, daß , was Freude und Leid betrifft , der Unterschied zwischen reichen und armen Leuten gar so groß nicht sei , wie man auf beiden Seiten oft , sehr oft , ungemein oft denkt . Wir wollen das dahingestellt sein lassen : uns genügt es , daß das Lachen nicht Monopol und das Weinen nicht Servitut ist auf diesem rundlichen , an beiden Polen abgeplatteten , feuergefüllten Ball , auf welchem wir uns ohne unsern Willen einfinden und von welchem wir ohne unsern Willen abgehen , nachdem uns der Zwischenraum zwischen Kommen und Gehen sauer genug gemacht wurde . In armer Leute Haus schien jetzt die Sonne , das Glück beugte sein Haupt unter der niedern Tür und trat lächelnd herein , beide Hände offen zum Gruß darbietend . Es war hohe Freude über die Geburt des Sohnes bei den Eltern , dem Schuster Unwirrsch und seiner Frau , welche so lange drauf gewartet hatten , daß sie nahe daran waren , solche Hoffnung gänzlich aufzugeben . Und nun war er doch gekommen , gekommen eine Stunde vor dem Feierabend ! Die ganze Kröppelstraße wußte bereits um das Ereignis , und selbst zum Meister Nikolaus Grünebaum , dem Bruder der Wöchnerin , der ziemlich am andern Ende der Stadt wohnte , war die frohe Botschaft gedrungen . Ein grinsender Schusterjunge , der seine Pantoffeln , um schneller laufen zu können , unter den Arm genommen hatte , brachte die Nachricht dahin und schrie sie atemlos dem Meister in das weniger taube Ohr , was zur Folge hatte , daß der gute Mann während fünf Minuten viel dümmer aussah , als er war . Jetzt aber war er bereits auf dem Wege zur Kröppelstraße , und da er als Bürger , Hausbesitzer und ansässiger Meister die Pantoffeln nicht unter den Arm nehmen konnte , so war davon die Folge , daß ihn der eine treulos an einer Straßenecke verließ , um das Leben auf eigene Hand oder vielmehr auf eigener Sohle anzufangen . Als der Oheim Grünebaum in dem Hause seines Schwagers anlangte , fand er daselbst so viele gute Nachbarinnen mit Ratschlägen und Meinungsäußerungen vor , daß er sich in seiner jammerhaften Eigenschaft als alter Junggesell und ausgesprochener Weiberhasser höchst überflüssig erscheinen mußte . Er erschien sich auch in solchem Lichte und wäre beinahe umgekehrt , wenn ihn nicht der Gedanke an den in dem » Lärmsal « elendig verlassenen Schwager und Handwerksgenossen doch dazu gebracht hätte , seine Gefühle zu bemeistern . Brummend und grunzend drängte er sich durch das Frauenvolk und fand endlich richtig den Schwager in einer auch nicht sehr beneidenswerten und leuchtenden Lage und Stellung . Man hatte den Armen vollständig beiseite geschoben . Aus der Kammer der Wöchnerin hatte ihn die Frau Tiebus hinausgemaßregelt ; in der Stube unter den Nachbarinnen war er auch vollkommen überflüssig ; der Gevatter Grünebaum entdeckte ihn endlich in einem Winkel , wo er kümmerlich zusammengedrückt auf einem Schemel saß und Teilnahme nur an der Hauskatze fand , die sich an seinen Beinen rieb . Aber in seinen Augen war noch immer jener Glanz , der aus einer andern Welt zu stammen scheint : der Meister Unwirrsch hörte nichts von dem Flüstern und Schnattern der Weiber , er sah nichts von ihrem Durcheinander , er sah auch den Schwager nicht ; bis dieser ihn an den Schultern packte und ihn auf nicht sehr sanfte Art ins Bewußtsein zurückschüttelte . » Gib ' n Zeichen , daß du noch beis labendige Dasein bist , Anton ! « brummte der Meister Grünebaum . » Sei ' n Mensch und ' n Mann , wirf die Weibsleute raus , alle , bis auf - bis auf die Base Schlotterbeck dort . Denn obschonst der Deibel die Graden und die Ungraden nimmt , so ist das doch die einzigste drunter , die ' nen Menschen wenigstens alle Stunde einmal zu Worte kommen läßt . Willst du nicht ? Kannst du nicht ? Darfst du nicht ? Auch gut , so faß hinten meine Jacke , daß ich dich sicher aus dem Tumult bringe ; komm die Treppe herauf und laß es gehen , wie es will . Also der Junge ist da ? Na , gottlob ! Ich dachte schon , wir hätten wieder vergeblich gelauert . « Durch die Weiber schoben sich seitwärts die beiden Handwerksgenossen , gelangten mit Mühe auf den Hausflur und stiegen die enge , knarrende Treppe hinauf , welche in das obere Stockwerk des Hauses führte , allwo die Base Schlotterbeck ein Stübchen , eine Kammer und eine Küche gemietet hatte und wo also die Familie Unwirrsch nur noch über ein Gemach gebot , das so mit Gegenständen von allerlei Art vollgepfropft war , daß für die beiden ehrenwerten Gildebrüder kaum noch der nötige Platz zum Niederhocken und Seelenaustausch übrigblieb . Kisten und Kasten , Kräuterbündel , Maiskolben , Lederbündel , Zwiebelbündel , Schinken , Würste , unendliche Rumpeleien waren hier mit wahrhaft genialer Geschicklichkeit neben- , unter- , über- , vor- und zwischeneinandergedrängt , - gehängt , - gestellt , - gestopft und - geworfen ; und kein Wunder war ' s , wenn der Schwager Grünebaum hier seinen zweiten Pantoffel verlor . Aber die letzten Strahlen der Sonne fielen durch die beiden niedrigen Fenster in den Raum ; vor den Nachbarinnen und der Frau Tiebus war man in Sicherheit ; auf zwei Kisten setzten sich die beiden Meister einander gegenüber nieder , reichten sich die Hände und schüttelten sie während wohlgezählter fünf Minuten . » Gratulabumdum , Anton ! « sagte Nikolaus Grünebaum . » Ich danke dir , Nikolaus ! « sagte Anton Unwirrsch . » Vivat , er ist da ! Vivat , er lebe hoch ! - nochmals , ab - « schrie aus vollem Halse der Meister Grünebaum , brach aber ab , als ihm der Schwager die Hand auf den Mund drückte . » Nicht so laut , um Gottes willen nicht so laut , Niklas ! Die Frau liegt hier