ohne den Wirt gemacht . Herr Wolf von Gnadewitz hatte zwar einen Sohn , der schon mit zwanzig Jahren ein so vollendeter Gnadewitz war , daß selbst das glänzende Bild des Ahnherrn mit dem Rade vor ihm erbleichen mußte . Aber der junge Herr hatte eines Tages , bei Gelegenheit der ersten , großen Jagd im Herbst , einem Treiber mit der Hetzpeitsche einen furchtbaren Schlag über den Kopf versetzt , und zwar mit vollstem Rechte , wie alle eingeladenen Teilnehmer an der Jagd einmütig versicherten , denn der Tölpel hatte den Lieblingshund des Herrn dermaßen auf die Pfoten getreten , daß das Tier für den ganzen Tag untauglich geworden war . Und so kam es , daß kurze Zeit darauf Hans von Gnadewitz nicht allein auf dem Stammbaume in der großen Halle des neuen Schlosses , sondern auch wirklich und leibhaftig an einem Eichbaume des Waldes , und zwar mit einem Stricke um den Hals gefunden wurde . Der geschlagene Treiber büßte zwar , wenn auch nicht auf dem Rade , so doch unter dem Beile , diese Frevelthat ; allein das machte den letzten der Gnadewitze nicht wieder lebendig , denn er war tot , unwiderruflich tot , wie die Aerzte versicherten , und so hatte das lange Lied von Raubrittertum , Trinkgelagen , Hetzjagden und Pferderennen ausgeklungen Nach dieser schrecklichen Katastrophe verließ Herr Wolf von Gnadewitz sofort das Schloß im Thale , wie überhaupt diese Gegend , und zog nach Schlesien auf eines seiner vielen Güter . Er nahm eine entfernte Verwandte , die Letzte einer Seitenlinie seines Geschlechts , in sein Haus , damit sie ihn pflegen solle . Es zeigte sich aber , daß diese Verwandte ein engelschönes , junges Mädchen war , bei dessen Anblick der alte Herr den eigentlichen Zweck ihres Kommens rein vergaß und schließlich meinte , sein sechzigjähriger Rücken sei noch gerade genug , um in den Hochzeitsfrack schlüpfen zu können . Zu seiner tiefsten Indignation jedoch mußte er erfahren , daß auch eine Zeit kommen könne , wo selbst ein Gnadewitz nicht mehr begehrenswert erscheine , und wütend wurde er , als das Mädchen ihm gestand , daß sie , ihre hohe Abkunft schnöde vergessend , ihr Herz einem jungen , bürgerlichen Offizier , dem Sohne eines seiner Förster geschenkt habe . Der junge Mann besaß nichts als seinen Degen und seine männlich schöne Gestalt , aber er hatte sich eine tüchtige , wissenschaftliche Bildung angeeignet , war liebenswürdig im Umgange und von ausgezeichnetem Charakter . Als Herr von Gnadewitz die schöne Marie infolge ihrer Erklärung verstieß , da führte sie der junge Ferber glücklich als Gattin heim und hätte in den ersten zehn Jahren seiner Ehe mit keinem König tauschen mögen . Im elften würde ihn zwar ein solches Gelüst noch viel weniger angefochten haben ; denn das war das Jahr 1848 - aber es brachte auch für ihn schwere Kämpfe und einen völligen Umschwung seiner Verhältnisse ... Er kam in den kritischen Fall , zwischen zwei Pflichten wählen zu sollen . Die eine , die ihm sein Vater schon an der Wiege vorgesungen , hieß : » Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst , vor allem aber deine deutschen Brüder « ; die andere dagegen , die er sich , wenn auch viel später , selbst auferlegt , gebot ihm , das Schwert für das Interesse seines Herrn zu führen . In diesem Konflikte nun siegte jenes Wiegenlied , das kräftige Wurzeln um sein Herz geschlagen hatte , vollständig - Ferber schoß nicht auf seine Brüder , aber dieser Sieg kostete ihm seinen Beruf , seine gesicherte Lebensstellung . Er nahm seinen Abschied und sank bald darauf infolge einer Erkältung gelähmt aufs Krankenlager , das er erst nach jahrelangem Siechtum wieder verließ . Hierauf siedelte er mit seiner Familie nach B. über , wo er bald eine erträgliche Stelle als Buchhalter in einem bedeutenden Handlungshause erhielt . Es war die höchste Zeit , denn das kleine Vermögen seiner Frau war bei dem Sturze eines Bankgeschäfts verloren gegangen , und nur die mehrmaligen Geldunterstützungen , die Ferbers älterer und einziger Bruder , ein Förster in Thüringen , der bedrängten Familie zukommen ließ , hatten bis jetzt den Mangel in seiner schlimmsten Gestalt ferngehalten . Leider sollte dies Glück nicht von Dauer sein . Ferbers Chef gehörte zu den Frommen im Lande und suchte alle seine Umgebungen mit seinem Bekehrungseifer heim . Auch Ferber wurden diese Bemühungen zugewandt , stießen aber hier auf einen zwar mit ruhigem Ernste geäußerten und durch eine Fülle von Wissen motivierten , aber so entschiedenen Widerstand , daß sich das fromme Gemüt Herrn Hagens - so hieß der Kaufmann - darüber schier zu Tode entsetzte . Einem solchen Freigeiste Schutz und Brot zu geben und somit geflissentlich den Untergang des Reiches Gottes zu befördern - der Gedanke ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe , bis er mittels eines Entlassungsbriefes sich von dieser Last befreite und das räudige Schaf aus seiner Lämmerherde stieß . Um jene Zeit ging auch Herr Wolf von Gnadewitz heim zu seinen Ahnen , und da er während seiner irdischen Laufbahn an dem Grundsatze seines Geschlechts , keine Beleidigung ungerächt zu lassen , streng festgehalten hatte , so konnte dies Leben wohl keinen würdigeren Abschluß und Endpunkt finden , als in dem Testamente , das er eigenhändig niederschrieb , ehe er hinunterstieg in das enge Kämmerlein von Zinn , in welchem seine Gebeine der Nachwelt aufbewahrt bleiben sollten . Dies Aktenstück männlicher Konsequenz , das einen entfernten Verwandten seiner verstorbenen Gemahlin zum Universalerben ernannte , schloß mit folgender Verfügung : » In anbetracht des unabweislichen Anspruches , den sie an meinen Nachlaß hat , vermache ich der Anna Maria von Gnadewitz , verehelichten Ferber , das Schloß Gnadeck auf dem Berge in Thüringen . Anna Maria Ferber wird nicht verkennen , daß ich sie wohlmeinend bedenke , indem ich ihr ein Obdach anweise , das sie mit zahllosen Erinnerungen an das edle Geschlecht , dem sie einst angehörte ,