zu denken . Der Donner der tausend Kanonen in den großen Siegesschlachten der Gegenwart hat die Schüsse , die seinerzeit hinüber und herüber gewechselt wurden , nicht übertönen können . Gottlob ist es heute nur höchstens ein Drittel der Nation , das sich jenes brüderliche Nachbargeplänkel zurückwünscht , was in Anbetracht des Nationalcharakters merkwürdig wenig ist , zumal wenn man noch die sehr verschiedenartigen Gründe , aus denen jener Wunsch aufwächst , in Betracht und in Rechnung zieht . Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser einleuchtend hervorgehen , daß der schöne Sommermorgen , an dem uns die schlimme Nachricht über den Vater gebracht wurde , ziemlich weit zurückliegt . So ist es ; es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem Tage hingegangen , und ich kann dreist die objektivsten Bemerkungen an ihn anknüpfen . Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier klarer vor meiner Seele als der gestrige , an dem es mir zuerst einfiel , mir selbst einmal schriftlich von mir selber und dem , was dazu gehört , Rechenschaft zu geben . Daß der Sommermorgen schön war , sage ich , weil ich heute noch sein Licht , seine Wärme , seinen Landstraßenstaub und seinen Waldduft in mir und um mich spüre . Wir aber , meine Mutter und ich , sind um Sonnenaufgang mit der schrecklichen Nachricht geweckt worden , kurz vor dem längsten Tage . Ich saß aufrecht in meinem kleinen Bette , und meine Mutter hielt mich und hielt sich an mir . Da erscholl das ewige , jedenfalls Jahrhunderte alte Leibstücklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstädtchens . Die Sonne schien mir auf die Bettdecke , unten im Hause brüllten die Kühe . Meine Mutter war in einem Weinkrampf , und die Hausgenossenschaft und ein paar Nachbarinnen und ein alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege meines Vaters waren auch in der Kammer , und die Stube nebenan war voll von Menschen . Unter den Leuten in der Stube aber befand sich ein Mann in einer fremden Uniform , wie es mir schien . Das war aber die Livree derer von Everstein , die ich nachher sehr genau kennengelernt habe . Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknöpfen an meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu . Mein toter Vater lag auf dem Hause Werden , dem Wohnsitze des Herrn Grafen , und ich hörte , wie der alte Kamerad des Vaters zu meiner Mutter sagte : » Frau Steuerkontrolleurin , liebe Frau , Sie müssen es ja leider Gottes , also fassen Sie sich ! Sehen Sie doch mal an , gefaßt mußten Sie ja immer im Grunde auf so was sein . Wie wäre es denn nun gewesen , wenn uns der liebe Herrgott während unserer Militärdienstzeit einen guten , braven Krieg beschert hätte ? Eben vielleicht nicht anders als jetzt ; nur wäre es vielleicht dann noch früher eingetroffen , und das wäre denn noch viel betrübter für Sie gewesen . Nicht wahr ? Sie sind doch nun gottlob eine Soldatenfrau , und Ihren Jungen haben Sie ja da auch noch , und er nimmt sich gewiß in dieser ernsthaften Stunde ein Beispiel an seinem lieben Vater und macht es ihm in allen Dingen nach . Nicht wahr , Fritz , das versprichst du uns ? « » Ja , ja ! « heulte ich , ohne im geringsten zu wissen , was alles ich hier versprach ; aber ich fühlte , wie meine Mutter mich fester faßte und heftiger mich an sich drückte , als werde sie mich nie mehr aus ihren lieben schützenden Armen loslassen : » Fritz , du bleibst bei mir ! Du gehst nie von mir ! « » Ja , Mutter , ich fahre mit , ich darf mit ausfahren zum Vater ! Nicht wahr , und ich darf auf des Vaters Braunem nach Hause reiten ? « » Der Wagen hält schon seit einer Stunde vor der Tür « , sagte der alte Kamerad . » Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf Schloß Werden , daß sie ihre eigene Equipage schickt . Von Amts wegen sind wir schon längst zu Pferde hinaus ; da wird nicht das geringste verabsäumt werden , was Ihnen zum Trost gereichen kann , Frau . Und jetzt kommen Sie ; - die Nachbarinnen ziehen Ihnen den Jungen an , und dann fahren wir langsam nach . Es geht ja alles im menschlichen Leben hin und eins in das andere . Erinnern Sie sich nur recht genau an alles , was Sie mir so gut und brav zum Troste sagten , als ich so bei meiner seligen Frau saß und sie dalag . Sie wissen ja also alles Beste , was Ihnen einer jetzt sagen kann , schon von selber . Fritze , du kannst mitfahren . « Zweites Kapitel Was für eine Magie liegt selbst für die Erwachsenen in dem sich drehenden Rad ! Fahren ! ... Ausfahren ! Fahren durch einen frischen , sonnigen Sommermorgen in die weite , weite Welt hinein ! Gibt es ein glückseligeres Fieber als das , was bei diesem Worte und dieser Vorstellung das Kind ergreift und ihm in erwartungsvoller Wonne fast den Atem benimmt ? Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefähr fünf oder sechs Jahre alt ; aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele ! Mit allen seinen Einzelheiten ! Da war das hastige Ankleiden , bei dem ein Dutzend aufgeregte Hände helfen wollten . Da war das Geflüster rundum und dazwischen das stille Weinen und laute Schluchzen der Mutter , von Zeit zu Zeit ein neues Gesicht , das sich in die Tür schob und in einem Winkel sich » des genaueren « berichten ließ . Dazwischen immer wieder von neuem die braven , guten Worte des alten Kameraden und Kollegen und dann - das Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse , das allmählich immer mehr von steigender Ungeduld zeugte