Schwarte hergrinste ! » Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse ! « » Eine Chronik der Sperlingsgasse ! « Ein Kinderkopf drückt sich drüben im Hause gegen die Scheibe , und der Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten über die Gasse in mein dunkles Fenster und über die Büchergestelle an der entgegengesetzten Wand . Ein gutes , ein glückliches Omen ! Grinst nur , ihr Meister in Folio und Quarto , ihr Aldinen und Elzevire ! Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse ; eine Chronik der Sperlingsgasse ! Ich mußte mich wirklich setzen , so arg war mir die Aufregung in die alten Beine gefahren , und benutzte das gleich , um ein Buch Papier zu falzen für meinen großen Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten Schnee . Bah ! - Wo war er geblieben ? Wie ein guter Diener war er , nachdem er die Ankunft seines Meisters , des gestrengen Herrn Winters , verkündet hatte , zurückgekehrt , ohne eine Spur zu hinterlassen . - - - Ich bin ein einsamer alter Mann geworden ! Die bunten , ewig wechselnden , ewig neuen Bilder dieses großen Bilderbuches , Welt genannt , werden meinen alten Augen dunkler und dunkler ; mehr und mehr verschwimmen sie , mehr und mehr fließen sie ineinander . Ich bin mit meinem Leben da angelangt , wo , wie in jenem Übergang vom Wachen zum Schlaf , die Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Müden kreuzen , wo aber bereits die dunkle , traum-und geistervolle Nacht über alles , Gutes und Böses , ihren Schleier breitet . Ich bin alt und müde ; es ist die Zeit , wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt . Schaue ich auf aus meinen Träumen , so sehe ich zwar dasselbe Lächeln , dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her wie vor langen , blühenderen Jahren , aber wenn auch Freude und Leid dieselben geblieben sind auf der alten Mutter Erde : die Gesichter selbst sind mir fremd - ich bin allein ! - Allein - und doch nicht allein . Aus der dämmerigen Nacht des Vergessens taucht es auf und klingt es ; Gestalten , Töne , Stimmen , die ich kannte , die ich vernahm , die ich einst gern sah und hörte in vergangenen bösen und guten Tagen , werden wieder wach und lebendig ; tote , begrabene Frühlinge fangen wieder an zu grünen und zu blühen ; vergessener Kindermärchen entsinne ich mich : ich werde jung und - fahre auf und - erwache ! Versunken ist dann die Welt der Erinnerung , mich fröstelt in der kalten , traurigen Gegenwart , drückender fühle ich meine Einsamkeit , und weder meine Folianten noch meine anderen mühsam aufgestapelten gelehrten Schätze vermögen es , die aufsteigenden Kobolde und Quälgeister des Greisenalters zu verscheuchen . Sie zu bannen , schreibe ich die folgenden Blätter , und ich schreibe , wie das Alter schwatzt . Für einen Freund will ich diese Bogen ansehen , für einen Freund , mit dem ich plaudere , der Geduld mit mir hat und nicht spöttelt über Wiederholungen - ach , das Alter wiederholt ja so gern - , der nicht zum Aufbruch treibt , wo die vertrocknete Blume irgendeiner süßen Erinnerung mich fesselt , der nicht zum Bleiben nötigt , wo ein trübes Angedenken unter der Asche der Vergessenheit noch leise fortglimmt . Eine Chronik aber nenne ich diese Bogen , weil ihr Inhalt , was den Zusammenhang betrifft , gar sehr jenen alten naiven Aufzeichnungen gleichen wird , die in bunter Folge die Begebenheiten aus Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft erzählen : die jetzt eine Schlacht mitliefern , jetzt das Erscheinen eines wundersamen Himmelszeichens beobachten ; die bald über den nahen Weltuntergang predigen , bald wieder sich über ein Stachelschwein , welches die deutsche Kaiserin im Klostergarten vorführen läßt , wundern und freuen . Und wie die alten Mönche hier und da zwischen die Pergamentblätter ihrer Historien und Meßbücher hübsche , farbige , zierlich ausgeschnittene Heiligenbilder legten , so will auch ich ähnliche Blätter einflechten und durch die eintönigen , farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage frischere , blütenvollere Ranken schlingen . Ich , der Greis - der zweiten Kindheit nahe , will von einem Kinde erzählen , dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl , den an einem Regentage Wind und Wolken über die Fluren jagen ; der im Vorbeigleiten Blumen und Steine küßt und in derselben Minute das glückliche Gesicht der Mutter über der Wiege , die heiße Stirn des Denkers über seinem Buche und die bleichen Züge des Sterbenden streifen kann . Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den schriftstellerischen Kontrapunkt bekümmern ; was mir die Vergangenheit gebracht hat , was mir die Gegenwart gibt , will ich hier , in hübsche Rahmen gefaßt , zusammenheften , und bin ich müde - nun so schlage ich dieses Heft zu , wühle weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit und kompiliere lustig fort an meinem wichtigen Werke De vanitate hominum , einem ausnehmend - dicken Gegenstande . Am 20. November Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen , krummen , dunkeln Gassen , in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt ; ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen , mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen , welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat . Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit , um welchen sich ein neues Leben in liniengraden , parademäßig aufmarschierten Straßen und Plätzen angesetzt hat , und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen , ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589 , der dort lehnt , liebkosend mit der Hand zu berühren . Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils scheinen noch ein originelleres , sonderbareres Völkchen zu sein als die Leute der modernen Viertel . Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts , und der