» was der Alte auf dem Gewissen hat , daß er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken läßt . Man sagt allerhand von ihm ; du weißt doch gewiß auch etwas davon , von deiner Schwester , nicht , Dete ? « » Freilich , aber ich rede nicht ; wenn er ' s hörte , so käme ich schön an ! « Aber die Barbel hätte schon lange gern gewußt , wie es sich mit dem Alm-Öhi verhalte , daß er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten , als fürchteten sie sich , gegen ihn zu sein , und wollten doch nicht für ihn sein . Auch wußte die Barbel gar nicht , warum der Alte von allen Leuten im Dörfli der Alm-Öhi genannt wurde , er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den sämtlichen Bewohnern sein ; da aber alle ihn so nannten , tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als Öhi , was die Aussprache der Gegend für Oheim ist . Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Dörfli hinauf verheiratet , vorher hatte sie unten im Prättigau gewohnt , und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persönlichkeiten aller Zeiten vom Dörfli und der Umgegend . Die Dete , ihre gute Bekannte , war dagegen vom Dörfli gebürtig und hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr ; da war diese gestorben , und die Dete war nach dem Bade Ragaz hinübergezogen , wo sie im großen Hotel als Zimmermädchen einen guten Verdienst fand . Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde von Ragaz hergekommen ; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren können , auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm . - Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit , etwas zu vernehmen , nicht unbenutzt vorbeigehen lassen ; sie faßte vertraulich die Dete am Arm und sagte : » Von dir kann man doch vernehmen , was wahr ist und was die Leute darüber hinaus sagen ; du weißt , denk ' ich , die ganze Geschichte . Sag mir jetzt ein wenig , was mit dem Alten ist und ob der immer so gefürchtet und ein solcher Menschenhasser war . « » Ob er immer so war , kann ich , denk ' ich , nicht präzis wissen , ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr ' alt ; so hab ' ich ihn nicht gesehen , wie er jung war , das wirst du nicht erwarten . Wenn ich aber wüßte , daß es nachher nicht im ganzen Prättigau herumkäme , so könnte ich dir schon allerhand erzählen von ihm ; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch . « » A bah , Dete , was meinst denn ? « gab die Barbel ein wenig beleidigt zurück ; » es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prättigau , und dann kann ich schon etwas für mich behalten , wenn es sein muß . Erzähl mir ' s jetzt , es muß dich nicht gereuen . « » Ja nu , so will ich , aber halt Wort ! « mahnte die Dete . Erst sah sie sich aber um , ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhöre , was sie sagen wollte ; aber das Kind war gar nicht zu sehen , es mußte schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein , diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt . Dete stand still und schaute sich überall um . Der Fußweg machte einige Krümmungen , doch konnte man ihn fast bis zum Dörfli hinunter übersehen , es war aber niemand darauf sichtbar . » Jetzt seh ' ich ' s « , erklärte die Barbel ; » siehst du dort ? « und sie wies mit dem Zeigefinger weit ab vom Bergpfad . » Es klettert die Abhänge hinauf mit dem Geißenpeter und seinen Geißen . Warum der heut ' so spät hinauffährt mit seinen Tieren ? Es ist aber gerad ' recht , er kann nun zu dem Kinde sehen , und du kannst mir um so besser erzählen . « » Mit dem Nach-ihm-sehen muß sich der Peter nicht anstrengen « , bemerkte die Dete ; » es ist nicht dumm für seine fünf Jahre , es tut seine Augen auf und sieht , was vorgeht , das hab ' ich schon bemerkt an ihm , und es wird ihm einmal zugut ' kommen , denn der Alte hat gar nichts mehr als seine zwei Geißen und die Almhütte . « » Hat er denn einmal mehr gehabt ? « fragte die Barbel . » Der ? Ja , das denk ' ich , daß er einmal mehr gehabt hat « , entgegnete eifrig die Dete ; » eins der schönsten Bauerngüter im Domleschg hat er gehabt . Er war der ältere Sohn und hatte nur noch einen Bruder , der war still und ordentlich . Aber der Ältere wollte nichts tun , als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit bösem Volk zu tun haben , das niemand kannte . Den ganzen Hof hat er verspielt und verzecht , und wie es herauskam , da sind sein Vater und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram , und der Bruder , der nun auch am Bettelstab war , ist vor Verdruß in die Welt hinaus , es weiß kein Mensch wohin , und der Öhi selber , als er nichts mehr hatte als einen bösen Namen , ist auch verschwunden . Erst wußte niemand wohin , dann vernahm man , er sei unter das Militär gegangen nach Neapel , und dann hörte man nichts mehr von ihm zwölf