mich . Begegnete ich aber nur einem von ihnen , so lief er mir davon . Das mißfiel mir beides , stimmte mir auch nicht zu der Geschichte der Makkabäer , die mir mein Vater so begeistert zu erzählen pflegte . So standen die Dinge in meiner Knabenzeit in Czortkow . Ich hatte viel Begeisterung für das Judentum , aber einen sehr dürftigen Einblick in das reale Leben der Juden um mich her . Einen tieferen Einblick gewann ich erst in Czernowitz , wo ich das Gymnasium besuchte , allmählich und stückweise , von Jahr zu Jahr mehr . Nun , wo mein Vater nicht mehr war - ich habe ihn bereits 1858 verloren - , begriff ich erst recht , unter welchen Kämpfen sein Leben vergangen , in welchen Anschauungen er mich erziehen gewollt . Wie es ohne jenen festen Grund , den er gelegt , ohne jene Begeisterung , die er in mir entflammt , mit mir gekommen wäre , könnte ich mit Bestimmtheit nicht sagen , denn vielleicht hätten mich zwei Grundzüge meines Wesens , die auch ich mir nachsagen darf , weil sie niemand übersehen kann , der meine Schriften oder mich kennt - vielleicht hätten , sage ich , mein Pflichtgefühl und mein Gerechtigkeitssinn mich annähernd denselben Weg einschlagen lassen , den ich gegangen bin . Aber gut war es doch , daß mein Vater jenen Grund legte . Denn je näher ich das nationalorthodoxe Judentum kennen lernte , desto mehr fühlte ich mich durch seine Auswüchse im tiefsten Herzen verwundet und fremdartig berührt . Auch entging mir zwar das Poetische an vielen seiner Formen nicht , aber ihren Zauber können sie doch nur auf einen voll üben , dem sie zugleich ein Stück Kindheitserinnerung bedeuten . Dies war bei mir nicht der Fall . Es war ganz ausgeschlossen , daß ich , meines Vaters Sohn und frühzeitig auch durch das Leben zum vollen Pflichtgefühl erzogen , jemals daran denken konnte , meinen Glauben zu wechseln . Aber ebensowenig dachte ich daran , daß das Judentum in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen , daß ich jemals innerhalb der engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung bringen sollte . Ich wollte Jude bleiben , auch hier meine Pflicht tun , das war alles . Und vollends fiel mir damals nicht bei , daß in mir ein Erzähler , ein Kulturschilderer des Ghettolebens stecken könnte . Mir schwebte ein anderes Ziel vor Augen , ich wollte klassische Philologie studieren und Professor werden . Das Ziel schien gar nicht zu verfehlen ; ich war fleißig , hatte Neigung für das Fach , hatte schon als Schüler eine Arbeit geleistet , welche die Aufmerksamkeit auf mich lenkte : eine Übersetzung der lateinischen Eklogen des Vergil ins Griechische , in die Sprache Theokrits ( den dorischen Dialekt ) . Freilich war ich sehr arm , aber die Regierung gab mir ja gewiß ein Stipendium . Auch der Landeschef der Bukowina , ein wohlwollender Mann , war dieser Ansicht und unterstützte mein Gesuch auf das wärmste . Die Entscheidung ließ lange auf sich warten . Endlich wurde ich eines Tages zum Landeschef berufen . Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit . » Ihre Eignung steht außer Zweifel , aber - « Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken . Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben , es hatte auch keinen rechten Sinn , denn ich wollte ja eine Universitätsprofessur erreichen , und die war ja dem Juden unmöglich . Es war im Sommer 1867 , vor der liberalen Ära . Mit meiner religiösen Überzeugung Handel treiben , das ging natürlich nicht . Auf das Stipendium mußte ich also verzichten . Und damit auch auf die klassische Philologie . Ein armer Junge wie ich , der Mutter und Schwestern zu versorgen hatte , durfte keinen Beruf wählen , der keine Aussicht auf Versorgung bot . Ich beschloß also , Jura zu studieren , und tat ' s. Das schreibt sich leicht hin , aber wieviel Schmerz , wieviel schlaflose Nächte zwischen jeder dieser Zeilen stehen , weiß nur , wer selbst in ähnlicher Lage war . Indes - dies Selbstverständliche würde ich nicht erwähnen , wenn es nicht zur Sache gehörte . Mein Judentum hatte mir bisher weder Vorteil , noch Schaden gebracht . Nun brachte es mir Schaden , den schwersten , den ein Mensch erleiden kann , legte mir ein furchtbares Opfer auf : den Verzicht auf den Beruf , für den ich mich selbst bestimmt , von dem damals ich und andere meinten , daß er am besten für mich tauge . Derlei wirkt auf den Menschen verschieden , je nach seiner Anlage . Der eine kann das Opfer nicht bringen , ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere Opfer . Der andere verzichtet zwar , beginnt aber innerlich sein Judentum als ein Unglück zu empfinden und zu - hassen . Den dritten aber beginnt sein Glaube eben deshalb näher anzugehen , wärmer zu interessieren , weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müssen . Dies Letzte war bei mir der Fall . Ich wurde kein Frommer im Lande , aber mein Interesse für das Judentum , das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Czernowitzer » Wassergasse « wurde ungleich stärker als bisher . Es ging mit der Juristerei besser , als ich gedacht ; ich begann , mich mit dem Studium zu befreunden . Da kam mir um meines Judentums willen ein neuer , großer Schmerz . Eine Liebesgeschichte . Ich war kaum 21 Jahre alt . Aber es traf mich doch recht hart , als mir das Mädchen sagte : » Mir bricht das Herz , aber Sie sind ein Jude ... « Das Herz brach ihr übrigens nicht . Aber auch mir nicht . Weh freilich tat es mir , recht weh . Und in dieser Stimmung schrieb ich meine erste Novelle , » Das Christusbild « , das die Liebe eines Juden und einer Christin schildert , und wie das