Knabe besann sich ganz ernstlich und rief : » Halt , du darfst mir ' s nicht sagen , was es ist ... Das ist ja eine Hagebutte . « Das Mädchen nickte beifällig und machte ein Gesicht , als ob sie ihm das Räthsel zum Erstenmal aufgegeben hätte , während sie es doch schon oft gethan hatte und nur immer wieder aufnahm , um ihn damit zu erheitern . Die Sonne hatte grade die Nebel zertheilt und das kleine Thal stand in hellglitzernder Pracht , als die Kinder nach dem Teiche gingen , um flache Steine auf dem Wasser tanzen zu machen . Im Vorübergehen drückte das Mädchen nochmals an der Hausklinke , aber sie öffnete sich noch immer nicht und auch am Fenster zeigte sich nichts . Jetzt spielten die Kinder voll Jubel und Lachen am Teich und das Mädchen schien eigentlich zufrieden , daß der Bruder noch immer geschickter war und darüber triumphirte und ganz hitzig wurde ; ja das Mädchen machte sich offenbar ungeschickter als es wirklich war , denn seine Steine plumpsten fast immer beim ersten Anwurf in die Tiefe , worüber es weidlich ausgelacht wurde . Im Eifer des Spiels vergaßen die Kinder ganz , wo sie waren und warum sie eigentlich dahergekommen . Und doch war Beides so traurig als seltsam . In dem jetzt verschlossenen Hause wohnten noch vor Kurzem der Josenhans mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Amrei ( Anna Marie ) und Dami ( Damian ) . Der Vater war Holzhauer im Walde , dabei aber auch anstellig zu allerlei Gewerk , denn das Haus , das er in verwahrlostem Zustand erkauft , hatte er noch selber verputzt und das Dach umgedeckt und noch im Herbst wollte er ' s von innen frisch ausweißen : der Kalk dazu liegt schon dort in der mit röthlichem Reißig überdeckten Grube . Die Frau war eine der besten Taglöhnerinnen im Dorfe , Tag und Nacht in Leid und Freud ' zu Allem bei der Hand ; denn sie hatte ihre Kinder und besonders die Amrei gut gewöhnt , daß sie schon früh für sich selber sorgen konnten . Erwerb und haushälterische Genügsamkeit machten das Haus zu einem der glücklichsten im Dorf . Da warf eine schleichende Krankheit die Mutter nieder und am andern Abend auch den Vater , und nach wenigen Tagen trug man zwei Särge aus dem kleinen Hause . Man hatte die Kinder alsbald in das Nachbarhaus zum Kohlenmathes gebracht und sie erfuhren den Tod der Eltern erst , als man sie sonntäglich ankleidete , um hinter den Leichen drein zu gehen . Der Josenhans und seine Frau hatten keine nahen Verwandten im Ort und doch hörte man laut weinen und die Verstorbenen rühmen , und der Schultheiß führte die beiden Kinder hüben und drüben an der Hand , als sie hinter den Särgen drein gingen . Noch am Grabe waren die Kinder still und harmlos , ja sie waren fast heiter , wenn sie auch oft nach Vater und Mutter fragten ; denn sie aßen beim Schultheiß am Tisch und Jedermann war überaus freundlich gegen sie , und als sie vom Tisch aufstanden , bekamen sie noch Küchle in ein Papier gewickelt zum Mitnehmen . Als indeß am Abend , auf Anordnung des Gemeinderaths , der Krappenzacher den Dami mitnahm und die schwarze Marann ' die Amrei abholte , da wollten sich die Kinder nicht trennen und weinten laut und wollten heim . Der Dami ließ sich bald durch allerlei Vorspiegelungen beschwichtigen , Amrei aber mußte mit Gewalt gezwungen werden , ja sie ging nicht vom Fleck und der Großknecht des Schultheißen trug sie endlich auf dem Arm in das Haus der schwarzen Marann ' . Dort fand sie zwar ihr Bett aus dem Elternhause , aber sie wollte sich nicht hineinlegen , bis sie vom Weinen müde auf dem Boden einschlief und man sie mitsammt den Kleidern in ' s Bett steckte . Auch den Dami hörte man beim Krappenzacher laut weinen , worauf er dann jämmerlich schrie und bald darauf ward er still . Die vielverschrieene schwarze Marann ' bewies aber schon an diesem ersten Abend , wie still bedacht sie für ihren Pflegling war . Sie hatte schon viele , viele Jahre kein Kind mehr in ihrer Umgebung gehabt und jetzt stand sie vor dem schlafenden und sagte fast laut : » Glücklicher Kinderschlaf ! Das weint noch , und gleich darauf , im Umsehen , ist es eingeschlafen , ohne Dämmern , ohne Hin- und Herwerfen . « Sie seufzte schwer . Am andern Morgen ging Amrei frühzeitig zu ihrem Bruder und half ihn ankleiden und tröstete ihn über das was ihm geschehen war ; wenn der Vater käme , werde er den Krappenzacher schon bezahlen . Dann gingen die beiden Kinder hinaus an das elterliche Haus , klopften an die Thüre und weinten laut , bis der Kohlenmathes , der in der Nähe wohnte , herzukam und die Kinder in die Schule brachte . Er bat den Lehrer , den Kindern zu erklären , daß ihre Eltern todt seien , er selber wisse ihnen das nicht deutlich zu machen und besonders die Amrei scheine es gar nicht begreifen zu wollen . Der Lehrer that sein Mögliches und die Kinder waren ruhig . Aber von der Schule gingen sie doch wieder nach dem Elternhaus und warteten dort hungernd wie verirrt , bis man sie abholte . Das Haus des Josenhans mußte der Hypothekengläubiger wieder an sich ziehen , die Anzahlung , die der Verstorbene darauf gemacht , ging verloren , denn durch die Auswanderungen ist namentlich der Häuserwerth beispiellos gesunken ; es stehen viele Häuser im Dorfe leer und so blieb auch das Haus des Josenhans unbewohnt . Alle fahrende Habe war verkauft und daraus ein kleines Erbe für die Kinder erlöst worden ; das reichte aber bei weitem nicht aus , das Kostgeld für sie zu erschwingen , sie waren Kinder der Gemeinde und darum brachte man sie unter bei denen , die sie