Eulenbruch , im Winzelwalde - soso - hm , hm - ei , ei - schöne Gegend - hm - das einzige Kind ? « Inquisit verstand die Frage nicht im mindesten ; starr und grollend blickte er den Rat an . » Ich frage , ob Ihr noch Geschwister habt , Wolf ? « » Nein . Fritz ist ausgerissen , vielleicht nach Amerika . ' s war unser Ältester . Die andern vier sind tot . « » Hm , hm - sechs . Vier tot . Schon lange ? « » Ja . Wir waren unser sechse ; drei Jungen und drei Mädchen : Fritz und ich , Franz , Riekchen , Lieschen und Linchen . Wir schliefen alle in einer großen Bettstatt voll Eichenlaub , trocken und warm . Die Mädchen hatten auch noch eine Bettdecke , wir Jungen hatten aber nichts weiter als des Vaters Soldatenmantel . Die Mutter war tot , der Vater meistens im Wald , um auf die Wilddiebe zu passen . Deren hatte er einen erschossen , und so hatte er ein bös Leben mit den andern ; sie schossen oft genug wieder auf ihn , haben ihn aber nicht getroffen . Fritz war der Älteste von uns ; wir mußten ganz allein für uns sorgen ; wir hatten die Hunde , einen zahmen Fuchs , einen Kolkraben und noch manche andere Tiere . Linchen war die Kleinste und die Klügste von uns ; die war eigentlich unsere Mutter , obgleich sie noch ganz winzig war . Wir waren wie die jungen Füchse , hatten alle auch rote Haare , die kamen von meiner Mutter ; meine sind jetzt dunkler geworden . Linchen hatt ich am liebsten von meinen Brüdern und Schwestern ; es hatte Augen so klar und tief wie das grundlose Wasser , das unter dem Eulenkopf steht . Einmal , zur Jagdzeit , saß es ganz still und hielt den ganzen Tag über den Kopf mit den Händen , und als es in der Nacht unter seiner alten Decke an meiner Seite lag , da fühlte ich , daß seine Hände ganz heiß waren , und doch zitterte es am ganzen Körper vor Frost und wühlte sich immer tiefer in das Laub . Am andern Tage sprach es ganz tolle Worte und schrie , der Berggeist wolle es holen und in die Erde hinabziehen . Dann packte die Krankheit den Fritz und so eins nach dem andern , zuletzt mich . Die Hunde , die sonst wohl , der Wärme wegen , zu uns in unsere Hürde krochen , wollten nun nicht mehr mit uns darin bleiben , sie sprangen heraus und krochen im Winkel zusammen . Anfangs hörte ich noch , wie der Vater ärgerlich über uns war , und ich fühlte , wie er mehr Laub auf uns warf und alle seine Röcke und den Mantel unserer toten Mutter und alle unsere Kleider . Er hatte niemand , der ihm half in dieser großen Not ; denn er war nicht sehr beliebt bei den Menschen in der Gegend , weil er so wild und hart gegen die Wilddiebe und die Holzfrevler war . Sie nannten uns nur die roten Wölfe und pfiffen , wenn wir uns zeigten im Dorfe . Manchmal kam wohl eine alte Frau , welche Reisig gelesen hatte , und gab Rat ; aber das geschah nur nach Bequemlichkeit und selten . So waren wir jetzt im Eulenbruch so verlassen wie die jungen Füchse , denen die Mutter weggeschossen ist . Wie das Linchen und die andern kam ich in einen Zustand , in welchem ich nichts mehr von mir wußte ; aber einmal wachte ich auf und sah im Traum viele Herren mit Gewehren und Jagdtaschen vor mir . Sie starrten uns ganz merkwürdig in unserm Bette an , und einer hielt ein Paar Gläser vor die Augen . Sie flüsterten alle und schüttelten die Köpfe , und unser Vater stand auch dabei , hielt die Mütze in den Händen und drehte sie hin und her . Die Herren sprachen dann alle auf ihn ein ; er sagte auch etwas , zuckte die Achseln und sah sehr wild und verzweifelt aus . Einige der Herren hatte ich wohl schon gesehen . Sie kamen öfters zur Jagd nach dem Eulenbruch . Bald wurde es aber wieder so dunkel vor meinen Augen wie zuvor , und als ich endlich von neuem aufwachte , da lag ich zwar noch in der Bettstatt , hatte auch ein ordentlich Kopfkissen , und eine alte Frau saß da mit der Brille auf der Nase und strickte und gab mir einen Löffel bitterer Medizin ; aber meine Geschwister bis auf den Fritz waren nicht mehr da . Alle , alle - das Riekchen , das Lieschen , das Linchen und Franz - alle waren fort , waren tot . Wir hatten alle mitsammen die Röteln gehabt , und bis auf Fritz und mich waren die andern daran gestorben und verkommen . Zu Poppenhagen waren sie begraben , während ich bewußtlos lag - eine ganze Reihe von kleinen Gräbern . Es war zu spät gewesen , als die Herren von der Jagd uns in unserm Laub , im Fieber sahen , dem Vater Geld gaben und den Pastor Tanne aus Poppenhagen zu ihm schickten , daß er ein Einsehen tue und sich unserer mit dem Doktor Rust und der Frau Wurm aus dem Feldhüterhaus annähme . Es war ein guter Mann , der Pastor Tanne ; er hat mich , nachdem mein Bruder und ich wieder gesund geworden waren , mit sich genommen nach Poppenhagen und hat mich , da er selbst keine Kinder hatte , erzogen wie seinen eigenen Sohn . Er wollte auch meinen Bruder mit sich nehmen , aber der konnte von dem wilden Leben im Forste nicht lassen . Doch in die Schule mußte er jetzt auch kommen . Jetzt ist er längst in die weite Welt gegangen ; ich habe nie wieder von ihm gehört