oder ich wurde zu häuslichen Arbeiten - besonders zum Schafe- und Rinderhüten , oder als Botengeher , oder zum Futterschütten in der Mahdzeit , oder zum Garbentragen im Schnitt , oder zum Ochsenführen bei Fuhrwerken , oder zum Furchenaushauen beim Ackern - verwendet ; dann wieder war ' s der ungestüme Winter , oder meine körperliche Schwächlichkeit und Kränklichkeit , die mich am Schulgehen hinderten . Ich als der Älteste unter meinen Geschwistern - wovon unser nach und nach sieben kamen - war das Muttersöhnchen , und bei meiner Mutter fand ich bisweilen sogar ein wenig Schutz , wenn ich mich der Schule entschlagen wollte ; denn die Schule war mir im Grunde recht zuwider , weil ich erstens das viele Rechnen haßte und zweitens die Buben , die mich gern hänselten , da ich meine besonderen Wege ging und mich zu ihnen nicht schicken wollte . Indes , einen oder zwei Kameraden hatte ich immer , an denen ich hing und mit denen ich auch die Knabenwildheit redlich durchgemacht habe . Noch bei Lebzeiten des alten Schulmeisters war die Rede gewesen , ich » täte leicht lernen « , hätte den Kopf voll von allerlei Dingen , ich sollte studieren . Unter Studieren verstand man gar nichts anderes , als nach Graz ins Seminar und später ins Priesterhaus gehen . Und es war richtig , ich war der eifrigste Kirchengeher und aufmerksamste Predigthörer , als welcher ich das erste Hochdeutsch vernahm ; denn wir sprachen alle miteinander das » Bäurische « , nämlich die sehr altertümliche Mundart der Vorfahren , die vor Jahrhunderten aus Schwaben oder Oberbayern in unsere Gegend eingewandert sein sollen . Das Hochdeutsch des Predigers - so schlicht es von heimischen Landeskindern auch vorgetragen wurde - war wohl von den Wenigsten verstanden ; für mich hingegen hatten die Kanzelreden einen großen Reiz , ich ahmte sie nach . Ich hielt , wo ich allein ging und stand , laute Predigten aus dem Stegreif , ich ging auf Suche nach geistlichen Büchern , schleppte sie - wenn ich dazu die Erlaubnis hatte - in mein Vaterhaus zusammen , las dort die halben Nächte lang laut im Predigerton , auch wenn mir kein Mensch zuhörte , und trieb allerhand mystische Phantastereien . Also führte mich meine Mutter zu Geistlichen umher und bat um Rat , wie ich denn in die » Studie « zu bringen wäre , » daß es nichts tät ' kosten . « Denn durch Unglücksfälle , Wetterschäden , Feuer , Krankheiten waren wir verarmt . Aber die geistlichen Herren sagten , wenn kein Vermögen da wäre , so könnten sie keinen Rat geben . Nur einer war , der Dechant von Birkfeld , welcher sich erbötig machte , mich selbst im Latein zu unterrichten und später für mein Fortkommen was tun zu wollen . Ich wurde also nach Birkfeld zu einem Bauer Waxhofer gebracht , wo ich Pflege genießen und von da aus vierklassige Marktschule , sowie den zugesagten Lateinunterricht des Dechants besuchen sollte . Allein einerseits die kecken Jungen meines Wohnungsgebers , andererseits das Heimweh nach Vater und Mutter setzten mir so sehr zu , daß ich schon nach drei Tagen bei Nacht und Nebel aufbrach und den fünf Stunden langen Berg- und Waldweg bis zu meinem Vaterhause zurücklegte . In jenen Tagen ist mein Heimweh geboren worden , das mich seither nicht verließ , auf kleineren Touren wie auf größeren Reisen in Stadt und Land mein beständiger Begleiter war und eine Quelle meiner Leiden geworden ist . Es war dasselbe Gefühl , das mich später zu Weib und Kind zog und immer wieder zurück nach den heimatlichen Bergen , als ihre steilen Hänge , ihre herbe Luft meiner schwachen Gesundheit längst schädlich und gefährlich zu werden begannen . Nun , von Birkfeld zurückgekehrt , war ich entschlossen , mich dem Stande meiner Väter zu widmen . Indes aber steigerte sich meine Neigung zum Schrifttum . In Krieglach lebte eine alte Frau , welche die Hoffnung auf mein Weiterkommen nicht aufgab und mir ihre Bücherschränke zur Verfügung stellte . Da fand ich Gedichte , Jugendschriften , Reisebeschreibungen , Zeitschriften , Kalender . Besonders die illustrierten Volkskalender regten mich an . In einem solchen fand ich eine Dorfgeschichte von August Silberstein , deren frischer , mir damals ganz neuer Ton , und deren mir näher liegende Gegenstand mich zur Nachahmung reizte . Ich war damals etwa fünfzehn Jahre alt . Ich versuchte nun auch , Dorfgeschichten zu schreiben , doch fiel es mir nicht ein , meine Motive aus dem Leben zu nehmen , sondern ich holte die Stoffe aus den Büchern . Ich schrieb nun selbst Kalender , die ich auch eigenhändig illustrierte , Gedichte , Dramen , Reisebeschreibungen aus Ländern , in denen ich nie war , alles nach alten Mustern . Erst sehr spät kam ich darauf , daß man aus dem uns zunächst umgebenden Leben die besten Stoffe holt . Wir hatten uns noch einmal angestrengt , daß ich in eine geistliche Anstalt käme , aber vergebens . Von jenen Herren , die später wiederholt das Bedauern ausdrückten , daß ich keiner der Ihren wäre , hat mir die Hand nicht einer gereicht . Und ich glaube , es ist gut so . Denn schon meine Weltanschauung von damals hätte im Grunde nicht mit der ihren harmoniert . Ich war mit ganzer Seele Christ . Vor mir stand der katholische Kultus groß und schön ; aber meine Ideale gingen andere Wege , als die politischen der Kirche . Durch das Wanken und Wähnen , was ich denn werden solle , war mir endlich alle Lust zum Bauernstande abhanden gekommen . Meine Körperbeschaffenheit war auch nicht dazu geeignet , und so trat ich im Sommer 1860 bei dem Schneidermeister Ignaz Orthofer Kathrein am Hauenstein in die Lehre . Bei demselben verblieb ich fast fünf Jahre und wanderte mit ihm von Haus zu Haus , um den Bauern die Kleider zu machen . Ich habe in verschiedenen Gegenden im kultivierteren Mürztale wie