... alle Erwartungen übertroffen ! « Die alte Frau reichte mir beide Hände : » Ah - wirklich - nein - Sie sind ... Nehmen Sie Platz ! « Sie setzte sich in die Ecke ihres Kanapees , ich mich ihr gegenüber , auf einen Fauteuil , den ich immer mit Vergnügen einnehme , obwohl er Schuld an manchem blauen Fleck an meinen Ellenbogen trägt . » Das Haus also mehr als achtungswert ? Jetzt bitte ich aber , es mir zu nennen . « Ich tat es , und sie wurde plötzlich ernst : » Da ist ja kürzlich die Frau gestorben . « » Ganz recht . Zwei kleine Mädchen sind zurückgeblieben . Allerliebste Kinder , an denen Mutterstelle zu vertreten ... « » Niemand vermag ! « fiel sie mir ins Wort . » Niemand auf Erden . Mutterstelle vertritt niemand . « » Sie sagen das ? ... Sie ? ... Ihre Stieftochter ist andrer Meinung . « Sie beantwortete meinen Einwand nicht . Ich war im Zweifel , ob sie ihn gehört hatte , so vertieft schien sie in ihre eigenen Gedanken . Nach einer Pause des Nachsinnens sprach sie : » Der Vater dieser Kinder ist noch jung , soviel ich weiß ... Er wird sich wohl wieder verheiraten ? « » Das glaube ich nicht . Er hat seine verstorbene Frau zu sehr geliebt . « Ich begann ihn herauszustreichen , soviel ich konnte und mit dem besten Rechte auch durfte . Ich erzählte , welch ein treuer , redlicher Mensch und zärtlicher Vater er sei . Sie hörte mir aufmerksam zu , allein je mehr ich ihn lobte , desto enttäuschter schien sie zu werden . » Er trauert um seine Frau , er beschäftigt sich viel mit seinen Kindern . Das ist schlimm « , sagte sie endlich . » Nein , nein - ich danke Ihnen , aber die Stelle paßt nicht für meinen Schützling . «