liegen still nebeneinander im Fenster und beobachten die grauen Tauben , mit innigstem Verständnis für ihre Rauflust und ihren guten Appetit . Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Fräulein gerichtet . Das braune Mohairkleid , das seine Gönnerin heute zum erstenmal angetan hat , ist seiner Hände selbsteigenes Werk . Der Schnitt hat sich seit wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt , und genäht und ausgefertigt ist das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt , die ihresgleichen sucht . Alles solid und geschmackvoll . Der Rock so faltenreich , die Taille weder zu lang noch zu kurz , sondern gerade dort angebracht , wo der liebe Gott sie hingesetzt hat . Sie wird von einem breiten Gürtelband umgeben , aus reiner Seide , fein , weich und dauerhaft . Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais , die den Kragen und die enganliegenden Ärmel schmücken . Von den letzteren heben sich die glatten Manschetten , welche das Fräulein zu tragen pflegt , gar schön ab , und diese bilden die schneeweiße Einfassung der zarten schlanken Hände . Ach , diese Hände ! das Schneiderlein vermag sie niemals ohne innere Rührung zu betrachten . Sie waren das erste , was er erblickte in jenem unvergeßlichen Momente , in dem er die Augen aufschlug , die er für immer geschlossen zu haben meinte , freiwillig geschlossen , nach schwerem , entsetzlichem Kampfe . Der Alte besinnt sich nur noch wie eines bösen Traums des hoffnungslosen Elends , das ihn zu einer Tat der Verzweiflung getrieben ; er hat die Ursache fast vergessen und begreift ihre Wirkung nicht mehr . » Ich muß wahnsinnig gewesen sein ! « sagt er jetzt , wenn er der Stunde gedenkt , in welcher er sein kleines Töchterchen zu sich gerufen , Tür und Fenster desselben Zimmers , das er heute noch bewohnt , verriegelt und das Kohlenbecken entzündet hat . Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen Schneidermeisters gemacht , ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin . Nachdem er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden , sammelte sie allmählich für ihn einen kleinen Kundenkreis . Der Schneider befand sich jetzt in guten Verhältnissen , war sogar imstande , einen Sparpfennig zurückzulegen . Er hätte das ruhigste Leben gehabt , wenn nur die revolutionären Ideen seiner Tochter nicht gewesen wären . Aber die Leopoldine , ein ehrgeiziges junges Ding , ein Feuerkopf , hatte an den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und schwärmte , zu seinem Grauen und Entsetzen , für die unsinnigsten , lächerlichsten , abscheulichsten Moden , nämlich für die neuesten . Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen jetzt einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen Seidenmantille mit einem Eifer , den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn beflügelt . Die Mantille braucht erst morgen fertigzuwerden , wird es aber gewiß heute noch , wenn die Furie anhält , mit der Vater und Tochter die Nadel führen . Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte geöffnet ; eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen , beide wohlgenährt und weißhaarig . Die Katze schleicht zur Morgenpromenade auf das Dach hinaus , bleibt öfters stehen und wirft begehrliche Raubtierblicke nach den Tauben , die von Fräulein Lotti gefüttert werden . - Wer eine von euch erwischen könnte ! denkt sie . Saubere Weltordnung , in der wir leben ! - Gäb ' s eine Gerechtigkeit - ich hätte Flügel ! Frau Katze schüttelt den Kopf , schließt die Augen , leckt die fadendünnen Lippen und gähnt wie ein Tiger . Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein , damit die Spaziergängerin bequem eintreten könne , wenn es ihr genehm sein würde heimzukehren . Die Rückkunft ihres Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht abwarten , sie muß an ihren Posten , in den kleinen Laden im Durchhause nebenan , wo sie im Winter altgebackenes Brot , im Sommer auch Obst feilbietet und zu allen Jahreszeiten Näschereien , die ihre Katze verschmähen würde , die aber an den Schulkindern beharrliche Abnehmer finden . Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüße zu der dicken Frau empor , die so freundlich aussah wie des Teufels Großmutter und sich ' s lange überlegte , bevor sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte . Aber auch damit ist Lotti zufrieden . An Zuvorkommenheit von Seite der Frau Brotsitzerin wurde sie nie gewöhnt und hat auch kein besonderes Herzensbedürfnis danach . Sie wünscht nur , konservativ wie sie einmal ist , daß alles beim alten bleibe und daß sie sich täglich sagen könne , was die Potentaten jährlich einmal in ihren Thronreden sagen : » Unsere Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten . « 2 Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln zu und zog sich in das Zimmer zurück . Auf einem Tischchen , in der Nähe des Kamins , hatte Agnes , die goldene Säule des kleinen Haushalts , schon alle Vorbereitungen zum Tee getroffen . Lotti begann nun , ihn zu bereiten . Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen Blicken . Je länger sie es bewohnte , desto gemütlicher erschien es ihr , desto mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern , die es möglich gemacht , so viele Tische , Schränke und Schränkchen in dem schmalen Zimmer unterzubringen . Sehr frei bewegen konnte man sich darin freilich nicht , am wenigsten dann , wenn zufällig mehrere Schranktüren zu gleicher Zeit offenstanden . Doch - was lag daran ? Lotti empfing ja keine Gäste , hatte auch für solche nicht vorgesorgt . Außer dem Fauteuil , den sie bei ihren Mahlzeiten benützte , war nur noch ein Sitzmöbel vorhanden , ein altdeutscher , geschnitzter Holzsessel , ein wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit . Er überragte , kaum beweglicher als ein Berg , einen Arbeitstisch , auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter Glasglocken und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen . Auf der linken Seite des Fensters , in der